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[J.S. Bach]: Kontroverse Scheibe vs. Birnbaum

Vorbemerkung zu Scheibes Polemik gegen J.S. Bach

Im Jahre 1737 veröffentlichte der Musiker und Musikgelehrte Johann Adolf Scheibe in seiner Zeitschrift "Der Critische Musicus" eine Glosse, in der er die Eigenheiten einiger angesehener Komponisten karikierte. Die Glosse ist in Form eines Briefes gehalten, verfaßt angeblich von einem "geschickten Musikanten, der sich anitzo auf Reisen befindet". Scheibe, der die Empfindlichkeit seine Kollegen wohl kannte, nannte weder Namen noch Orte. Aber dem damaligen Musikliebhaber und Kenner reichten die Andeutungen sicherlich aus, um die Personen zu identifizieren.

In der Glosse des "Critischen Musikus" thematisiert Scheibe ganz deutlich den ästhetischen Wandel, der in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sich vollzogen hat: weg von den kontrapunktischen Kunstfertigkeiten und dem polyphonen Stimmgewebe - hin zu einer schlichteren, melodie- und oberstimmenbetonten Satzweise. In Scheibes Augen war Johann Sebastian Bach Repräsentant des antiquierten Stils. Daß Bach duchaus in beiden musikalischen Welten zu Hause war (wie seine diversen Suiten- und Partitensammlungen belegen), ignorierte Scheibe (um der Polemik willen) geflissentlich.

J. A. Scheibe: Critischer Musikus. Das 6 Stück.

Dienstags, den 14 May, 1737.

<62> Der Herr ... ist endlich in ... der Vornehmste unter den Musicanten. Er ist ein außerordentlicher Künstler auf dem Clavier und auf der Orgel; und er hat zur Zeit nur einen angetroffen, mit welchem er um den Vorzug streiten kann. Ich habe diesen grossen Mann unterschiedenemale spielen hören. Man erstaunet bey seiner Fertigkeit, und man kan kaum begreifen, wie es möglich ist, daß er seine Finger und seine Füsse so sonderbar und so behend in einander schrencken, ausdehnen, und damit die weitesten Sprünge machen kan, ohne einen einzigen falschen Ton einzumischen oder durch eine so heftige Bewegung den Körper zu verstellen.

Dieser grosse Mann würde die Bewunderung ganzer Nationen seyn, wenn er mehr Annehmlichkeit hätte, und wenn er nicht seinen Stücken durch ein schwülstiges und verworrenes Wesen das Natürliche entzöge, und ihre Schönheit durch allzugrosse Kunst verdunkelte. Weil er nach seinen Fingern urtheilet, so sind seine Stücke überaus schwer zu spielen; denn er verlangt, die Sänger und Instrumentalisten sollen durch ihre Kehle und Instrumente eben das machen, was er auf dem Claviere spielen kann. Dieses aber ist unmöglich. Alle Manieren, alle kleine Auszierungen, und alles, was man unter der Methode zu spielen versteht, drücket er mit eigentlichen Noten aus, und das entzieht seinen Stücken nicht nur die Schönheit der Harmonie, sondern es machet auch den Gesang durchaus unvernehmlich. [Alle Stimmen sollen mit einander, und mit gleicher Schwierigkeit arbeiten, und man erkennet darunter keine Hauptstimme. - Anm.] Kurz: Er ist in der Musik dasjenige, was ehmals der Herr von Lohenstein in der Poesie war. Die Schwülstigkeit hat beyde von dem Natürlichen auf das Künstliche, und von dem Erhabenen auf das Dunkle geführet; und man bewundert an beyden die beschwerliche Arbeit und eine ausnehmende Mühe, die doch vergebens angewendet ist, weil sie wider die Vernunft [Natur - Anm.] streitet.

Editorische Anmerkungen zu J.A. Scheibe

Kommentar zu J. A. Birnbaums Replik auf J.A. Scheibe

Es ist anzunehmen, daß Bach die Polemik Scheibes zur Kenntnis genommen hat. Ob er aber wirklich seinem Freund, dem Rhetorik-Dozenten Johann Abraham Birnbaum (1702-1748) den Auftrag erteilte, die folgende "Gegendarstellung" zu veröffentlichen, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit feststellen.

Birnbaum war gleichermaßen bekannt für seine Streitlust wie für seine eher konservative Haltung, und entsprechend harsch fiel seine umfängliche Replik aus:

 

Birnbaum: Unpartheyische Anmerckungen...

Leipzig Anfang JANUAR 1738

Unpartheyische
Anmerckungen
über
eine bedenckliche stelle
in dem
Sechsten stück
des
Critischen Musicus.

Gedruckt in diesem Jahre.

