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Übersicht Riemann: Klavierschule op.39
 
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Riemann: Klavierschule op. 39,1

Kap. 13 [Seite 2 von 2]

<76> Eine ziemlich grosse Anzahl scheinbar sehr komplizirter Fälle muss übrigens vereinfacht werden, weil die exakte Ausführung, auch wenn sie möglich wäre, einen schlechten Effekt geben würde. So hat es z.B. keinen Sinn, den Schüler mit dem Versuch der exakten Ausführung der 26. Etüde von Czernys-Schule der Geläufigkeit zu quälen, 19, 21 und 23 Sechzehntel resp. Zweiunddreissigstel korrekt auf 6 Achtel zu vertheilen ist ein unlösbares Kunststück; Czerny denkt aber auch nicht an eine solche Lösung. Laut Metronomisirung (punktiertes Viertel = 88) soll nach punktirten Vierteln gezählt werden, d.h. zwei Zähleinheiten in jeden Takt; wir werden daher 19 zerlegen in 10 + 9, 21 in 11 + 10, 23 in 12 + 11: nun haben wirs mit realen Möglichkeiten zu thun, man theilt durch einen Strich die lange Sechzehntelkette in 2 Theile und spielt unter Festhaltung der Zähleinheiten die 9, 10, 11 oder 12 Noten möglichst gleichmässig ab. Mehr ist nicht zu leisten. Solange der Schüler die Etude noch langsam studirt und nach Achteln zählt, muss er noch weitere Vereinfachungen eintreten lassen und z.B. 10 zerlegen in 4 + 3 + 4, wobei der gute Geschmack ihn leiten wird, Vermehrungen oder Veränderungen der Zahl der Untertheile da eintreten lassen, wo die Passagen wenden, z.B.

Notenbeispiel S. 76, Nr. 1

Denn in solchen Fällen wird das Interesse am melodischen über die rhythmische Unebenheit hinwegtäuschen. Ein ähnliches Verfahren ist in vielen Fällen anzuwenden, wo man schwierige Probleme vor sich zu haben meint, z.B. bei Beethoven op. 31,1 im 2. Satze:

Notenbeispiel S. 76, Nr. 2

<77> So verschwindet die ganze Anomalie von 11 gegen 6 in einer einfachen Triole. Ernsthaftere Schwierigkeiten entstehen dagegen, wenn Punktirungen oder Synkopen in einer Stimme eine irrationale Untertheilung in einer anderen gegenübertritt, wie z.B.

Notenbeispiel S. 77, Nr. 1

oder

Notenbeispiel S. 77, Nr. 2

Da heisst es denn, die Auffassung konzentriren, die Zähleinheiten festhalten, deren regelmässige Untertheilung exact durchführen und den irrationalen Rhythmus dagegen möglichst genau zur Geltung zu bringen. Übung, allmähliches Vordringen vom leichteren zum schwereren, führt schliesslich zur Beherrschung aller dieser Komplikationen, soweit sie nicht die Grenzen des Auffassungsvermögens übersteigen und zu Vereinfachungen zwingen. Im 4. Heft der Materialien ist eine Auslese rhythmischer Probleme von stufenweise ansteigender Schwierigkeit zusammengestellt. Man vergleiche auch H. Germers "Rhythmische Probleme" und die rhythmischen Studien in E. Mertkes "Technischen Uebungen."