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Chr.Fr.D. Schubart: Ästhetik der Tonkunst

Bach, Carl Philipp Emanuel

<177> Das Glück der Hamburger ist beneidenswerth; nach diesem ungeheuern Verlust [der Tod Telemanns] erhielten sie einen

Carl Philipp Emanuel Bach, der in vielen Stücken noch Telemann übertraf. Er war Capellmeister in Hamburg; bey der Prinzessinn Amalia von Preußen; und hatte noch von verschiedenen Höfen diesen Charakter. Er ist der Sohn der großen Sebastian Bachs, und studierte bey ihm das Flügel- und Orgelspiel mit so bewunderswürdigem Erfolge, daß er schon im eilften Jahre die Zauberstücke seines Vaters, über dessen Schulter blickend, wegspielte, wenn er sie setzte. Doch ließ er bald die Orgel fahren, und legte sich ganz auf das Clavier und die Composition. Schon im achtzehnten Jahre seines Alters wurde er <178> erster Flügelspieler beym großen Friedrich, und begleitete immer die Flötenconcerte und Solos des Königs allein. Hier schwang er sich in jedem Betracht zum ersten Clavierspieler der Welt empor. Niemand hat jemahls die Natur des Flügels, des Fortepianos, des Pantalons und Clavicords mit so tiefem Blick durchdrungen, wie dieser unsterbliche Mann. Sonderlich war er der Erste, der Colorit ins Clavicord brachte; der das Schweben und Beben der Töne, den Träger, eine Art von Mezzotinto, die Fermen, die Pralltriller, auch den Doppeltriller, nebst unzähligen andern Verzierungen des Clavicords erfand. – Er spielt äußerst schwer, und eben so schön. Sein gebundner Styl, seine Manieren, seine Ausweichungen, seine harmonischen Kunstgriffe sind unerreichbar. Er hat die Musik in ihrem weitesten Umfange studiert. So groß er als Solospieler ist, so schöpferisch seine Phantasien sind, so groß und erhaben seine Einbildungskraft; so groß ist er in der Begleitung. Wer begleitet wie Bach? – Niemand! Wird ganz Europa antworten. Friedrich der Große, der das Nil admirari des Horaz in so hohem Grade studiert hatte, stand mehr als einmahl hinter dem großen Manne, wenn er Töne aus dem Clavicord zauberte, – stieß dann mit dem Stock auf den Boden, und rief aus: Nur ein Bach! Nur ein Bach!

Man hat unzählige Clavierstücke von diesem Meister, die alle das Gepräge des außerordentlichen Genies tragen. So reich an Erfindungen, so unerschöpflich in neuen Modulationen, so harmonisch voll ist keiner wie dieser. Was Raphael als Mahler, und Klopstock als <179> Dichter – das ist so ungefähr Bach als Harmoniker und Tonsetzer. Was man an seinen Stücken tadelt, ist eigensinniger Geschmack, oft Bizarrerie, gesuchte Schwierigkeit, eigensinniger Notensatz, wo er z. B. den mittlern Fingern immer eine eigene Sphäre gibt; und Unbeugsamkeit gegen den Modegeschmack. – Wenn auch etwas an diesen Beschuldigungen wahr ist: so ists doch noch wahrer, daß der wirklich große Mann sich zwar bücken – aber nie zur Zwergheit seiner Zeitgenossen herabwürdigen kann. Bach pflegte zu sagen: Wenn meine Zeitgenossen fallen, so ist meine Pflicht sie aufzuheben, aber nicht zu ihnen in den Koth zu liegen. Daher bemerkt man in seinen neuesten Stücken immer etwas Anschmiegung an den Genius der Zeit, aber nie Herabsinken zum herrschenden Geiste der Kleinheit. Alles Tändeln auf dem Clavicorde, alles süßliche geistentnervende Wesen, alles Berlockengeklingel der heutigen Tonmeister ist seinem Riesengeiste ein Greuel. Er bleibt trotz der Mode, was er ist – Bach!

So groß er als Clavierist hier erscheint, eben so groß ist er als Lehrer des Claviers. Niemand versteht die Kunst Meister zu bilden besser als Er. Sein großer Geist hat eine eigene Schule gebildet; die Bachische. Wer aus dieser Schule ist, wird in ganz Europa mit Vorneigung aufgenommen. Sein Fingersatz ist der vortrefflichste, den je ein Clavierist erfunden, seine Faust und Leibesstellung glänzend: und sein Vortrag so ungezwungen, daß man hexen sieht, ohne eine einzige magische Bewegung zu bemerken. Ja er ist der Lehrer der Welt im Clavicorde <180> geworden. Seine wahre Art das Clavier zu spielen, ist so classisch, als je ein Werk geschrieben wurde. Sein Styl ist ernst, präcis und rein. Seine Regeln sind von der tiefsten Erfahrung abgezogen. Er ist Theoret und Aesthetiker zugleich in seltnem Grade. Alles was im Umkreis des Claviers liegt, scheint er erschöpft zu haben: denn in den vierzig Jahren, da er herrschte, strebten zwar viele an seinem Colossenbilde empor, aber sie vermochten kaum seine Kniee zu lecken.

Eben so ausgezeichnet war er als Lenker eines Musikchors. Er weiß hundert Stimmen und Saiten so in eins zu verflößen, so in den Pulsschlag der Natur einzuleiten, so das Genie selbst in den Schranken der Ordnung zu erhalten, daß hierin schwerlich seines Gleichen ist. Die Akustik, die Orchesterordnung, und viele geheime Capellmeisterkünste verstand er aus dem Grunde. Auch als Sangcomponist hat er sich mit Glanz gezeigt. Seine Cantaten, seine Choräle, wozu er Gellerts, Cramers und Klopstocks Texte wählte, sind voll Pathos, voll Neuheit in melodischen Gängen, einzig in den Modulationen – kurz, wahrer harmonischer Sphärenklang. So groß sein Geist ist, so groß ist sein Fleiß. Kein Genie hat jemahls so viel geschrieben wie Er, und alles auch das geringste Liedchen oder Menuetchen trägt seinen originellen Stämpel. Daß durch diesen außerordentlichen Mann die Musik in Hamburg ungemein gebildet werden mußte, versteht sich von selbst. Alles ist daselbst Sang und Klang: die größten Virtuosen treten da <181> auf, und werden fürstlich belohnt; die Dilettanten erheben sich zur Meisterschaft.[1]

Fußnoten:
1 Der Syndicus Schubak, ein Universalkopf, spielt nicht nur das Clavier als Meister, sondern setzt auch ganz vortrefflich. Ein Mann, der sagen kann, ich kenne nur zwey Lehrer: Klopstock und Bach, verdient von der Geschichte bemerkt zu werden, wenn er sich auch nur als Dilettant angibt.
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