Dem
Hoch-Edlen Herrn,
HERRN
Joh. Sebastian
Bachen
Sr. Königl. Maj. in Pohlen und Churfl. Durchl. zu Sachsen
hochbestalten Hoff Compositeur und
Capell-Meister, wie auch Directoren der Music und Cantoren an der
Thomas Schule in Leipzig widmet
diese Ihn selbst angehende blätter mit
vieler ergebenheit der
Verfasser.
 

HORATIVS.
Quid uerum atque decens curo, &
rogo, & omnis in hoc sum.

Derjenige Soll noch gebohren werden, der das gantz besondere glück haben wird allen zu gefallen. Es ist zwar nicht zu leugnen; einen menschen, der als ein inbegriff aller vollkommenheiten, allgemeinen beyfall zu erhalten würdig wäre: werden wir in einer welt, welcher die unvollkommenheit nur allzueigen, vergebens erwarten. Allein wir haben billig ursach zu frieden zu seyn, wenn bey der unzertrennlichen verbindung des guten und bösen, das erstere das letztere ungleich überwiegt.

Lob und tadel sind die gewöhnlichen urtheile der menschen, so beydes zum gegenstande haben, Sollen beyde von der gerechtigkeit gebilliget werden; so muß. vor allen dingen die wahrheit vor sie reden. Allein wie groß ist wohl die anzahl <> dererjenigen, welche dißfalls wahre vollkommenheiten und unvollkommenheiten gründlich zu unterscheiden wissen? Besäßen alle die, so es ihr hauptwerck seyn lassen, anderer thun und lassen zu beurtheilen, die hierzu erfoderte geschicklichkeit: es würde ohnstreitig iedem sein recht wie[der]fahren. Die anzahl niederträchtiger schmeichler und unbesonnener tadler würde allerdings, geringer seyn, als sie ist.

Indessen lehrt die tägliche erfahrung, daß beydes loben und tadeln die gefährlichsten steine des anstossens sind, an denen der meisten menschen urtheile straucheln. Es braucht wenig nachsinnens so wird man hiervon mehr als eine ursache finden. Bald fehlt es an gründlicher einsicht in die zu lobenden oder zu tadelnden sachen. Man urtheilet von dingen, die man nicht verstehet. Bald wird man durch allzupartheyische affecten verblendet. Ein solches urtheil thut der wahrheit allzeit gewalt. Bald schreibt ein eigensinniger, dabey aber verderbter geschmack, der vernunfft gesetze vor. Was mit demselben übereinstimmet, wird allein des lobes würdig erkannt: was hingegen demselben zuwieder ist, als unbillig schlechterdings verworffen. Bald wird man durch das allgemeine urtheil der welt verführet. Man redet mehr nach den vorgefaßten meynungen anderer, als aus eigener überzeugung. So kann es nicht andere seyn: es muß persohnen und sachen von gantz ausserordentlichen vorzügen, der <> ihnen von rechtswegen zugehörige werth entzogen werden.

Dieses waren ohngefehr die zufälligen gedancken, welche ich hegte, als mir das sechste stück des critischen Musicus zu gesichte kahm. Ich las darinnen einen brief, welcher beydes lob und tadel dererjenigen in sich hielt, welche in Teutschland und Sachsen die vornehmsten Meister in der Music theils würcklich sind, theils davor wollen gehalten seyn. Da der verfasser desselben sich nicht nennet: dennoch aber von einem und dem andern ziemlich frey urtheilt; entstund bey mir eine begierde, etwas genauer zu wissen von wem doch dieser brief möchte verfertiget seyn. Ich hielt diese neugierigkeit eben nicht vor so gar unbillig. Ich glaubte daß die kenntniß einer persohn, welche ihre urtheile der welt vor augen legt, auf eine genauere untersuchung ihrer fähigkeiten und einsicht in das, worüber sie urtheilt, führe: und daß diese gelegenheit gebe den werth der urtheile selbst desto besser zu prüfen. Ich verfiel daher auf verschiedene muthmaßungen, deren einige vielleicht nicht ungegründet seyn möchten. Zum wenigsten zeigten einige besondere umstände des gedachten briefs gantz deutlich, daß man nicht lange nach der Scheibe zielen dürffe wenn man das schwartze treffen wolle.

