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Übersicht Riemann: Klavierschule op.39
 
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Riemann: Klavierschule op. 39,1

Kap. 5 [Seite 5 von 5]

Zu vollendeter Ausführung der Phrasirung, zur Andeutung der Phrasenenden oder Motivgrenzen ohne Unterbrechung des Legato ist noch eine andere Anschlagsmodification nothwendig, Welche sich am ungezwungensten dem Mezzolegato unterordnet; die letzte Note solcher nicht scharf zu trennenden Figuren wird in ähnlicher Weise gespielt wie die Töne einer Mezzolegato-Passage, insofern die Taste nicht herabgedrückt gehalten sondern etwa zur Hälfte gehoben wird, ohne dass der Finger sie ganz verlässt: im Wegfall kommt natürlich der besonders nervige Anschlag, welcher beim Mezzolegato der oben beschriebenen Art der Erzielung des Effekts des Brillanten dient.

Das Non legato voller Akkorde im Piano, wie bei Beethoven op. 14 No. 2:

Notenbeispiel S. 21

wird besser mit leicht fixirtem Handgelenk und knapper Bewegung des Armes im Ellenbogengelenk gespielt, wobei die Finger die Taste erst zu fühlen haben, ehe sie dieselbe herabdrücken (ohne Schlag). Steigert sich die verlangte Tonstärke, so wird das Handgelenk frei gegeben und leicht geschnellt. Das Erheben der Handdecke behufs Verstärkung der Anschlagskraft ist oft genug beim gebundenen Spiel erforderlich, ja selbst Armkraft kann zur Hervorbringung starker Accente im Legato zu Hülfe genommen werden. Etwas ganz Gewöhnliches ist, dass stark forcirte Einsätze mit plötzlicher Strammung der gesammten Muskulatur vom Oberarm bis zu den Fingern gegeben werden (attacca-Ansatz), nachdem die Finger mit schlaffen Gelenken in die nächste Nähe der anzuschlagenden Tasten gebracht worden. Auch besonders leichte Töne werden mit bestem Effekt durch Armanschlag unter elastischer <22> Betheiligung des Hand- und Knöchelgelenks gegeben. Horizontale Bewegungen im Ellenbogengelenk werden nothwendig bei Sprüngen (wo sie sehr schnell und entschieden auszuführen sind), sowie überall da, wo sich Melodie oder Passagenwerk in höhere oder tiefere Regionen hinauf- oder hinabbewegt. Bei weiten Sprüngen, sofern sie nicht über die andere Hand hinweg gehen, ist flache Bewegung in der Nähe der Tasten dem wurfartigen Bogensprung vorzuziehen. Die Finger sind bei allen Sprüngen fest zu formen und auch das Handgelenk ist nicht zu lose zu halten, da jeder während des Sprunges lose gehaltene Theil den Schwerpunkt verschiebt, also die Trefffähigkeit mindert. Zu vermeiden ist dabei jede unnöthige Spannung der Hand. [FN] Beim Anschlag wirken die Faktoren schliesslich wieder zusammen, der Finger greift, das Handgelenk schnellt. Bei Figuren, die in Spannlage sich hin- und herbewegen wie gebrochene Oktaven und dergleichen, ist die Drehung der Hand und des Vorderarmes um die Axe des letzteren durchaus geboten (Seitenschlag), nur ist wieder zu beachten, dass die Finger nicht steif oder schlaff sind.

Der wiederholte Anschlag derselben Taste mit wechselnden Fingern [FN] erfolgt besser durch Staccato-Anschlag mit seitlicher Hin- und Herschiebung der Hand, als durch das Carezzando; die letztere Manier ist nicht der wirksamen Steigerung zum Forte fähig wie die erstere. Betreffs der weiteren praktischen Verwendungen der Anschlagsarten verweise ich auf den praktischen Theil der Schule. Ich wiederhole nur zum Schluss, dass nicht die gesonderte Anwendung des Anschlags aus dem einen oder anderen Gelenke das zu erstrebende Ziel ist, sondern eine harmonische Betheiligung des ganzen Mechanismus, um jederzeit ohne Mühe aus einer Nüance in die andere übergehen zu können.