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Chr.Fr.D. Schubart: Ästhetik der Tonkunst

Vom musikalischen Ausdruck.

<372> Der musikalische Ausdruck ist gleichsam die goldene Achse, um welche sich die Aesthetik der Tonkunst dreht. Wir verstehen darunter den, jedem individuellen Stücke, ja jedem einzelnen Gedanken angemessenen Vortrag. Ueberhaupt besteht der musikalische Ausdruck aus drey Stücken: Richtigkeit, Deutlichkeit und Schönheit. Richtigkeit besteht im genauen Lesen, und in der strengsten Beobachtung des Rhythmus.

Das Lesen ist weit schwerer, als sich manche einbilden. Da jeder musikalische Gedanke seinen bestimmten Vortrag in sich selbst enthält; so kommt es nur darauf an, daß ich in die Natur dieses Gedanken eindringe, und ihn charakteristisch darstelle. Es verhält sich in der Musik wie in der Beredtsamkeit: gründliches, tonvolles Lesen muß der schönen Declamation vorangehen. Zu diesem Lesen wird lange anhaltende Uebung erfordert. Man muß die Partituren großer Meister vielmahls durchstudieren, die Faust durch den Vortrag schwerer Stellen üben, und auch die simpelsten Sätze nicht vernachläßigen: denn es gibt oft leichte Sätze, welche schwerer vorzutragen sind, als die schwierigesten. <373> Dieses Paradoxon löset sich dadurch auf, wenn man weiß, daß leichte Sätze – tiefes Gefühl des Schönen, die schweren, meist nur Mechanismus erheischen. Ich habe große Sänger und Sängerinnen, auch starke Clavierspieler gehört, die die schwersten Arien und Concerte mit bewunderungswürdiger Fertigkeit vortrugen, und doch nicht fähig waren, den einfachsten Choral, oder das simpelste Volkslied zu singen, oder zu spielen. Durch fleißiges Solfeggiren, und Uebung in den Applicaturen, kann der Sänger und Instrumentist leicht jene Fertigkeit im Lesen erlangen.

Die zweyte Eigenschaft des guten musikalischen Vortrags ist: Deutlichkeit. Was man nicht versteht, das wirkt nicht auf's Herz. Man muß also jedes musikalische Comma, ja jede einzelne Note scharf conturiren; sich im Abstoßen der Töne üben, (denn nichts ist deutlicher, als ein Staccatosatz;) nie murmeln, wenn man sprechen soll; und sich sonderlich im Vortrage der Rundung befleißigen. Ganz vorzugsweise hat der Sänger diese Deutlichkeit vonnöthen: denn leider, geht unter den Lippen und. Zähnen der meisten, oft die schönste Poesie verloren. Deßwegen ist auch der Effect nur einfach, da er doch gedoppelt seyn sollte, nähmlich: Musik und Dichtkunst sollten zugleich auf das Herz wirken. – Mit ein Grund, warum in unsern Concerten so wenig Aufmerksamkeit herrscht. Man singe nur ein gutes Volkslied deutlich und verständlich; und sieh da! alle Augen werden sich weitern, alle Ohren lauschen, alle Herzen sich öffnen. Jeder Sänger, und jede Sängerinn <374> lese mithin ihren Text sehr genau durch, dringe in die Kraft jedes Wortes ein; gebe jedem Wort seine bestimmte Aussprache, und hüthe sich besonders vor dem ab. scheulichen Dehnen und Zerren der Vocale, wodurch der Vortrag am meisten unverständlich wird.

Die dritte Eigenschaft des musikalischen Vortrags ist endlich Schönheit.

Wer ein gefühlvolles Herz hat, wer den Dichter und Musiker nach zu empfinden weiß, wen der Strom des Gesangs selbst mit fortwälzt; wer die himmlische Schönheit in den Stunden der Weihe unverschleyert sah: der bedarf nur Winke – und er wird schön singen, wird jedes Stück schön vorzutragen wissen.

Die Schönheit besteht auch in der Tonkunst aus so vielen unendlichen feinen Nüancen, daß es unmöglich ist, sie alle zu bestimmen. Ein Mädchen voll Unschuld und Liebreitz ist schön, ohne daß sie es oft selbst weiß, wenigstens weiß sie nicht ihren Teint, und jeden Zug ihrer Schönheit aus einander zu setzen. Inzwischen lassen sich doch hierüber sehr interessante Bemerkungen machen.

