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Übersicht Schumann, Schriften Startseite

Schumann: Schriften

Kürzeres und Rhapsodisches für Pianoforte. (1835) [Kreisig 21]

[Auszüge]

[Einleitung]

<II,277> Wie politische Umwälzungen dringen musikalische bis in das kleinste Dach und Fach. In der Musik merkt man den neuen Einfluß auch da, wo sie am sinnlichsten mit dem Leben vermählt ist, im Tanze. Mit dem allmähligen Verschwinden der contrapunctischen Alleinherrschaft <II,278> vergingen die Miniaturen der Sarabanden, Gavotten &c., Reifrock und Schönpflästerchen kamen aus der Mode, und die Zöpfe hingen um vieles kürzer. Da rauschten die Menuetten Mozart's und Haydn's mit langen Schleppkleidern daher, wo man sich schweigend und bürgerlich sittsam gegenüberstand, sich viel verneigte und zuletzt abtrat; hier und da sah man wohl noch eine gravitätische Perrücke, aber die vorher steif zusammengeschnürten Leiber bewegten sich schon um vieles elastischer und graziöser. Bald darauf tritt der junge Beethoven herein, athemlos, verlegen und verstört, mit unordentlich herumhängenden Haaren, Brust und Stirne frei wie Hamlet, und man verwunderte sich sehr über den Sonderling; aber im Ballsaal war es ihm zu eng und langweilig, und er stürzte lieber in's Dunkle hinaus durch Dick und Dünn und schnob gegen die Mode und das Ceremoniell und ging dabei der Blume aus dem Weg, um sie nicht zu zertreten – und die, denen solch Wesen gefiel, nannten es Kapricen oder wie man sonst will. Eine neue Generation wächst indes heran; aus spielenden Kindern sind Jünglinge und Jungfrauen geworden, so schwärmerisch und scheu, daß sie sich kaum anzusehen wagen. Hier sitzt einer mit Vornamen John am Flügel, und die Mondstrahlen liegen breit darauf und küssen die Töne; ein anderer schläft dort auf Steinen und träumt vom wiedererstandenen Vaterland; an Mittheilung, Geselligkeit, Zusammenleben denkt niemand mehr, jeder geht einzeln und sinnt und würkt für sich; auch der Witz <II,279> bleibt nicht aus und die Ironie und der Egoismus. Im lustigen Strauß jauchzt noch eine helle Saite empor, aber die von der Zeit gegriffenen tiefern scheinen nur eine Minute lang übertäubt – wie wird alles enden und wo gerath' ich hin?

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[Chopin, Mendelssohn, Schubert]

<II,284> Ueber Chopin, Mendelssohn und Schubert haben uns die Davidsbündler seit geraumer Zeit größere Mittheilungen versprochen und nach öfterem Anfragen stets geantwortet, daß sie in den Sachen, die sie am besten verständen, am gewissenhaftesten wären und am langsamsten urtheilten. Da sie uns aber dennoch Hoffnung geben, so führen wir vorläufig außer den Titeln die Bemerkungen an, daß Chopin endlich dahin gekommen scheint, wo Schubert lange vor ihm war, obgleich dieser als Componist nicht erst über einen Virtuosen wegzusetzen hatte, jenem freilich andrerseits seine Virtuosität jetzt zu Statten kömmt, – daß Florestan einmal paradox geäußert: "in der Leonoren-Ouverture von Beethoven läge mehr Zukunft als in seinen Symphonien", welches sich richtiger auf das letzte Chopin'sche Notturno in G moll anwenden ließ und daß ich in ihr die furchbarste Kriegserklärung gegen eine ganze Vergangenheit lese – sodann, daß man allerdings <II,285> fragen müsse, wie sich der Ernst kleiden solle, wenn schon der "Scherz" in dunkeln Schleiern geht, – sodann, daß ich das Mendelssohn'sche Capriccio in Fis moll für ein Musterwerk, die Charakterstücke nur als interessanten Beitrag zur Entwicklungsgeschichte dieses Meisterjünglings halte, der, damals noch ein Kind, in Bach'schen und Gluck'schen Ketten spielte, obwohl ich namentlich im letzten einen Vortraum des Sommenachtstraum sehe, – und endlich, daß Schubert unser Liebling bleiben wird – jetzt und immerdar.

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