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Chr.Fr.D. Schubart: Ästhetik der Tonkunst

Hymnus.

<274> Heilige Tonkunst; göttlichen Stammes!
Gespielinn der Engel, Vertraute des Himmels.
Die gefallene Menschheit klagte;
<275> Des Lebens Dornenpfad verwundet ihre Sohle,
Eine blutige Thräne fiel auf die sengende Nessel:
Da trat'st du Himmlische, im Schwanenkleide
Vor sie hin und hauchtest ihr Liedergeist ein. –
Nun klang die Saite unter dem ziehenden Bogen,
Nun klang das Goldgeweb der Harfe;
Nun klang der Lyra Silbergewebe; Nun schmetterte Trompetenklang
Und es wieherte das Streitroß d'rein.
Nun tönte das schallende Horn,
Nun flisterte die weiche, lydische Flöte;
Nun wirbelte der Tanz,
Nun schmolz der Jüngling in Liebe,
– Zerfloß das bleichere Mädchen in Liebe.
Im Tempel scholl Jehovahs Lob;
Die Hallposaune tönte d'rein,
Und die Asoor und die Githit und die schallende Cymbal.
Der Donner des Hymnus stieg zum Olympus.
Der Psalm flog blitzgeschwind ins Allerheiligste.
Und Jehovah lächelte Gnade!

Laß mich dich, göttliche Polyhymnia! – denn auch mich hast du in den Stunden der Weihe besucht:
Du gabst mir männlichen Gesang, und Flügelspiel,
Daß ich gebiethe der Thräne des Hörers zu fließen,
Daß ich färbe das Antlitz des fühlenden Jünglings
     Mit der Begeisterung Gluth;
Daß ich dem lauschenden Mädchen
<276> Seufzer der Lieb' entlocke,
Daß ich durch Wodansgesang schwelle den Busen des Mannes –
O laß mich dich, göttliche Polyhymnia,
Und deines Geschenkes himmlischen Werth nie entweihen!
     Laß mich singen Jehovah –
Der ist, der war, und der kommt!
– Dir o Tugend, dir frömmern Liebe,
Dir traulicher Scherz bey unentweihten Pokalen,
Und, ach dir, o Vaterland, Vaterland,
Das ich liebe, wie der Jüngling die Braut
Dir, o Vaterland der Helden, und der Feuerseelen,
Weih' ich mein Flügelspiel, und meinen Sang!

Wenn ich einst schlummere nach meines Leben Mühen,
Wenn über meinem Gebein sich der Grabhügel thürmt,
     Wenn ich meiner Ketten Last
     Am Grabgeklüft zurücke ließ:
So weil' ein zärtlicher Jüngling am Grabe,
So weil' ein fühlendes Mädchen am Grabe;
Sie schauen himmelan und sprechen
Mit dem Schimmerblick des tiefsten Herzgefühls:
Weht sanfter Lüfte, um diesen Aschenhügel,
     Hier ruht Polyhymnias Freund!
Ihm gab Gott Sang und Flügelspiel,
Doch entweihte er nie die köstliche Gabe.
     Die Harfe hing er im Tempel auf;
Und seine Telyn in Thuiskons Hain!