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Übersicht Riemann: Klavierschule op.39
 
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Riemann: Klavierschule op. 39,1

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Eine Abschwächung des seriösen Stils ist der sentimentale Stil. Seine Verwandtschaft mit dem seriösen besteht im Vorwiegen reinster Stimmung, innigen Gefühls; doch mangelt ihm die wahre Grösse, der feste innere Halt, die ernste Stimmung wird zur trüben oder leidenschaftlich suchenden, rastlosen, klagenden, das innige Gefühl zum weichlichen, schmachtenden. Das phantastische, romantische, elegische sind nur verschieden abgestufte Aeusserungen dieses Stils. Das kurze Staccato ist dem sentimentalen Stil fast ganz fremd, es würde wie Nadelstiche die empfindsame Seele dessen treffen, der mit voller Hingebung die Stimmung genösse. Das Legato ist ebenso für den sentimentalen Stil charakteristisch, wie für den seriösen. Doch tritt an die Stelle einer durchgängig ziemlich grossen Tongebung ein heftiges Schwanken der Intensität, ein krankhaftes Steigern bis an die Grenzen der Schönheit und zurückfallen bis ins fast tonlose pianissimo. Der Vortrag erfordert nicht die Energie des seriösen und nicht die Elasticität des capricciösen, aber vor allem lose Haltung aller Gelenke. Die Phrasirung ist bald lang gedehnt, bald abrupt, wie kurze Seufzer, die Ausdrucksnoten werden stark verlängert, die Temposchattirungen treten auffallend hervor (Rubato). Im sentimentalen <38> Stile überwiegt also die Subjectivität der Empfindung über die klare Darlegung des Inhaltes. Die schwere Aufgabe des Spielers ist nun hier, Mass zu halten, weder zuviel noch auch zu wenig zu thun, die Gesetze der Schönheit nicht zu verletzen durch Verzerrung oder Verwischen der Formen, aber auch nicht die Stileigenthümlichkeit zu vernichten durch zu gemessenen Vortrag, wie er dem seriösen Stil zukommt. Wer Chopin spielen wollte wie Händel, würde für einen Pedanten gelten; aber man darf auch nicht ein Lied ohne Worte von Mendelssohn spielen wie ein Adagio von Beethoven.

Eine Mässigung des capricciösen Stils ist der graziöse Stil, der sich freihält von Excentricitäten, grellen Contrasten und sentimentalen Gefühlsausbrüchen, und wie der seriöse Stil objektive Ruhe und Klarheit bewahrt. Im Gegensatz zum seriösen Stil ist er vorwiegend heiter; Elasticität der Bewegung ist sein specielles Charakteristicum, weshalb er allen leichteren Arten des Anschlags vor den schwereren den Vorzug giebt. Non legato, Finger-Staccato und leichtes Hand-Staccato sind sehr häufig, an Stelle des strengen Legato tritt gern das Mezzolegato. Grobe Töne sind ausgeschlossen, die Phrasirung wird möglichst ins Kleine ausgearbeitet, die dynamischen Schattirungen sind decent zu halten, Tempo rubato kommt wenig oder gar nicht zur Anwendung, wohl aber hie und da ein kokettes ritenuto weniger Noten. Besonderer Werth ist auf die Verzierungen zu legen, welche in dieser Stilgattung ihren ganzen Reiz entfalten (s. § 12). Der graziöse Stil ist in der neueren Claviermusik besonders für kleinere Formen beliebt; dass er für die Mehrzahl der Tanzstücke gilt, ist an sich einleuchtend. In der älteren Claviermusik überwiegt er über alle anderen Stile; gedenken wir des kurzen Tones der älteren Clavierinstrumente, so ist es wohl erklärlich, dass gerade eine Stilart, die im leichten Spiele zierlich trippelnder Töne ihr Wesen hat, sich zuerst und vorzugsweise entwickeln musste, nachdem sich der Clavierstil vom Orgelstil ganz losgerungen hatte. Was man ehedem den galanten Stil nannte, war ja nichts anderes als der zuerst selbständig hervortretende Clavierstil überhaupt im Gegensatz zu dem gothisch durchbrochenen aber doch immer massiven Orgelstil. Bekanntlich ist es das Verdienst der Franzosen Fr. Couperin und J.Ph. Rameau, des Italieners D. Scarlatti <39> und der Deutschen J.S. Bach und C.Ph.E. Bach, den Clavierstil geschaffen zu haben. Grazie ist das erste Vortragsgesetz für die Ausführung jener älteren Werke, womit nicht gesagt sein soll, dass nicht einzelne Piecen seriös oder capricciös aufzufassen wären; Sentimentalität und Romantik aber sind nur selten bei ihnen zu finden und müssen meist im Spiel als stilwidrig verworfen werden. Der seriöse Stil ist aber selbst bei Mozart noch von so wenig Energie (abgesehen von einigen Ausnahmen wie der Phantasie in c-Moll op. 11), dass man auch seine ersten Sonatensätze und Adagios zum graziösen Stile zu rechnen befugt ist. Die darin herrschende Naivität als Grundlage eines besonderen naiven Stils annehmen zu wollen, scheint mir überflüssig, weil daraus neue Anhaltepunkte für den Vortrag nicht zu gewinnen sein würden. Allenfalls könnte man eine grössere Verwendung des reinen Legato für denselben zugestehen.