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Chr.Fr.D. Schubart: Ästhetik der Tonkunst

Vom Gesang.

<335> [...]

<336> Der große Porpora pflegte zu sagen: Zu einem vollkommenen Sänger gehören hundert Eigenschaften. Neun und neunzig rechne ich zur Stimme allein, und die hundertste nenne ich Theorie. Eine äußerst tiefe und treffende Bemerkung! Wer eine vortreffliche Stimme hat, darf nur Noten lesen lernen; nur vorzügliche Musik hören, so ist er alles was er seyn will, ja auch ohne Noten und Nachäffung fremden Geschmacks, wird er alle Gesellschaften entzücken. Ein Singgenie muß also mit der äußersten Feinheit behandelt werden, und nur ein echter musikalischer Kopf kann demselben Unterricht geben. Ein trockener Schulmeister verbildet den herrlichen Grundstoff, wischt Urtöne hinweg, und heult dem Schüler oder der Schülerinn seine eignen schlechten Töne vor. Zu einem Sangmeister werden folglich die größten musikalischen Eigenschaften erfordert. Er muß erfinden, tief fühlen, correct setzen, und mit Vieler Weisheit unterrichten können.

Die Solfeggi, oder Singübungen, geben der Stimme die gehörige Ausbildung, und machen gleichsam von der Singleiter, die in Wolken dunkel stand, jede goldene Sprosse sichtbar. Die Einrichtung dieser Solfeggi's ist daher von äußerster Wichtigkeit, und verdient auf Grundgesetze zurückgeführt zu werden. Hier sind die unveränderlichen Gesetze derselben.

  1. Der Sänger studiere zuerst aufs genaueste seine Leiter, und wiederhohle sie Morgens und Abends mit der strengsten Gewissenhaftigkeit.

  2. Er lerne vorzüglich stehende Töne oder weiße <337> Noten, aufs pünktlichste ausdrücken; werde Meister vom Schwellen und Sinken, vom Wachsen und Sterben der Töne.

  3. Dann erlerne erst in Achteln oder simpeln Tönen empor steigen, ungefähr in den Abstufungen von Secunden.

  4. Alsdann lerne er Terzen, Quarten, Quinten, Sexten, Septimen, Octaven und mehrere Weiten, mit dem gehörigen Portamento oder Träger ausdrücken.

  5. Nach diesem übe er sich in laufenden Passagen, damit seine Kehle schlüpfrig, und nach der Kunstsprache roulant wird.

  6. Die Nüancen der Empfindungen lassen sichzwar nicht ganz genau bestimmen, denn wer kein Herz hätte, würde auch nie gefühlvoll singen lernen. Aber dem Schöpfer sey Dank! jeder Mensch hat ein Herz, und der ist ein Stümper, der die Cordialsaiten auch auf dem dumpfsten Instrumente, nicht aufzufinden weiß. Empfindung und Naturgefühl ist in aller Menschenherzen, nur bey einem tiefer und versteckter, als beym andern. Des Sangmeisters Pflicht ist es also, diejenige Seite in seinem Subiect aufzusuchen, wo er ihm am sichersten beykömmt. Trifft er diese, so öffnet sich die Herzader gewiß, und der Purpurstrahl springt.

  7. Die musikalischen Verzierungen muß zwar der Sänger sorgfältig studieren, weil dadurch seine Kehle geläufig wird, er muß aber den Gesang damit nicht Überladen, weil allzu viel Künsteley und Schmuckwerk der Simplicität schadet, und die Erfindung quetscht. <338> Ein zierlich ausgedrückter Mordent, gefühlvolles Hinschweben von einem Tone zum andern, Portamento; das Aufschwellen und Hinsterben des Tons; Verflößung der Töne, oder das Mezzotinto; ein rührendes Trillo, aufsteigend, und wieder hinsterbend; eine dem Charakter der Arie angemessene Cadenz; die nie zu lang seyn muß, wenn sie nicht einen Staat im Staate bilden will: dieß sind ungefähr die Verzierungen, welche den Gesang bilden, heben und verschönern.

Man theilet die Töne der menschlichen Stimme am richtigsten in folgende Classen ein:

  1. Der Hirnton. Den der große Porpora Wiederhall im Schädel nennt. Wenn sich eine Sylbe mit dem Selbstlauter I nennt; so hallt der Ton immer ins Hirn hinauf. Man muß sich mithin hüthen, allzu häufig mit dem Vocal I zu coloriren, weil dadurch der Gesang in mausähnliches Pfeifen ausartet.

  2. Der Nasenton, kann nur allein im Komischen vorkommen, zum Beyspiel in den Ausdrücken der Verspottung, der Naseweisheit, und der Nachäffungen des Dudelsacks und der Leyer. Der französische Gesang wird dadurch abscheulich, daß sie auch in ernsthaften Stücken den Nasenton gebrauchen.

