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Chr.Fr.D. Schubart: Ästhetik der Tonkunst

Vom Solospielen.

<295> Dieß kann eigentlich nur der wahre Virtuos, oder das musikalische Genie leisten. Alle Solis, die nicht von Eingeweihten in den Geheimnissen der Kunst gespielt werden, sind Wechselbälge der Tonkunst; und haben den Claviervortrag in übles Gerücht gebracht. Der Solospieler muss entweder seine eignen oder fremde Phantasien vortragen. In beyden Fällen muss Genie sein Eigenthum seyn. Will ich eine Sonate von Bach vortragen, so muss ich mich so ganz in den Geist dieses grossen Mannes versenken, dass meine Ichheit wegschwindet, und Bachisches Idiom wird. Alle mechanischen Fertigkeiten: Ohr, geflügelte Faust, Fingersatz, Tactfestigkeit, Verständniss des Instruments, Lesekunst, und dergleichen weggerechnet; so wage sich nur kein Solospieler auf den Schauplatz, wenn er nicht Schöpferkraft besitzt; wenn er nicht die Noten in eben soviel Feuerflocken zu verwandeln weiss; wenn er nicht die begleitenden Stimmen um ihn, wie die Zuhörer versteinern kann, und - ach, wenn er unfähig ist, dem Geiste zu gebiethen in allen zehn Fingern zu brennen.

Nach dem Solospielen kommt die schwere Kunst der Begleitung. Viele glauben hierin schon ausstudiert zu haben, und sie sind noch in den Elementen dieser Kunst. Zum richtigen Begleiter gehört erstlich: vollkommene Kenntniß des Generalbasses. Es ist freylich sicherer, wenn man die Stücke beziffert; allein auch ohne Bezifferung muss der Accompagnist fähig seyn, ein Stück <296> mit Kraft und Nachdruck zu begleiten. Was den Generalbass betrifft, so gehört er zur mathematischen, und nicht zur ästhetischen Musik. Der grosse Bach hat hierüber eine so vortreffliche Anleitung gegeben, dass kaum mehr ein Zusatz möglich ist. Vogler erfand ein neues System der Begleitung, es scheint mir aber, den Damen zu gefallen, allzu kurz und geschmeidig gerathen zu seyn. Nur der tiefsinnige Musiker, nicht die bloss zum Zeitvertreib spielende Dame, ist fähig jedes Stück so zu begleiten, wie es seineNatur erheischt. Man muss die Lehre von der gleichzeitigen und fortschreitenden Harmonik; die äusserst schwere Lehre der Ausweichungen, des vorbereiteten und unvorbereiteten Uebergangs von einem Ton in den andern; die Schönheit des Gesangs, und sonderlich die Discretion mit dem Sänger oder der Sängerinn immer gleichen Schritt zu halten, – lange studiert, lange geübt haben, sonst wird man ohne alle Empfindung hacken und poltern, aber nie begleiten; daher ist der Accompagnist in allen europäischen Orchestern von so grosser Wichtigkeit, dass er den Rang unmittelbar nach dem Capellmeister hat. Ja die meisten Capellmeister übernehmen diess höchst wichtige Amt selber.