Ich habe schon vorhin erinnert, daß die absicht dieses schreibens dahin gehe, sowohl die <> verdienste, als auch die fehler einiger Componisten und Musicverständigen zu beurtheilen. Nur schade, daß die urtheile nicht allzeit mit der wahrheit übereinstimmen, und nur allzustarck nach vorurtheilen schmecken. Zum beweis hiervon, mag folgende stelle dienen;

"der Herr - - ist endlich in - - der vornehmste unter den Musicanten. Er ist ein ausserordentlicher künstler auf dem Clavier und auf der Orgel, und er hat zur zeit nur einen angetroffen, mit welchem er um den vorzug streiten kann. Ich habe diesen grosen mann unterschiedene mahl spielen hören. Man erstaunet bey seiner fertigkeit, und man kann kaum begreifen wie es möglich ist, daß er seine finger und seine füsse so sonderbahr und so behend in einander schrencken, ausdehnen und damit die weitesten sprünge machen kann, ohne einen einzigen falschen thon einzumischen oder durch eine hefftige bewegung den körper zu verstellen.

Dieser grosse mann würde die bewunderung gantzer Nationen seyn, wenn er mehr annehmlichkeit hätte, und wenn er nicht seinen stücken durch ein schwülstiges und verworrenes wesen das natürliche entzöge, und ihre Schönheit durch allzugrosse kunst verdunckelte. Weil er nach seinen fingern urtheilet, so sind seine stücken überaus schwehr <> zu spielen; denn er verlangt, die Sänger und instrumentalisten sollen durch ihre kehle und instrumenten eben das machen, was er auf dem claviere spielen kan. Dieses aber ist unmöglich. Alle manieren, alle kleine ausziehrungen, und alles, was man unter der methode zu spielen verstehet, drucket er mit eigentlichen noten aus -, und das entziehst seinen stücken nicht nur die Schönheit der harmonie, sondern macht auch den gesang durchaus unvernehmlich. Alle stimmen sollen mit einander und mit gleicher schwierigkeit arbeiten, und man erkennet darunter keine hauptstimme. Kurtz er ist in der Music dasjenige, was ehemahls der Herr von Lohenstein in der Poesie war. Die schwülstigkeit hat beyde von dem natürlichen auf das künstliche, und von dem erhabenen auf das dunckele geführet, und man bewundert an beyden die beschwehrliche arbeit und eine ausnehmende mühe, die doch vergebens angewendet ist, weil sie wieder die natur streitet."

Ich habe diese stelle unter verschiedenen andern vornehmlich darum erwehlet; weil mich theils die liebe zur wahrheit, theils auch die besondere hochachtung vor den wahrhafftig grosen Meister in der Music den sie angeht, verpflichtet desselben ehre zu retten. Es ist solches der Königl. Pohln. und Churfl. Sächsische <> Hof-Compositeur und Capell-Meister Herr Johann Sebastian Bach in Leipzig.

Der verfasser dieser stelle lobt an einem theile den Herrn Hof-Compositeur, am andern theile tadelt er Ihn desto schärfer. Bey genauer untersuchung, habe ich das Ihm beygelegte lob unvollkommen, die Ihm beygemeßenen fehler aber ohne grund befunden. Beydes will ich deutlicher darthun.

Der Herr Hof-Compositeur wird der vornehmste unter den Musicanten in Leipzig genennet. Dieser ausdruck fällt allzustarck in das niedrige und schickt sich nicht zu den tituln: ausserordentlicher künstler, grosser mann, die bewunderung gantzer nationen; welche dem Herrn Hof-Compositeur in folgenden beygeleget werden. Musicanten nennet man insgemein diejenigen, deren hauptwerck eine art von musicalischer praxi ist. Sie sind dazu bestellt, ja sie begeben sich offt freywillig dazu, die von andern gesetzte stücken, vermittelst musicalischer instrumenten dem gehör mitzutheilen. Ja nicht einmahl alle von dieser art, sondern die geringsten und schlechtesten, führen meistentheils diesen nahmen; so daß unter Musicanten und bierfiedlern fast kein unterscheid ist. Ist einer von dergleichen musicalischen practicis ein ausserordentlicher <> künstler auf seinem instrument; so nennet man ihn keinen musicanten, sondern einen virtuosen. Am allerwenigsten kommt dieser so verächtliche nahme grossen componisten und denen die musicalische Chöre zu dirigiren haben, zu. Nun urtheile der vernünfftige leser selbst, ob es wohl dem Herrn Hof-Compositeur zu einem ihm gebührenden vollkommenen lobe gereichen könne, wenn man ihn den vornehmsten unter den musicanten betittelt. Dieses ist meines erachtens eben so viel, als wenn ich einen grundgelehrten mann dadurch ein besonderes ehrengedächtniß stifften wollte, daß ich ihn den ersten in der letzten classe der schulknaben nennte. Der Herr Hof-Compositeur ist ein grosser Componist, ein meister der Music, ein virtuos auf der orgel und dem clavier der seines gleichen nicht hat, aber keinesweges ein musicant. Vielleicht aber wird sich der verfasser damit entschuldigen wollen, daß er dißfalls von dem gemeinen sprachgebrauch abgegangen sey, und das wort musicant in einem weit edlern verstande nehme. Allein dieses wird ihm wenig helffen. Denn gesetzt er hätte gegründete ursache gehabt vom dem allgemeinen sprachgebrauch abzugehen, welches ich aber keineswegs einräume: so hätte er doch zum wenigsten durch eine deutliche wortbeschreibung, die leser, von der neuangenommenen bedeutung unterrichten sollen. <> Ja er hätte überhaupt nicht einmahl nöthig gehabt sich dieses worts zu bedienen. Es fehlt ja der Teutschen sprache keineswegs an ausdrückungen, die dasjenige weit nachdrücklicher anzeigen, was dadurch hat gesagt werden sollen.