  3. Der Kehlenton, ist eigentlich der reine Gesang aus voller Kehle, und das Eigenthum der Deutschen. Zur Bildung der Kehle wird außerordentlich viel erfordert. Sie muß fürs erste von der Natur schon gestimmt seyn; und dann, durch beständige Uebung so abgeschliffen werden, daß sie die stehenden Noten, wie die <339> fortrollenden, mit gleicher Geläufigkeit ausdrücken kann. Der Sänger muß alles vermeiden, was die Kehle trocken macht; auch die allzu große Schlüpfrigkeit der Kehle ist dem Gesang schädlich, weil da die Töne gleichsam in Sümpfen zu waden scheinen. Man muß die Kehle auch anatomisch kennen, und sonderlich die Vibration der Zunge aufs genaueste untersucht haben, wenn man richtige Vorschriften zur Bildung der Kehle entwerfen will. Vogler hat unter allen Sangmeistern dieses am besten gethan.

  4. Der Lungenton. Physiologisch betrachtet, beschäftiget sich zwar die Lunge mit allen Tönen; hier aber ist die Rede von solchen, wo das Pfeifen und Zischen der Lunge allein gehört wird, wie z.B. in den Gesängen der Kosaken und Kalmucken. Dieser Ton ist so widerlich und kreischend, daß er nur in höchst seltenen Fällen, und dieß meist im Niedrigkomischen erträglich ist.

  5. Der Magenton. Alle harten Aspiranten, die meisten aufgehäuften Consonanten, wie z.B. das Ch, kommen aus dem Magen. Die Schweizer drücken diesen Ton am derbsten aus; er ist aber widerwärtig, und darf in der Musik. gar nicht gebraucht werden.

  6. Der Herzton. Die Seele aller Töne! Jedes Werkzeug der Stimme ist nur todter Klang, wenn ihm nicht das Herz Leben und Wärme ertheilt. Jeder Gesang, woran nicht das Herz Theil nimmt, hat wenig oder gar kein Interesse. So wie man das Herz moralisch bilden kann, so kann ein großer Meister das Herz auch musikalisch <340> bilden, das heißt: die Empfindungen dem Sänger so nahe legen, daß sich sein Herz öffnen, und zum richtigen Ausdruck derselben geschickt werden muß. Wer selbst nichts fühlt oder sein Herz für die Eindrücke der Tonkunst verschlossen hat; der werfe sich ja nie zum Sangmeister auf. Er wird ambulante Orgeln hervorbringen, die wenn sie auf Walzen gesteckte Stück herunter gedudelt haben, todt kalt bleiben; aber Menschenstimmen, herrlcihen Engel- nachahmenden Menschengesang wird er ewig nicht bilden.

[...]

<341> Zur Bildung der Stimme, wenn Mutter Natur vorgearbeitet hat, sind folgende Grundsätze hinreichend:

  1. Man drücke die Worte, die man vortragen will, mit äußerster Deutlichkeit aus. [...]

  2. Der Sänger, wenn er nicht am Flügel sitzt, stehe gerade, singe aus voller Brust, mit der gehörigen Pantomime. Wer z.B. eine zürnende Arie, oder ein Furioso, mit gerader Kopfstellung vortragen wollte, würde nur für Blinde, aber nie für Sehende interessant seyn. Das schütteln des Hauptes; jede schwache oder starke Bewegung desselben, gibt dem Tone eine äußerst wichtige Modificirung.

  3. <342>Alle Unarten der Stimme, das Näseln, Schnarren, sonderlich die Fehler so aus der schwachen Lunge entspringen; das Sinken des Tons vom Urelemente herab, lassen sich bey jedem guten Gesange nie denken.

  4. Alltägliche Verzierungen, oft selbst modische Schnörkel übel angebracht, sind Unsinn im guten Gesange. Mit einem Wort kann je das Genie seine heiligen Rechte behaupten, so wird es selbige im Gesang behaupten. Dem großen Sänger kann man nur wenige Striche der Kunst zur Vollendung geben; denn erbringt seine Urkraft vom Himmel. Inzwischen ist es Thorheit zu behaupten, daß man selbst die feinsten Nüancen und Tiraden, nicht jedem Sänger oder jeder Sängerinn durch weise melodische Didactik beybringen könne; da es in den Augen aller Weisen ein ewiger Grundsatz bleiben muß, das Schöne eben sowohl, wie das Gute und Wahre zu detailliren. Die besten Anleitungen zur Singkunst haben uns Porpora und Hiller gegeben. Hiller ist für Deutschland so interessant; daß er in allen Singschulen als classischer Schriftsteller geehrt zu werden verdient. Seine Anweisung zur Singkunst, ist herrlicher Abstract von den trefflichsten Grundgesetzen der ersten Sangmeister. Er selbst hat uns die erste Sängerinn der Welt geliefert; es läßt sich also daraus mit Recht schließen, daß Hiller die Geheimnisse der Singkunst ganz durchblitzt habe.

Wenn Deutschland einmahl aufmerksam darauf wird, die Singgenies zu wecken; wenn es die Eigenschaften <343> des wahren und großen Gesangs ganz durchstudiert; wenn die Fürsten nicht bloß glänzende Orchester anlegen, sondern auch Singschulen anzuordnen beginnen; so läßt sich für deutschen Gesang alles erwarten. Inzwischen muß man im Durchschnitt behaupten, daß die Reichstädte Deutschlands, mehr für dieß erste Capitel der Tonkunst gethan haben, als alle Fürsten zusammen genommen.