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Chr.Fr.D. Schubart: Ästhetik der Tonkunst

Von blasenden Instrumenten.

[Einleitung]

<308> Auf die Instrumente, die der allgewaltige Strich oder Griff des Menschen lenkt, folgen diejenigen, die sein Hauch beseelt. Und diese scheinen mit älter zu seyn als die erstern, weil der Mensch überhaupt leichter auf das Pfeifen kommt, als auf das Streichen.

Man weiß aus der Geschichte, daß es die Alten im Pfeifen mit gespizten Lippen und halber Zunge auf einem oder zwey Fingern, oder auch auf einem Nußblatt sehr weit gebracht, und daß dieß Anlaß zur Erfindung aller blasenden Instrumente gegeben hat.

Das erste Instrument der Art, war nachdem Zeugniß aller Nationen, das Kuhhorn; und dieser simple Einfall irgend eines Viehhirten in der Welt, hat alle jene blasenden Instrumente hervorgebracht, womit wir noch heutiges Tages bezaubert werden. Durch ganz natürliche Zusammensetzungen kam man auf die Syrinx, oder die siebenröhrige mit Wachs verklebte Pfeife, wovon die alten Poeten, sonderlich die Eklogen- und Idyllendichter, überall mit Begeisterung sprechen. Unsere Schäfer auf der Alp und dem Aalbuche, haben diese eigentliche Hirtenflöte, die sich durch ihr Alter so ehrwürdig macht, noch heute. Die Schallmey, die Markpfeife, das Flagiolettchen, sind ganz und gar keine Urpfeifen, weil viele Kenntnisse dazu erfordert werden, die Löcher so <309> zu bohren, daß sie bestimmte Töne hervor bringen können. Hingegen ist die Rohrpfeife, auf der noch jetzt die schwäbischen Schäfer blasen, welche seitwärts mit den Lippen angehaucht, und unten mit dem Zeigefinger der rechten Hand ventilirt wird, gewiß ein Instrument, was älter als selbst der Syrinx ist. Man findet in den grauesten Schriften Spuren davon.

Die Trompete.

Dieß ganz und gar kriegerische Instrument, scheint bey allen alten Völkern schon da gewesen zu seyn, nur in etwas verschiedener Form. Die Juden hatten krumme und gerade Trompeten, wovon eine so scharf tönend gewesen seyn soll, daß ein einziger Trompeter damit ein Heer von 20000 Mann zum Streit auffordern konnte. Die Perser und Meder hatten bloß krumme Trompeten; die Griechen aber gerade, unter dem Nahmen Salpinx. Die Römer lernten die Trompete von den Karthagern kennen, und führten sie so dann auf immer bey ihren Heeren ein. Die Deutschen, welche das Metall etwas später bearbeiten lernten, behalfen sich mit aus Baumrinde geflochtenen und aus Stein mühsam gebildeten Trompeten, wovon man noch viele in den Kunstkammern aufweist; und damit brachten sie jenen gewaltigen Schall hervor, der unsern Vätern so oft das Herz hob, und ihren Feinden so schrecklich war.

Der Charakter der Trompete ist, wie jedermann weiß, wegen ihres schmetternden herzerschütternden Tons, ganz heroisch schlachteinladend, und aufjauchzend. Ihr Umfang geht vom tiefen Tenor G bis in das <310> äußerste Discant H; die Mitteltöne scheinen ihr nicht zu passen, ob man gleich durch die Krümmung der Trompete, wodurch der Künstler in den Becher greifen kann, diese Mitteltöne heraus zu locken sucht. Wenn dieß Instrument nicht in seiner Natur bleibt, wenn man es durch Virtuosenkünste aus seinen Ufern zwingt; so hört auch sein Hauptcharakter auf. Die Trompete kann mithin vom Componisten, nur bey großen, festlichen und majestätischen Anlässen gebraucht werden. Doch haben große Künstler gezeigt, daß man die sortinirte Trompete auch zum Ausdruck des tiefsten Schmerzes und des Winselns gebrauchen könne.

Der Ansatz für die Trompete ist äußerst schwer, und scheint beynahe stählerne Lungenflügel zu erfordern. Die Zunge mit all ihren Vibrationen einfach, zweyfach, dreyfach, vierfach muß vorzüglich in das Instrument wirken. Man hat in neuern Zeiten die Trompete nicht nur zu heroischen und festlichen Aufzügen gebraucht, sondern sie sogar auch zum Solo angewandt. Wir besitzen jetzt Trompeten-Concerte, welche die Vorwelt für Zaubereyen halten würde. Ein Dresdner Trompeter kam sogar auf den Einfall, Trompeten mit Klappern zu erfinden; aber der Trompetenton verschwand fast gänzlich, und man hörte nur hier und da noch Zwitterlaute von Trompeten- und Hoboetönen gezeugt. Mit Recht hat man also diese Erfindung verworfen; denn Wechselbälge kommen nirgends weniger fort, als in der Musik.