In denen unmittelbar folgenden worten rühmt der verfaßer den Herrn Hof-Compositeur als einen ausserordentlichen künstler auf dem clavier und der orgel. Ich könnte hier erinnern daß das wort künstler allzuhandwercksmäßig klinge, und, daß also zu reden, dem einmahl eingeführten sprachgebrauch eben so zu wieder sey, als grose Philosophen, Redner und Dichter künstler im dencken, reden und verse machen, zu nennen. Allein es ist eine kleinigkeit. Und ich würde es gantz unberührt gelassen haben, wenn nicht der gebrauch eines worts, das eine so unrichtige bedeutung hat und an dessen stelle ein weit nachdrücklicheres mit leichter mühe hätte können gesetzt werden, anlaß gäbe zu vermuthen: es sey dem verfasser kein rechter ernst gewesen, von der gantz ausserordentlichen geschicklichkeit des Herrn Hof-Compositeurs also zu reden, wie sie es verdienet. Es würde selbst nach der musicalischen art seine gedancken auszudrucken weit nachdrücklicher geklungen haben, wenn er gesagt hätte: er ist ausserordentlich starck auf dem <> clavier und der orgel, oder: er ist ein ausserordentlicher virtuos auf beyden.

Es schreibt der verfasser ferner; der Herr Hof-Compositeur habe zur zeit nur einen angetroffen, mit welchem er um den vorzug streiten könne. Wer hiedurch gemeinet werde ist mir, und noch vielen andern unbekannt. [Gemeoint ist Gorg Friedrich Händel.] Der verfasser würde sich sehr viele verpflichtet, und deren billige neugierigkeit vergnügt haben, wenn er von demselben nähere nachricht ertheilen wollen. Ich zweifle aber, ob er solches iemahls wird zu thun im stande seyn. Zielt er etwan damit auf einen gewissen grossen meister der Music eines auswärtigen reiches, der wie man sagt, seiner gantz besondem geschicklichkeit wegen, nach dem gebrauch des landes, die Doctor würde in der Music zur würdigen belohnung erhalten hat; so beruffe ich mich auf das zeugniß einiger unpartheyischen kenner der Music, die auf ihren reisen, diesen grosen mann ebenfalls zu hören das glück gehabt, dessen geschicklichkeit ungemein gerühmet, dem allen ohngeachtet aber ungeheuchelt versichert haben: es sey nur ein Bach in der welt, und ihm komme keiner gleich. Bey sogestallten sachen dürffte der Herr Hof-Compositeur wohl noch keinen angetroffen haben, mit welchem er um den vorzug streiten könnte. <>

Nunmehr endeckt der verfasser etwas genauer, was er an diesen grossen manne, da er ihn selbst verschiedene mahl spielen hören, ruhm und bewunderungswürdiges gefunden habe. Er bewundert die ungemeine fertigkeit seiner hände und füsse. Er hält es vor unbegreiflich wie es möglich sey, bey den geschwindesten und hefftigsten bewegungen beyder, bey so weiten sprüngen keinen einzigen falschen thon unterzumischen, oder den körper zu verstellen. Es hat mit diesem allen zwar seine gute richtigkeit: allein dergleichen urtheil würde auch ein mensch gefället haben, der die Music eben nicht aus dem grunde versteht. Da aber der verfasser vor einen solchen angesehen seyn will, dessen urtheil weit über den gemeinen geschmack erhoben ist; so nimmt es mich billig wunder, warum er nicht über dieses noch weit erheblichere umstände angeführet hat, welche einem gründlichen kenner wahrer musicalischer vollkommenheiten gar leicht in die sinnen fallen können. Warum rühmt er nicht die erstaunende menge seltener und wohlausgeführter einfälle; die durchführungen eines einzigen satzes durch die thone, mit den angenehmsten veränderungen; die gantz besondere geschicklichkeit auch bey der grösten geschwindigkeit, alle thone deutlich und mit durchgängiger gleichheit auszudrücken; die ungemeine <> fertigkeit aus den schwehrsten thonen, mit gleicher geschwindigkeit und accuratesse, als aus den leichtesten zu spielen; und überhaupt eine allenthalben mit kunst verbundene annehmlichkeit. Von solchen merckwürdigen vollkommenheiten, welche dem Herrn Hof-Compositeur unstreitig allein eigen sind, zu reden, dieselben gehörig herauszustreichen, hätte sich besser der mühe verlohnt.

