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Chr.Fr.D. Schubart: Ästhetik der Tonkunst

Von den musikalischen Kunstwörtern.

Concert

<356> hat seinen Nahmen von dem Streite, Kampf und Wetteifer der Instrumente unter einander. Es gibt einfache, doppelte und mehrfache Concerte für alle Instrumente. Zwar muß die Kunst in Concerten merklich hervorragen, und die schwersten Sätze sind darin erlaubt; doch sind die anmuthigen Gänge, die Grazien des musikalischen Styles nicht davon ausgeschlossen.

Chor.

[...] <357> [...]

Fuge,

hat ihren Nahmen von der raschen, durch einander jagenden Bewegung dieses Tonstücks. Eine Fuge ist äußerst schwer zu setzen, nur der tiefe Kenner des Contrapuncts macht sie fehlerlos. Man setzt sie mehr im Kirchenstyl als im profanen; denn die Nachahmungen, so darin vorkommen; ihr lautes Aufjauchzen, die Ligaturen, und andere Eigenthümlichkeiten derselben, machen sie zum kirchlichen Pathos äußerst geschickt. Bey jeder Fuge wird ein Thema festgesetzt, welches in verschiedenen Tönen immer wieder vorkommt, invertirt und verdoppelt wird. Auch sind in den Fugen die kühnsten Modulationen erlaubt. Bey einer Kirchenfuge muß man sich sehr hüthen, daß das Thema nie in Frechheit ausartet. Man theilt sie in die einfache und doppelte Fuge ein.

Alla breve.

[...]

Arie.

Ein künstliches Singstück, welches aus zwey Sätzen besteht, einem Vorder- und Nachsatz. Der Vordersatz <358> wird weitläufig ausgeführt: hier sind Umkehrungen, Coloraturen, Fermen, Cadenzen und alles erlaubt, wodurch sich der Sänger heben kann. Der Nachsatz aber zeichnet sich gemeiniglich durch simple Gänge ohne Wiederhohlungen und durch künstliche Modulationen aus. Er ist viel kürzer als der Vordersatz. Jede Arie muß ein bestimmte insinuantes Motiv haben, und aus diesem Motiv durch Inversionen andere Sätze herleiten. Wenn sich in einer Arie ein Sänger in seiner vollen Kunst zeigt und zeigen kann, so heißt man es eine Bravour-Arie.

Cavatine

ist ein Zweig von der Arie. Es dürfen darin keine Coloraturen vorkommen. Sie ist einfacher kunstloser Ausdruck einer Empfindung, und hat deßwegen nur einen Satz. Das Motiv einer Cavatine muß gefühlvoll, rührend, verständlich, und leicht seyn.

Recitativ.

[...] <359> [...]

Arioso,

oder arienmäßig, ist ein kurzer Zwischensatz in einem Recitative; der sich der Arie nähert.

Cantabile.

Ein Stück auf einem Instrumente, das den Gesang nachahmt. Lächerlich ist es, wenn einige auch über ein Singstück Cantabile schreiben. Wer wird über eine Orgelsonate setzen: Orgelmäßig.

Maestoso,

dessen Charakter Pomp, Würde und Majestät ist.

Lamento.

Ein äußerst weinerliches und klägliches stück. Lamentoso ist nur ein Zweig davon, oder nur ein kleiner weinerlicher Fleck.

Symphonie und Ouverture.

Diese Gattung von Tonstücken ist aus den Eröffnungen der musikalischen Schauspiele entstanden, und endlich auch in Privatconcerte eingeführt worden. Sie bestehen meistens aus einem Allegro, Andante und Presto. Doch binden sich unsere Künstler nicht mehr an diese Form, und weichen oft mit großem Effecte von solter ab. Symphonie ist in der heutigen Gestalt gleichsam <360> laute Vorbereitung und kräftige Einladung zu Anhörung eines Concerts.

Sonate.

Ein Spiel der Instrumente; traulich und gesellschaftlich. Zwey Stimmen bilden nie eine Sonate, aber drey; und diese drey Stimmen sind eben so viel Freunde, die sich im traulichen Chore mit einander unterhalten. Die Sonate ist mithin musikalische Conversation, oder Nachäffung des Menschengesprächs mit todten Instrumenten. Das Arioso, Cantabile, Recitativ und alle Arten der sangbaren und Instrumentalmusik, liegen folglich in der Sphäre der Sonate. Für jedes Instrument gibt es Sonaten; nur müssen sie nach der Natur des Instruments modificirt werden.

Adagio,

langsame traurige Bewegung.

Largo,

tiefen Schmerz ankündende Bewegung. –

Andante,

eine gehende Bewegunbg des Tacts, welche die angränzende Linie des Allegros küßt.

Allegro,

ein herrschendes Motiv, mit ziemlich schneller Bewegung ausgeführt.

Presto,

sehr schnelle Tactbewegung, von zweyviertel, dreyachtel, sechsachtel und mehreren Tactschnitten.

Prestissimo,

äußerst schnelle Tactbewegung, und gleichsam der Contrapunct vom Adagio.

Rondo.

<361> Ein heutiges Tags allgemein beliebtes Tonstück. Das Recept zu selbigem ist folgendes: Man erfinde ein liebliches Motiv, etwa von acht Tacten, füge demselben zwey Couplets bey, die immer einige Analogie mit dem Motiv haben müssen, würze dieselbe mit angenehmen Ausweichungen; trete nach jedem Couplet wieder ins gedachte Motiv ein; bringe alle Täuschungen an, womit der große Musiker, wie Homer in seinen Wiederhohlungen einschleicht; – man habe Herz und Kopf, so macht man gewiß ein gutes Rondo. Da kein Tonstück in der Welt weiter um sich gegriffen hat, als dieses; so muß es schon einen großen Werth in sich haben; und dieser Werth besteht in der Einfalt. Sicherer Beweis, daß die Menschen noch nicht ganz ausgeartet sind, weil sie Geschmack – auch am pathetischen Rondo haben; denn Ekel an der Wiederhohlung, in so fern Wiederhohlung die Idee verstärkt, ist fast ein unerträgliches Kennzeichen vom Verfall des Geschmacks einer Nation.

Marsch oder Kriegsgang,

[...]

[Gigue] Schik oder Quique.

Eine dem Tanz sich annähernde flüchtige Bewegung, <362> deren Charakter das Hüpfende ist. Heut zu Tage ist die Schik beynahe ganz abgekommen, jedoch sehr mit Unrecht: denn sie besitzt so viel Eigenthümliches,daß die Tonkunst eine Lücke hätte, wenn sie verloren ginge.

[Gavotte] Garotte.

Eigentlich eine Tanzart, die mit dem halben Tactschnitt beginnt, und die andere Hälfte des Tactschnitts am Ende der ersten Periode nachhohlt. Doch läßt sich dieß auch auf den Instrumenten, und sonderlich auf dem Flügel mit Wirkung nachahmen.

Murkil.

[...]