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Übersicht Riemann: Klavierschule op.39
 
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Riemann: Klavierschule op. 39,1

Kap. 11 [Seite 12 von 12]

Häufig genug darf dieser Motiv-Anfangsaccent ein ziemlich starker sein, und wir müssen annehmen, dass das immer da der Fall sein soll, wo der Componist es durch sf fordert [FN]. Dass überhaupt und ganz allgemein die Anfangsnoten der Taktmotive, wenigstens der Phrasen eine geringe Verstärkung vertragen oder fordern, ist schon wiederholt bemerkt worden (vgl. die Anmerkungen zu Anfang dieses § ). Die Rechtfertigung ist eine rein ästhetische, nämlich die, dass die Konturen sich deutlicher abheben, wenn Anfang und Ende markiert werden. Für den Anfang mögen wir ohne Bedenken allgemein eine geringe Verstärkung gutheissen, für das Ende erscheint dagegen nur eine Zeitzugabe als das natürliche Mittel der Markierung. Diese Verstärkung der Anfangsnoten hat nichts gemein mit den natürlichen dynamischen Schattierungen, welche den metrischen Formen zukommen; sie tritt aus dem Rahmen der natürlichen Steigerung heraus als Extraverstärkung, als eigentlicher Accent. Wenn ein auftaktiges Motiv naturgemäss crescendo gedacht ist, so kann eine unvorsichtige Verstärkung der Anfangsnote geradezu das Verstehen des Motivs unmöglich machen, Z.B.

Notenbeispiel S. 59, Nr. 2

statt des allein richtigen:

Notenbeispiel S. 59, Nr. 3

<60> Unmöglich können wir ahnen, dass wir uns im 3/8 Takt, richtiger in 6/8 Takt, mit zwei Zähleinheiten, also 2/3:

Notenbeispiel S. 60, Nr. 1

bewegen, wenn jedes erste von 2 Achteln hervorgehoben wird. Wo wie hier keie Begleitstimme die Taktauffassung unterstützt, muss man vor allem streben, erst diese rechte Auffassung des Taktes zu sichern. Das geschieht, indem bis zum d" sehr geschlossen und in stetem crescendo gespielt wird; das Lesezeichen markiert das Ende des Taktmotivs.

Gerade aus dem gegentheiligen Grunde ist aber in anderen Fällen die Verstärkung der Anfangsnote des Taktmotvis von ausgezeichneter Wirkung, wenn nämlich die herrschende Taktart längst zweifellos feststeht und nur die Auftaktigkeit der Motive eindringlicher ausgedrückt werden soll, wie bei Beethoven op. 22, 2. Satz:

Notenbeispiel S. 60, Nr. 2

Diese Andeutungen müssen hier genügen, die rechten Wege für die Phrasierung zu weisen und die scheinbaren Abweichungen von den Grundregeln zu erklären. Im übrigen verweise ich auf meine "Musikalische Dynamik und Agogik" und die zahlreichen von mir redigirten Phrasierungsausgaben. [FN: ...]