Jedoch auch das wenige so der verfasser von den vollkommenheiten des Herrn HofCompositeurs angemercket hätte ihn beynahe überführet zu glauben daß selbiger die bewunderung gantzer Nationen seyn könne, wenn er nicht durch falsche einbildungen von einigen fehlem, welche den ruhm des Herrn Hof-Compositeurs zuvermindern vermögend wären, von diesen guten gedancken wäre abgebracht worden. Er verändert auf einmahl die sprache; und das diesem grosen manne vorher beygelegte lob, verwandelt sich nunmehr in einen desto strengern tadel, welcher aber, wie aus folgenden erhellen wird, keinen grund hat.

Er setzt anfänglich an den Bachischen stücken den mangel der annehmlichkeit, das ist einer melodie ohne dissonanzen aus, oder wie andere, so es auch nicht besser verstehn, <> zu reden pflegen, daß sie nicht ins gehör fallen. Allein zu ablehnung dieser beschuldigung, könnte fast allein eine merckwürdige stelle des Englischen Spectateurs hinlänglich seyn. Dieser sagt (Anm: in der 24sten rede des 1sten theils p.m. 161): die Music sey nicht nur bestimmt zärtlichen ohren allein zu gefallen, sondern auch allen, welche einen rauhen thon mit einem angenehmen unterscheiden, das ist, welche dissonantzen wohl anzubringen und geschickt zu resolviren wissen. Die wahre annehmlichkeit der Music bestehet in der verbindung und abwechselung der consonanzen und dissonanzen ohne verlezung der harmonie. Die natur der Music verlangt dieselbe. Die verschiedenen, insonderheit traurigen leidenschafften können ohne diese abwechselung der natur gemäß nicht ausgedrückt werden. Man würde wieder die allenthalben vor bekannt angenommenen regeln der composition verstossen wenn man sie hindansetzen wollte. Ja selbst das grundliche urtheil eines musicalischen gehörs, das nicht dem pöbelhafften geschmacke folgt, billigt dieselbe und verwirfft hingegen die simpeln und aus lauter consonanzen bestehenden liedergen, als etwas, dessen man gar bald überdrüßig wird. Wie sorgfältig der Herr Hof-Compositeur diese abwechselung beobachte, und wie durchdringend annehmlich bey ihm die harmonie sey, liegt aus seinen <> stücken deutlich am tage. Es bekräfftiget auch solches der gründliche beyfall dererjenigen, deren musicalisches gehör, durch ich weiß nicht was vor einen neumodischen geschmack, nicht verderbt ist. Folglich ist der tadel des verfassers ohne grund. Und dieser schluß wird so lange bündig bleiben; biß derselbe den von der annehmlichkeit vorausgesetzten begriff mit grunde wird verwerffen, und einen bessern an dessen stelle wird setzen können.

Es wird der Herr Hof-Compositeur ferner beschuldiget, daß er seinen stücken durch ein schwülstiges und verworrenes wesen das natürliche entzöge. Dieses ist so hart, als dunckel geredet. Was heist schwülstig in der Music? Soll es in dem verstande genommen werden, wie in der rednerkunst diejenige schreibart schwülstig genennet wird, wenn man bey geringen dingen die prächtigsten zierrathen verschwendet, und deren verächtlichkeit nur noch mehr an den tag bringt; wenn man von aussen allerley unnütze pracht herhohlet ohne das wesentliche schöne vor augen zu haben; wenn man bey dem putz auf niederträchtige gezwungene und läppische kleinigkeiten verfällt, und die gründlichen gedancken mit kindischen einfällen verwechselt: so gebe ich zwar zu, daß dergleichen fehler in der Music könne <> von denen begangen werden, so die regeln der composition entweder nicht verstehen, oder nicht recht anzuwenden wissen. Allein dergleichen von dem Herrn Hof-Compositeur nur zu dencken, geschweige zu sagen, wäre die gröbste schmähung. Dieser componist verschwendet ja eben nicht seine prächtigen zierrathen bey trinck- und wiegen liedergen, oder bey andern läppischen galanterie stückgen. In seinen kirchenstücken, ouverturen, concerten und andern musicalischen arbeiten, findet man auszierungen, welche denen hauptsätzen, so er ausführen wollen, allzeit gemäß sind. Der verfasser hat also etwas gesagt, welches darum nichts ist, weil es dunckel und nicht erwiesen werden kann, daher ist dessen im folgenden vorkommende vergleichung des Herrn Hof-Compositeurs mit dem Herrn von Lohenstein ein gedancke, der unter die verwerflichen zierrathen, und also zum schwülstigen in der schreib-art gehört.

