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Chr.Fr.D. Schubart: Ästhetik der Tonkunst

Vom musikalischen Genie.

<368> Kein Sprichwort ist so wahr, und der Natur der Sache so angemessen, als diefs graue: Dichter und Musiker werden geboren. So gewiß es ist, daß jeder Mensch einen musikalischen Keim mit auf die Welt bringt; so gewiß ist es auch, daß die Werkzeuge des Ohrs, der Kehle, auch eine ungünstige Structur der Hände; manche auch die Erziehung verhindern, diesen musikalischen Keim zu entwickeln. Das musikalische Genie hat das Herz zur Basis, und empfängt seine Eindrücke durchs Ohr. "Er hat kein Ohr, kein Gehör!" heißt also in der musikalischen Sprache so viel, als: er ist kein musikalischer Kopf. Die Erfahrung lehrt, daß Menschen ohne Tactgefühl auf die Welt kommen, und daß sie taub und unempfänglich für die Schönheiten der Tonkunst sind, Hingegen kündiget sich der künftige Virtuos schon in seiner Jugend an. Sein Herz ist sein Hauptaccord, und mit so zarten Saiten bespannt, daß sie von jeder harmonischen Berührung zusammen klingen. Alle große musikalische Genies, sind mithin Selbstgelehrte (autodidactoi); denn das Feuer, das sie beseelt, reißt sie unaufhaltbar hin, eine eigene Flugbahn zu suchen. Die Bache, ein Galuppi, Jomelli, Gluk und Mozart, zeichneten <369> sich schon in der Kindheit durch die herrlichsten Producte ihres Geistes aus. Der musikalische Wohlklang lag in ihrer Seele, und den Krückenstab der Kunst warfen sie bald hinweg. Die Charahterzüge des musikalischen Genies sind also unstreitig folgende:

  1. Begeisterung, oder enthusiastisches Gefühl des musikalischen Schönen und Großen.

  2. Aeußerst zartes Herzgefühl, das mit allem sympathesirt, was die Musik Edles und Schönes hervor bringt. Das Herz ist gleichsam der Resonanzboden des großen Tonkünstlers; taugt dieses nichts, so wird er ewig nichts Großes schaffen können.

  3. Ein höchst feines Ohr, das jeden Wohllaut verschlingt, und jeden Mißton mit Widerwillen anhört. Wenn ein Kind ohne alle Anweisung einen Accord auf dem Flügel heraus bringt; wenn ein Mädchen, oder Knabe den Second zu einem Volksliede treffen kann; wenn sich bey Dissonanzen des jungen Hörers Stirne kraußt, und bey Consonanzen glättet, wenn die junge Kehle schon in der Jugend eigene Melodien trillert: darin ist musikalisches Genie vorhanden.

  4. Natürliches Gefühl für den Rhythmus und Tact. Man gebe einem Kinde von sechs bis sieben Jahren einen Schlüssel in die Hand und singe, oder spiele sodann ein Stück: trifft es den Tact von sich selbst, auch wenn ich gerade und ungerade Tacte durch einander mische, so ist sicher musikalischer Kopf da.

  5. Unwiderstehliche Liebe und Neigung zur Tonkunst , die uns so allgewaltig fortreißt, daß wir Musik allen <370> übrigen Freuden des Lebens vorziehen, ist ein sehr starkes Criterion von der Gegenwart des musikalischenGeistes. Und doch ist dieß Kennzeichen mitunter täuschend: denn es gibt Leute, die alle Tage fiedeln, klimpern und leyern, und sich doch kaum aber das Mittelmäßige erheben.

Mit einem Worte, der himmlische Geniusstrahl ist so göttlicher Natur, daß er sich unmöglich verbergen läßt. Er drückt, treibt, stößt und brennt so lange, bis er als Flamme ausschlägt, und sich in seiner olympischen Herrlichkeit verklärt. Der mechanische Musiker schläfert ein; das musikalische Genie aber weckt, und hebt himmelan. Es hat Raum genug, auf seinen Cherubsschwingen auch den Hörer empor zu tragen.

Indessen wird doch das musikalische Genie ohne Cultur und Uebung immer sehr unvollkommen bleiben. Die Kunst muß vollenden und ausfüllen, was die Natur roh niederwarf. Denn gäbe es Menschen, die in irgend einer Kunst vollkommen geboren würden, so dürften leicht Fleiß und Anstrengung in der Welt ersterben.

Die Geschichte der großen Künstler beweißt es, wie viel Schweiß bey ihren Uebungen troff, wie viel Oehl ihre nächtliche Lampe verzehrte, wie viel unvollkommene Versuche sie im Camin aufdampfen ließen; wie tief in der Einsamkeit verborgen, sie Finger, Ohr und Herz übten, bis sie endlich auftraten, und der Welt durch Meisterwerke ein zujauchendes Bravo abnöthigten.

<371> Die größte Stärke des musikalischen Genies zeigt sich im Tonsatze, und in der weisen Anführung eines grosfen Orchesters. Ein wahrer Capellmeister und Musikdirector muß alle musikalischen Style kennen, und wenigstens in einem derselben sich als Meister zu zeigen wissen. Er muß den Contrapunct im engsten Verstande studiert haben; muß reich an großen und inter essanten melodischen Gängen seyn; muß das Herz der Menschen tief studiert haben, um auf den Cordialnerven eben so sicher spielen zu können, wie auf seinem Lieblingsinstrumente. Er muß endlich Acustiker seyn, und hundert und mehrere Köpfe, mit Hauch und Strich so in Eins zu lenken wissen, daß dadurch ein großes, allwirkendes Ganzes gebildet wird. Wenn man auch nur nach Mattheson, oder Junker, den vollkommenen Capellmeister studiert; so muß man über den weiten Umfang seiner theoretischen und practischen Erfordernisse staunen. –

Wehe dir, Zögling der Tonkunst! wenn du schon vom Capellmeister schwindelst, ehe du noch die Eigenschaften des guten Ripienisten hast; oder wie Händel zu sagen pflegte: Wenn du Admiral seyn willst, ohne Matrosenkenntnisse zu besitzen. Die halb ausgebildeten Musiker, die reisenden Kraftmänner, die heut zu Tage wie Heuschreckenschwärme die musikalische Welt verfinstern, mögen dich abschrecken, daß du dich in dein Kämmerlein verschließest, dich in Melodie, Modulation und Harmonik übest; – und dann in der Glorie des cultivirten Genies unter deinen Zeitgenossen treten könnest.