Die Aufzüge mit Trompeten kann man zwey- drey- <311> vierund mehrstimmig machen, und wunderbar ist's, daß der zweyte hier immer mehr figurirt, als der erste: vielleicht ist in Prim der Ton zu gespitzt, im zweyten aber ist Weite und Umfang für Ton und Zunge. Die musikalische Welt hat noch wenig gedruckte Vorschriften für die Trompete, vielleicht weil nur der Trompeter für sein Instrument setzen kann. In neuern Zeiten hat man dieß wichtige Instrument auch sogar den Herolden des Kriegs und Friedens an den Mund gesetzt. Ein Trompeter ist heut zu Tage beynahe ein heiliger Mann, der vor den Thoren der größten Festung so wie vor den Schlünden der fürchterlichsten Batterien verschont wird. Auch in den Kirchen braucht man jetzt die Trompete und zwar nach allgemeiner Erfahrung, mit der größten Wirkung. Doch ist sie nur an Festtagen ganz anwendbar.

Das Horn.

Dieß himmlische Instrument, welches wir Deutsche gewöhnlich das Waldhorn zu nennen pflegen, hat ausnehmende Metamorphosen erlitten, bis es auf den heutigen Fuß kam. Erst war es in ungeheure Länge ausgedehnt, wie man es noch jetzt in Rußland beybehalten hat. Die Unbequemlichkeit aber, ein solches Instrument zu tragen, hat die Menschen auf den Gedanken gebracht, selbiges immer mehr zu krümmen, und ihm endlich die heutige Schneckenform zugeben.

Das Horn hat große Eigenschaften: das eigentliche Große oder Pathos, drückt es zwar nie aus; aber sanfte, süße, den Nachhall weckende, zärtlichklagende <312> und die Lücken der Saiteninstrumente ganz ausfüllende Töne, liegen im Umfange des Horns. Die Deutschen haben auch dieses Instrument zur höchsten Vollkommenheit gebracht; sie haben ihm Klappen gegeben; haben die Mitteltöne durch den Griff in Becher erfunden; ja sie machten sogar Maschinenhörner, wo man bloß durch Einsätze, in allen Tönen der Musik auf der Stelle begleiten kann. Auch hat es nie unter einem Volke stärkere Waldhornisten gegeben, als unter den Deutschen. Unsere edle Nation brauchte dieß Instrument sehr frühe zur Jagd; daher es auch den Nahmen Waldhorn bekam. Schon zu den heidnischen Zeiten kommt in den Schriften der Nahme Jagdhorn so oft vor, daß man nicht zweifeln darf, die Deutschen haben das Horn schon vor Carl des Großen Zeiten gekannt. Man findet sogar in den sächsischen Annalen, Abbildungen von den Waldhörnern der Altdeutschen, die mit unsern heutigen ganz übereinkommen. Ja die alten Deutschen verfertigten Waldhörner aus Stein, und zwar mit solcher Kunst und solchem Verständniß des Tons, daß es schwer halten würde, selbige noch heut zu Tage nachzuahmen.

Der Umfang des Waldhorns ist viel weiter als der Umfang der Trompete. Weil es nicht so schmettert und rast, so fallen die Mitteltöne B, A, F, D, nebst den untern Abstufungen, nicht so grell aus, wie bey der Trompete: daher sind diese Töne, die eigentlich gar nicht im Umfange des Waldhoras liegen, so unaussprechlich süß, und eindringend für das Herz des fühlbaren <313> Hörers. Das Waldhorn ist eigentlich nicht so gar schwer zu blasen, und es gehört weit weniger Lungenkraft dazu, als zur Trompete. Allein mich dünkt der wahre Waldhornist muß weit mehr Genie besitzen, als der Trompeter.

Der Ton dieses Instruments, sein Umfang und die Lieblichkeit, wodurch besonders das Waldhorn alle Lücken der Musik ausfüllt, haben es mit Recht durch ganz Europa empfohlen. Das Waldhorn menschlich gedacht, ist ein guter ehrlicher Mann, der sich eben nicht als Genie, sondern als empfindsame Seele, fast allen Gesellschaften empfiehlt. Was das Bewundernswürdigste ist, so bringt eben dieß Instrument, vorzugsweise vor allen andern, die größte Wirkung auf die Thierwelt hervor. Ein Wald voll Thiere stuzt und horcht, wenn das volltönende Horn angeblasen wird. Die Hirsche legen sich an den Quell und lauschen; die Frösche selber schlüpfen an die Luft; und die Schweinmutter legt sich dabey in siißen Schlaf, und läßt sich von ihren Ferkeln unter dreyachtels Tact die Zitzen aussaugen. Die Jagdmelodien, die durch ganz Europa erfunden worden, haben daher die unaussprechliche Wirkung, daß sie nicht nur jedem Menschengefühle zur Jagdzeit, sondern sogar auch den Thiernaturen in allen Scenen der Jagd angemessen sind. Wie groß ist die Seele des Menschen! Ein Hornstoß befehligt die Hunde, daß sie in den schaurigen Forst stürzen; dem Zahn des Ebers, dem bohrenden Geweih des Hirsches, und der List des Fuchses trotzen. Aber eben dieß allgebiethende Horn, in sanftern <314> Tönen vom Waldhügel herabschallend, macht auch, daß sich der Hirsch an Moosquell lagert, und mit hoch aufgerichtetem Geweih die Töne gleichsam zu verschlingen scheint.

