Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Übersicht Riemann: Klavierschule op.39
 
Startseite
Inhaltsverzeichnis

Riemann: Klavierschule op. 39,1

§ 12. Verzierungen.

[Seite 1 von 10]

<60> Wenn die Verzierungen in aller Musik von hoher Bedeutung sind, so ganz besonders in der Claviermusik, zumal der älteren, da die Tonarmuth des Instruments darauf hinwies, den Mangel an Klangfülle durch Beweglichkeit zu verdecken. Das Arpeggio, das Tremolo, die in Sekundfolge durch die Akkorde laufenden Passagen verdanken demselben Grunde ihre Entstehung wie die eigentlichen Verzierungen, die zierliche und geschmackvolle Ausschmückung der Melodie. Der ehemalige Entstehungsgrund ist bis zu einem gewissen Grade in Wegfall <61> gekommen durch die glanzvolle Entwickelung des Pianofortebaues, welche dem Instrumente nicht nur mit jedem Streich- oder Blasinstrumente sondern mit dem ganzen Orchester zu rivalisieren gestattet, wenn auch noch heute das schnelle Diminuendo des Tones nicht geläugnet werden kann (vgl. § 5); die Verzierungen sind aber geblieben, haben nur eine andere Bedeutung gewonnen. Sie sind, wenn wir jene älteren Tonwerke ausführen, wirklich nur Zierrat, Schmuck, während sie ehedem mehr Verputz als Putz waren, vergleichbar dem modernen Schmuck der Häuser, welcher die Spalten der aneinander gefügten Steine verdeckt. In der neueren Musik sind die ehemals so beliebten Verbrämungen fast verbannt und nur solche Verzierungen, welche aus innerer Nothwendigkeit hervorgegangen ihre feste Stelle im Tongefüge haben, werden vom heutigen Geschmack noch als vollberechtigt anerkannt. Es ist aber ganz verkehrt, an älterer Claviermusik die gar reichlich aufgewendeten Verzierungen nur als Geschmackslosigkeit zu tadeln; man begreift dieselben als vollkommen gerechtfertigt und natürlich, wenn man der Natur der damaligen Instrumente gedenkt. Selbst noch Beethoven musste bei seinen Clavierwerken darauf rechnen, dass nur wenige besser situierte dieselben auf einem Hammerklavier (das übrigens ebenfalls von seiner heutigen Tonfülle noch gar weit entfernt war) ausführen konnten, während der Mehrzahl nur das trockene Cembalo oder das schwächliche Clavichord zu Gebote stand. Der grosse Meister sah freilich in die Zukunft und schuf Werke, die in vollstem Masse erst zur Geltung kommen konnten, als das Instrument sich zum Rivalen des Orchesters entwickelt hatte; wir finden daher, dass bei ihm dass Verzierungswesen schon nicht mehr seine alte, sondern dass es bereits seine heutige Bedeutung hat; es ist nicht mehr Zuthat, sondern organischer Bestandtheil des Tonwerkes.