Verflößung der Töne – leichtes gefälliges Portamento, oder Hinschweben von einem Tone in den andern; das Schwellen, Steigen, Fallen, Sterben der Töne; die Naivetät, womit man kleine Verzierungen hintändelt; der schöne Umriß, womit man jeden Satz markirt; die sanften Bebungen, das Hinathmen des Sängers; das liebliche Trillo; der schmelzende Vorschlag, und endlich die schöne Stellung des Musikers, und sein Herzausdruck im Angesicht, – machen zusammen den <375> schönen musikalischen Vortrag aus. Da jeder Gedanke seine eigene Farbe hat; da von der Feuerfarbe des Pathos an, bis auf die Rosenfarbe der sanften Freude, ausnehmend viel Schattirungen in der Mitte liegen; so ist es, wie schon erwähnt, eben so unmöglich, alle diese Abstufungen zu bemerken, als jede Nüance des Colorits bey einem Titian, Correggio und Mengs anzugeben. Diese und noch mehrere Pflichten hat derjenige zu beobachten, welcher bloß Dinge vorträgt, die ein anderer gesetzt hat. Unendlich wichtiger aber ist der musikalische Ausdruck bey dem Tonsetzer selbst: denn der muß alles wissen, was Dichter und Redner kennen sollen; und mit alle dem noch die erhabenste Kenntniß der Tonkunst verbinden.

Z.B. Krchliches Pathos, hat simpeln, großen, tiefsinnigen, alldurchdringenden Ausdruck. Einige unserer Choräle wirken seit Jahrhunderten auf alle Menschenherzen. Was ist der Grund dieser langen Wirkung? – Einfalt, Andachtsgefühl, Größe welche immer und überall alle Herzen besiegen, und himmelan reissen. – Zum Ausdruck des Kirchenstyls gehört mithin viel Wärme für die Religion; Großsinn, und das zarteste Herzgefühl, das der einfachsten Gebethsformel eine musikalische Sprache leihen kann.

Der musikalische Ausdruck in den Kirchen ändert sich nach den Gegenständen. z.B. Der Triumphstyl herrscht an Festtagen, wogt und wälzt die Tonfluth, und trägt ihre freudigen Gefühle gen Himmel. Wenn jemand die Worte:

<376> "Gott fährt auf mit Jauchzen und Frohlocken."

in Musik bringen wollte; so wäre die herrschende Idee die triumphirende Auffahrt Christus, so wie sie Klopstock geschildert hat.

Bey der Idee: "Gott" müßte der Tongetzer weilen, sie öfters invertiren, und durch eine Generalpause dem Zuhörer aufs Herz legen.

Die Idee: "fährt auf," als die herrschende, müßte über die ganze Composition hinausragen. Alle Töne müßten nach und nach steigen, und den Helden gleichsam zum Himmel erheben.

"mit Jauchzen und Frohlocken!"

sind bloß Nebenideen. Es wäre sonach Thorheit, wenn sich der Tonkünstler verleiten ließe sie durch sorgfältige Ausarbeitung zum Hauptbegriffe seines Stücks zu machen. Jauchzen und frohlocken darf das Stück wohl, allein der auffahrende Gott muß weit unter dem jubelnden Getümmel hervor blitzen.

Ein Requiem, oder eine Sterbernusik, muß ganz in die Farbe der Schwermuth getaucht seyn. Die Worte:

"Requiem aeternam da nobis, Domine!"

scheinen gleichsam nur einen Ausdruck zu haben. In einem stark colorirten Tone, wie in A dur, E dur, H dur, u.s.w. können folglich diese Worte unmöglich gesetzt werden. C dur und A moll, sind zu licht für dieses Thema. Es bleiben also nur die mit B markirten Töne übrig. Diese wiegen durch ihre Sanftheit nicht nur in Schlaf, sondern deuten auch die Natur des Todes durch ihre hinsterbende Dumpfheit an. Jeder Tonkünstler muß <377> mithin zu diesem Thema S dur [sic!], oder C moll; As dur, oder F moll, höchstens B dur, oder H moll wählen.

Da, um den musikalischen Ausdruck zu heben, außerordentlich viel darauf ankommt, auch die Töne gut zu wählen; so steht folgende Charakteristik hier an ihrem rechten Orte.

[Folgt: Charakteristikstück der Töne.]