Was heist in der Music verworren? Man muß ohnfehlbar die wortbeschreibung von dem was man überhaupt verworren nennet zu hülffe nehmen, wenn man errathen will wohin des verfassers meinung gehe. So viel weis ich, daß verworren dasjenige heisse, was keine ordnung hat und dessen einzelne theile so <> wunderlich untereinander geworfen und in einander verwickelt sind, daß man, wo ein jedes eigentlich hin gehöre, nicht absehen kann. Versteht der verfasser eben das darunter, so muß in absieht auf den Herrn Hof-Compositeur er davor halten, daß in dessen stücken keine ordnung sey, und alles dermassen durcheinander gehe, daß man nicht daraus klug werden könne. Ist des verfassers ernst also zu urtheilen, so muß ich faßt glauben, daß einige verwirrung in seinen gedancken vorgegangen sey, welche ihm das, was wahr ist, zu finden nicht erlaubt. Wo die regeln der composition auf das strengeste beobachtet werden, da muß ohnfehlbar ordnung seyn. Nun will ich nimmermehr hoffen, daß der verfasser den Herrn Hof-Compositeur vor einen übertreter dieser regeln halten wird. Ubrigens ist gewiß, daß die stimmen in den stücken dieses grossen meisters in der Music wundersam durcheinander arbeiten: allein alles ohne die geringste verwirrung. Sie gehen mit einander und wiedereinander; beydes wo es nöthig ist. Sie verlassen einander und finden sich doch alle zu rechter zeit wieder zusammen. Jede stimme macht sich vor der andern durch eine besondere veränderung kenntbar, ob sie gleich öfftermahls einander nachahmen. Sie fliehen und folgen einander, ohne daß man bey ihren beschäfftigungen, einander gleichsam zuvorzukommen, <> die geringste unregelmäßigkeit bemercket. Wird dieses alles so, wie es seyn soll, zur execution gebracht; so ist nichts schöners, als diese harmonie. Verursachet aber die ungeschicklichkeit, oder nachläßigkeit, der instrumentalisten oder sänger hierbey eine verwirrung; so urtheilet man gewiß sehr abgeschmackt, wenn man deren fehler dem componisten zurechnet. Es kommt ohne dem in der Music alles auf die execution an. Die elendesten melodien fallen doch offt schön ins gehör, wenn sie wohl gespielet werden. Hingegen kann ein stück aus dessen composition man die schönste harmonie und melodie ersehen kann, alsdenn freylich dem gehör nicht gefallen, wenn die, so es executiren sollen ihre schuldigkeit weder beobachten können, noch wollen.

Ist nun, wie sattsam dargethan worden, in den stücken des Herrn Hof-Compositeurs weder was schwülstiges, noch verworrenes zu finden: so kann ihnen auch das natürliche, das ist die nöthige angenehme melodie und harmonie dadurch nicht entzogen werden. Die rühmlichen bemühungen des Herrn Hof-Compositeurs sind vielmehr dahin gerichtet, eben dieses natürliche, durch hülffe der kunst, in dem prächtigsten ansehn der welt vorzustellen.

Aber eben das ist es, was der verfasser <> nicht zu geben will. Er sagt ausdrücklich: daß der Herr Hof-Compositeur die schönheit seiner stücken durch allzugrose kunst verdunckele. Dieser satz ist der natur wahrer kunst, von welcher hier die rede ist, zuwieder. Die wesentlichen beschäfftigungen wahrer kunst sind, daß sie die natur nachahmet, und ihr, wo es nöthig ist, hilfft. Ahmt die kunst der natur nach; so muß ohnstreitig unter den wercken der kunst, das natürliche allenthalben hervorleuchten. Folglich ist es unmöglich, daß die kunst denen dingen, bey welchen sie die natur nachahmet, und also auch der Music das natürliche entziehen könne. Hilfft die kunst der natur, so geht ihre absicht nur dahin, sie zu erhalten, ja so gar in bessern stand zu setzen, nicht aber zu zernichten. Viel dinge Werden von der natur höchst ungestallt geliefert, welche das schönste ansehn erhalten, wenn sie die kunst gebildet hat. Also schenckt die kunst der natur die ermangelnde schönheit, und vermehrt die gegenwärtige. Je gröser nun die kunst ist, das ist, je fleißiger und sorgfältiger sie an der ausbeßerung der natur arbeitet, desto vollkommener gläntzt die dadurch hervorgebrachte schönheit. Folglich ist es wiederum unmöglich, daß die allergröste kunst die schönheit eines dinges verdunckeln könne. Sollte es also wohl möglich seyn, daß der Herr Hof-Compositeur, auch durch die größte <> kunst, die er bey ausarbeitung seiner musicalischen stücke anwendet, ihnen das natürliche entziehen, und ihre schönheit verdunckeln könne?

