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Schumann: Schriften

Das Komische in der Musik [Kreisig 22]

<I,184> Die weniger gebildeten Menschen sind im Ganzen geneigt, aus der Musik ohne Text nur Schmerz oder nur Freude oder (was mitten inne liegt) Wehmuth herauszuhören, die feineren Schattirungen der Leidenschaft aber, als in jenem den Zorn, die Reue, in dieser das Gemächliche, das Wohlbehagen &c. zu finden nicht imstande, daher ihnen auch das Verständniß von Meistern wie Beethoven, Franz Schubert, die jeden Lebenszustand in die Tonsprache übersetzen konnten, so schwer wird. So glaub' ich in einzelnen moments musicals von Schubert sogar Schneiderrechnungen zu erkennen, die er nicht zu bezahlen im Stande, so ein spießbürgerlicher Verdruß schwebt darüber. In einem seiner Märsche meinte Eusebius ganz deutlich den ganzen österreichischen Landsturm mit Sackpfeifen vorn und Schinken und Würsten am Bajonette zu erkennen. Doch ist das zu subjektiv.

Von rein komischen Instrumentaleffecten führ' ich aber an die in der Oktave gestimmten Pauken im Scherzo der D moll-Symphonie, die Hornstelle

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<I,185> in dem der A dur-Symphonie von Beethoven, überhaupt die verschiedenen Einschnitte in D dur im langsamen Tempo, mit denen er plötzlich aufhält und zu dreimalen erschreckt (wie denn der ganze letzte Satz derselben Symphonie das Höchste im Humor ist, was die Instrumentalmusik aufzuweisen), dann das Pizzicato im Scherzo der C moll-Symphonie, obwohl etwas dahinter dröht.

So fängt bei einer Stelle im letzten Satz der F dur-Symphonie ein ganzes wohlbekanntes und geübtes Orchester zu lachen an, weil es in der Baßfigur

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den Namen eines geschätzten Mitglieds (Belcke) zu hören fest behauptet. Auch die fragende Figur

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im Contraviolon der C moll-Symphonie wirkt lustig. Die im Adagio der B dur-Symphonie

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ist zumal im Baß oder in der Pauke ein ordentlicher Falstaff. Einen humoristischen Eindruck bringt auch der letzte Satz im Quintett (Werk 29) hervor von der schnippischen Figur

NB I,185 - Nr. 4

<I,186> an bis zum plötzlichen Eintritt des Zweivierteltaktes, der den gegenkämpfenden Sechsachtler durchaus niedermachen will. Gewiß ist, daß Beethoven im Andante scherzoso selbst eintritt (wie etwa Grabbe mit der Laterne in seinem Lustspiel)[1] oder ein Selbstgespräch hält, das sich anfängt: Himmel – was hast du da angerichtet! – da werden die Perücken die Köpfe schütteln" (eigentlich umgedreht) &c. Gar spaßhaft sind dann die Schlüsse im Scherzo der A dur-Symphonie, im Allegretto der achten. Man sieht den Componisten ordentlich die Feder wegwerfen, die wahrscheinlich schlecht genug gewesen. Dann die Hörner am Schluß des Scherzo der B dur-Symphonie, die mit

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noch einmal wie recht ausholen wollen. Wieviel findet sich dann im Haydn (im idealischen Mozart weniger). Unter den Neueren darf, außer Weber, namentlich Marschner nicht unerwähnt bleiben, dessen Talent zum Komischen sein lyrisches bei weitem zu überragen scheint.

Florestan.

Anmerkungen

[1] Schumann spielt hier auf Ch.D. Grabbes Lustspiel Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung an, in dem der Dichter gegen Ende selbst mit der Laterne auftritt. zurück zum Text