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Chr.Fr.D. Schubart: Ästhetik der Tonkunst

Bach, Johann Christian

<201> Georg [d.i. Johann Christian] Bach, Capellmeister in England, und wegen seines langen Aufenthaltes daselbst, nur der englische Bach genannt, ein Sohn des unsterblichen Sebastian Bachs.

So viel Geschmeidigkeit des Geistes, so viel Accommodation in den Genius des Seculums, so viel Unterjochung der tiefen Theorie unter die flüchtige Melodik der Zeit, – hat wohl noch niemand wie dieser Bach gehabt. Er scheint sich ordentlich den Plan vorgesetzt zu haben, seinem Bruder in Hamburg zu beweisen, man könne groß seyn, und sich doch nach dem geringfügigen Geiste des Volks bequemen. Der Erfolg bewies, daß dieser Bach Unrecht hatte: denn sein Geist litt unter den Fesseln der Accommodation. Die hohe Theorie, die er aus den Rippen seines großen Vater anzog, umgab er mit dem Silberflor des modernen Geschmacks; – eine Riesinn in Filett gehüllt! – Lange bewunderte ihn Italien, bis er endlich als Capellmeister nach London berufen wurde. Er war Meister in allen musikalischen Stylen. Buchstäblich war es wahr, was ein englischer Dichter von ihm sang:

Bach stand auf des Olympos Gipfel.
Und Polyhimnia kam ihm entgegen.
Sie breitete die Silberarme
Um ihn, und sprach:
Ganz bist du mein!

Seine Kirchenstücke haben viel Gründlichkeit, nur eine gewisse weltliche Miene, die den Geruch der Verwesung ankündigt. Seine Opern, die er in England, Italien <202> und Deutschland setzte, verrathen alle den Herrschergeist im Gebiethe der Tonkunst. – Dieser Bach konnte seyn was er wollte, und man verglich ihn mit Recht dem Proteus der Fabel. Jetzt sprudelte er als Wasser, jetzt loderte er als Feuer. Mitten unter den Leichtfertigkeiten des Modegeschmacks schimmert immer der Riesengeist seines Vaters durch. – So kam der verlorne Sohn mit zerrissenem Gewande nach Haus, Der Vater fiel ihm um den Hals, und schluchzte. "Bist doch mein Sohn!"

Sein Bruder in Hamburg schrieb ihm öfters: "Werde kein Kind!" Er aber antwortete immer: "Ich muß stammeln, damit mich die Kinder verstehen."

Daß aber dieser außerordentliche Mann auch im tiefsinnigen Style seines Bruders und Vaters in Hamburg arbeiten konnte, beweisen verschiedene Claviersonaten, die er zu London herausgab. Sonderlich ist eine Sonate von ihm aus dem F Mol bekannt, die mit den gründlichsten und besten Stücken dieser Art wetteifert.

Bach hat sich in allen Arten des musikalischen Styls fast mit gleichem Glücke gezeigt. Er arbeitete für die Kirche, fürs Theater, für die Kammer. Er verfertigte tragische und komische Opern, ernsthafte und scherzhafte Ballete. Natürlicher Fluß der Gedanken, liebliche Melodien, reiche Instrumentenkenntniß, Überraschende Ausweichungen, herrliche Bearbeitung des Duetts, festliche Chöre, und meisterhafter Recitativstyl, – charakterisiren seine ernsten Opern. Er schrieb deren sehr viele in Italien, England und Deutschland; und noch heute <203> werden sie mit dem entscheidensten Beyfall aufgeführt. Jomellisches Feuer, und den harmonischen Tiefsinn seines Bruders in Hamburg – sucht man freylich in diesen seinen Opern vergebens: aber Natur und Einfalt ersetzen diesen Mangel desto reichlicher. Das Zärtliche und Verliebte gelang ihm besser als das hohe Tragische.

Seine scherzhafte Muse hat viel glückliche Einfälle: sie ist mehr witzig als launisch, daher wurden seine komischen Opern in London nie lange goutirt. Seine Ballete in beyden Arten sind vortrefflich, und dollmetschen den ganzen Sinn der Geberdensprache.

Seinen Kirchenstücken fehlt es nicht an Würde und Andacht. Er hat für Rom und Neapel einige Messen gesetzt, welche daselbst allgemeine Bewunderung erregten. Auch für London schrieb er einige Psalmen in wahrem antiken Geschmacke. Sein Te Deum laudamus ist eines der schönsten, das wir in Europa besitzen. Die Fugen und Chöre bearbeitete er mit großer Kunst, ohne in Pedantismus zu fallen. – Seine Clavierconcerte, Sonaten, u.s.w. mit und ohne Begleitung, gehören noch immer unter die Lieblingsstücke des Publicums. Bach spielte das Clavier selbst als Meister, zwar nicht mit der magischen Kraft seines Vaters oder Bruders in Hamburg, aber doch so, daß ihn niemand in England übertraf. Weil er verliebter Complexion war, so strebte er sehr nach dem Beyfall der Damen. – Dieser Umstand klärt vieles von seinem musikalischen Charakter auf. Seine Anschmiegung an den Modegeschmack, seine oft zu große Nachgiebigkeit, seine gefällige Condescendenz, da wo der <204> Volksgeschmack sank; das seinem großen Geiste so wenig passende Tändeln; die oft wässerige Leichtigkeit in seinem Satze, da er von Natur zur Schwere geneigt war, – all dieß rührte von seiner allzu großen Liebe für das weibliche Geschlecht her. Er war der Liebling der englischen Damen. – Seine Symphonien sind groß und prächtig; dieser Schreibart vollkommen angemessen und für Privatconcerte weit schicklicher, als die Jomellischen.

Bach war einer der fleißigsten Tonsetzer, die jemahls gelebt haben. Seine Stücke belaufen sich auf eine kaum glaubliche Zahl, worin der Vortrag ungemein abwechselnd ist. Da Bach nur höchst selten seinem eigenen Geschmack folgte, da gleichsam immer ein anderer schrieb, als er selbst; so haben nur wenige seiner Stücke Ichheit und Originalität. Er selbst war deßßhalb mit seinen Stücken nie zufrieden, und wenn er lange auf dem Flügel gespielt hatte; so pflegte er immer mit einer tiefsinnigen Phantasie zu schließen, und am Ende zu sagen: "So würde Bach spielen, wenn er dürfte!" Dieser große Mann starb 1782 als erster Capellmeister in London, – vielleicht noch vor der vollen Auszeitigung seines Geistes – denn er hattd kaum vierzig Jahre erreicht. Ganz England beklagte ihn, und sein Vaterland schickte sehnende Seufzer seinem großen Geiste nach.