Bißher hat der verfasser die Bachischen stücke den zärtlichen ohren eckelhafft zu machen gesucht. Nunmehr fängt er an die ruheliebenden finger und langsam verwehnten kehlen der instrumentalisten und sänger davor zu warmen. Er giebt sie vor sehr schwehr zu spielen aus, weil der Herr Hof-Compositeur in setzung derselben nur nach seinen fingern urtheilte. Er hält dahero dessen verlangen, daß die sänger und instrumentalisten durch ihre kehlen und instrumente eben das machen sollen, was er auf dem clavier spielen kann, vor unmöglich. Ich gebe zu; daß die von dem Herrn, Hof-Compositeur gesetzten stücke sehr schwehr zu spielen sind, aber nur denen, die ihre finger zu einer fertigen bewegung und richtigen applicatur nicht gewöhnen wollen. Indessen handelt er nicht unrecht, wenn er bey setzung derselben nach seinen fingern urtheilet. Sein schluß kann kein anderer als dieser seyn: wozu ich es durch fleiß und übung habe bringen können, dazu muß es auch ein anderer, der nur halwege naturell und geschick hat, auch bringen. Und eben aus diesem grunde fällt auch die vorgeschützte <> unmöglichkeit weg. Es ist alles möglich wenn man nur will, und die natürlichen fähigkeiten durch unermüdeten fleiß in geschickte fertigkeiten zu verwandeln eyfrigst bemühet ist. Ist es dem Herrn Hof-Compositeur nichts unmögliches, mit zwey händen sachen auf dem clavier vollkommen wohl und ohne den geringsten fehler zu spielen, da sowohl haupt- als mittelstimmen das ihrige rechtschaffen zu thun haben: wie sollte das einem gantzen Chore, welches aus so viel persohnen besteht, davon jede nur auf eine stimme achtung zu geben hat, unmöglich seyn? Der einwurf, daß die hierzu nöthige accuratesse, und ein durchgängig beobachtetes gleiches tempo bey vielen unmöglich zu erhalten sey, ist von keiner erheblichkeit. Es hat dieses allerdings seine schwierigkeiten, die aber doch deßwegen nicht unüberwindlich sind. Kann eine gantzes kriegs-heer dahin gebracht werden, daß auf ein gegebenes zeichen, man vieler tausend menschen bewegungen erblickt, als wenn es nur eine wäre: so muß dergleichen accuratesse bey einem musicalischen Chor, das aus ungleich wenigern persohnen besteht desto sicherer möglich seyn. Den deutlichsten beweis von dieser möglichkeit, selbst bey musicalischen Chören, sähen wir an wohl eingerichteten Königl. und Fürstl. Capellen. Wer das glück gehabt hat die so berühmte Capelle des grösten hofs in Sachsen, einmahl <> concert halten zu sehen; wird an der wahrheit dieser sache nicht mehr zweifeln können.