Das Horn ist also ein Instrument von erster Bedeutung, weil ihm Menschen und Thiere horchen. Der Grund davon ist seine Volltönigkeit und Mittelschwebung, wodurch es sich den meisten Geschöpfen annähert. Nur was heult, kann das Horn nicht ertragen, weil dieß wehklagende Instrument das Heulen zu erregen pflegt.

Die Theorie des Horns ist heut zu Tage von dem ersten Meistern ins Licht gesetzt worden. Man hat sogar ein treffliches Buch über das Waldhorn, welches 1764 in Dresden mit den herrlichsten Probestücken herauskam.

Trefflicher Ansatz, geflügeltes Zungenspiel, richtige Intonation, lange anhaltender Athem, und süßmelancholisches Gefühl müssen den Waldhornisten bilden.

Der Jagdhornist lärmt und weckt Jäger und Wild auf. Sein Styl ist abgestoßen, und immer im ungleichen Tacte hüpfend. Der Hornist im Tempel weint, zieht die Noten aus voller Seele, und beselt durch seinen Hauch gleichsam die ganze Instrumentenbegleitung. Im Concert- und Opernsaale ist der Waldhornist zu unzähligen Ausdrücken zu gebrauchen. Er wirkt in der Ferne, wie in der Nähe. Lieblichkeit, und wenn man so sagen darf, freundschaftliche Traulichkeit, ist der Grundton dieses herrlichen Instruments. Zum Eccho ist <315> nichts fähiger und geschickter als das Horn. Einem Componisten ist mithin das Studium dieses Instruments im hohen Grade zu empfehlen. Agricola, Jomelli, und sonderlich Gluk gebrauchen es mit durchdringender Kraft und Wirkung.

Die Posaune.

Dieses Instrument ist ganz kirchlich, und verbreitet sich in drey Zweige, in die Alt- Tenor- und Baßposaune. Es ist eigentlich eine Trompete, nur mit dem Unterschiede, daß durch hin- und herschieben alle fehlenden Töne hervor gebracht werden können. Das Instrument ist uralt, und wie es scheint, eine Erfindung der Juden: denn schon im alten Testamente kommen Bemerkungen vor von Tonveränderungen auf blasenden Instrumenten; und diese lassen sich außer der Posaune nicht denken. Jedes blasende Instrument hat nicht mehr und nicht weniger Töne, als das Kuhhorn. Was über den vollen Accord geht, ist außer dem Bezirke seines Wirkungskreises. Die Gebrechen der Natur müssen also durch Erfindungen der Kunst ersetzt werden. Dieß geschah bey der Posaune, wo durch das Ein- und Ausziehen alle möglichen Töne hervorgebracht werden können. Der rechte Arm befiehlt durch Schieben dem Hauche, und lenkt so den ganzen Harmoniesturm der Posaune. Dieß Instrument ist durch Jahrtausende nie profanirt worden, sondern immer gleichsam als ein Erbtheil dem Tempel Gottes geblieben. Man hing die heilige Posaune am Pfosten des Tempels auf, ließ sie nur anFesttagen tönen, oder geboth ihr, den Flug des Kirchengesangs <316> zu tragen. Aber in unsern Tagen hat man sie zum Operndienste entweiht; und die Posaune ist nicht mehr ein Eigenthum des Gottesdienstes. – Man gebraucht sie nun auch mit großem Effect bey den Chören großer Opern.

Der Ton der Posaune ist durchschneidend, und weit dicker als Trompetenton; liegende Noten können auf keinem Instrumente der Welt so ausgedrückt werden, wie auf diesem.

Man hat jetzt nicht nur Kirchengesärge für die Posaune gesetzt, sondern auch Concerte, Sonaten, Solis; und dieß immer mit bewundernswerther Wirkung. Die Katholiken in Deutschland allein begünstigen indeß dieß Instrument noch, und wenn nicht in Wien Rath geschafft wird [Fußnote: Auch hier hat Mozart Rath geschafft, und man findet seit ihm in den meisten neuern Opern Posaunen angebracht.]; so müssen wir fürchten, solches allmählig ganz zu verlieren. –

Die Theorie der Posaune ist schon vor dreysig Jahren von Haider zu Dresden, in ein so helles Licht ge,setzt worden, daß man kaum noch etliche Grundsätze hinzusetzen kann. Da sie heutiges Tages so gewaltig verabsäumt wird, und man nur armseligen Zinkenisten die Ausübung überläßt,- so sollten unsere Musiklenker vorzüglichen Bedacht darauf nehmen, dieß göttlich autorisirte Instrument wieder zu wecken; Genies für sie zu beflügeln, und dadurch der Posaune den Donnerton wiederzugeben, den sie zu Salomos Zeiten hatte. Inzwischen <317> gibt es doch noch jetzt sonderlich in Sachsen und Böhmen treffliche Posaunisten.

Ausgemacht aber ist es, daß der Posaunenton ganz für die Religion und nie fürs Profane gestimmt ist.

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