Jedoch hiermit ist der von dem verfasser vorgewendeten unmöglichkeit die Bachischen stücke zu spielen oder zu singen noch nicht abgeholffen. Er setzt an denselben noch weiter aus: daß der Herr Hof-Compositeur, alle manieren, alle kleine auszierungen, und alles was man unter der methode zu spielen versteht, mit eigentlichen noten ausdrucke. Entweder merckt der verfasser dieses an, als etwas, das dem Herrn Hof-Compositeur allein eigen seyn soll: oder er hält es vor einen fehler überhaupt. Ist das erstere; so irrt er sich gewaltig. Der Herr Hof-Compositeur ist weder der erste, noch der einzige, der also setzet. Unter einer zahlreichen menge componisten, so ich dißfalls anführen könnte, berufe ich mich nur auf den Grigny und Du Mage welche in ihren Livres d'orgue sich eben dieser methode bedient haben. Ist das letztere, so kann ich doch die ursache nicht finden, warum es den nahmen eines fehlers verdienen sollte. Vielmehr halte ich es, aus nicht zu verwerfenden gründen, vor eine nöthige klugheit eines componisten. Einmahl ist gewis, daß dasjenige, was man methode zu singen und zu spielen nennt fast <> durchgehends gebilliget und vor angenehm gehalten werde. Es ist auch dieses unstreitig, daß die methode, alsdenn erst das gehör vergnüge, wenn sie am rechten orte angebracht wird, hingegen dasselbe ungemein beleidige und die hauptmelodie verderbe, wenn sich der musicirende derselben am unrechten orte bedienet. Nun lehret ferner die erfahrung, daß man meistentheils die anbringung derselben dem freyen willkühr der sänger und instrumentalisten überläst. Wären diese alle von dem was in der methode wahrhafftig schön ist sattsam unterrichtet; wüsten sie sich derselben allzeit an dem orte zu bedienen, wo sie der hauptmelodie zur eigentlichen zierde und besondern nachdruck dienen könnte; so wäre es eine überflüßige sache, wenn ihnen der componist das in noten noch einmahl vorschreiben wollte, was sie schon wissen. Allein da die wenigsten hiervon genugsame wissenschafft haben; dennoch aber durch eine ungeräumte, anbringung ihrer methode die haupt melodie verderben; ja auch wohl offt solche passagen hinein machen, welche von denen, die um der sache eigentliche beschaffenheit nicht wissen, dem componisten leicht als ein fehler angerechnet werden könnten; so ist ja wohl ein jeder componist, und also auch der Herr Hof-Compositeur befugt, durch vorschreibung einer richtigen und seiner absieht gemäßen methode, die irrenden auf den rechten weg zu <> weisen, und dabey auf die erhaltung seiner eigenen ehre zu sorgen. Vermöge dieser erklährung fält die meinung des verfassers, daß dieses verfahren den stücken des Herrn Hof-Compositeurs die schönheit der harmonie entzöge, und den hauptgesang unannehmlich mache, von selbsten hinweg.

Das letzte was der verfasser an des Herrn Hof-Compositeurs stücken aussetzen wollen, kommt darauf an: daß alle stimmen mit einander und mit gleicher schwierigkeit arbeiten, und man darunter keine hauptstimme, worunter vermuthlich die oberstimme verstanden wird, erkennen könne. Allein daß die melodie eben schlechterdings in der oberstimme liegen muß, und daß das sämtlich mitarbeiten der stimmen ein fehler sey; davon habe ich keinen zureichenden grund finden können. Vielmehr fliest das gegentheil aus dem wesen der Music. Denn dieses besteht in der harmonie. Die harmonie wird weit vollkommener, wenn alle stimmen miteinander arbeiten. Folglich ist eben dieses kein fehler, sondern eine musicalische vollkommenheit ich wundre mich billig, wie doch der verfasser das vor einen fehler halten könne, was doch dem zu jetzigen zeiten allenthalben so hoch geschätzten Italienischen geschmack, insonderheit in kirchenstücken <> gantz gemäß ist. Der verfasser darf nur unter den alten Praenestini, unter den neuern Lotti, und andere wercke nachsehen, so wird er daselbst nicht nur alle stimmen beständig arbeiten, sondern auch bey einer jeden eine eigene mit den übrigen gantz wohl harmonirende melodie antreffen.

Ich lasse es nunmehro dahin gestellt seyn ob der verfasser derjenigen stelle, welche ich jetzo untersucht habe, bey genauerer behertzigung vorausgesetzter gründe, nicht gar balde finden könne, daß er dem ehransehn und den verdiensten einesso grosen mannes allzunahe getreten sey, und sein unbilliges urtheil zu bereuen ursach habe; Er hat sich ohnstreitig übereilet, und vielleicht hat er den Herrn Hof-Compositeur nicht einmahl recht gekannt. Wäre dieses, ich bin gewiß versichert er würde ihm eben das lob zugetheilet haben, welches er in diesen schreiben dem berühmten Herrn Graun gegeben hat. Er würde mit veränderung eines einzigen Worts eben also haben sagen können: ein erhabener August würdigt ihn seiner gnade und belohnt seine verdienste, das ist zu seinem lobe genung. Wer von einem so grossen und weisen printz geliebt wird, muß gewiß eine wahre geschicklichkeit besitzen. In erwegung <> dessen würde er sich nicht unterstanden haben einen mann zu tadeln, dessen geringste vollkommenheit er nachzuahmen nicht geschickt ist. Ja er würde in betrachtung gezogen haben, daß, viel tadeln keine kunst: das bessermachen aber eben dasjenige sey, welches von denen, die an allen so gar viel auszusetzen haben, immer am weitesten entfernet ist. Ich und alle billige verehrer des grossen Bachs wünschen dem verfasser künfftig gesundere gedancken, und nach überstandener musicalischen reise den glücklichen anfang eines neuen lebens, das von aller unnöthigen tadelsucht völlig möge befreyet seyn.