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Schumann: Schriften

Die Abonnementconcerte in Leipzig von 1840-1841. [Kreisig 100]

[Auszug]

Achtes Abonnementconcert den 10. December.

[Auszug]

<IV,83> Von den Beethoven'schen Symphonieen wird die in F wohl am wenigsten gespielt und gehört; selbst in Leipzig, wo sie sämmtlich so heimisch, fast populär sind, hegt man ein Vorurtheil gerade gegen diese, der doch an humoristischer Tiefe kaum eine andere Beethoven's gleichkömmt. Steigerungen, wie gegen den Schluß des letzten Satzes hin, sind auch im Beethoven selten, und zum Allegretto in B kann man auch nichts als – still sein und glücklich. [...]

<IV,84> [...] Ueber die größeren Ensemblestücke von Rossini und Spontini haben wir, als über bekannte Compositionen, nichts zu erwähnen. Nur bei der Ouverture von Cherubini fiel uns wieder ein, ob denn dieser große Mann und Meister nicht noch zuwenig gekannt und geschätzt ist, und ob es nicht gerade jetzt, wo das Verständniß seiner Compositionen durch den Weg, den die neue bessere Musik genommen, uns um vieles nähergebracht ist, an der Zeit <IV,85> wäre, ihn wieder mehr hervorzusuchen, der zu Beethoven's Lebzeiten gewiß der zweite Meister der neueren Tonkunst, nach dessen Tode wohl als der erste der lebenden zu betrachten ist. –

Zehntes Abonnementconcert den 1. Januar 1841.

[Auszug]

<IV,86>[...]

[ L.v. Beethoven: Symphonie Nr. 5, C moll, op. 67 ]

<IV,88> Die C moll-Symphonie von Beethoven beschloß. Schweigen wir darüber! So oft gehört im öffentlichen Saal wie im Inneren, übt sie unverändert ihre Macht auf alle Lebensalter aus, gleich wie manche große Erscheinungen in der Natur, die, so oft sie auch wiederkehren, uns mit Furcht und Bewunderung erfüllen. Auch diese Symphonie wird nach Jahrhunderten noch wiederklingen, ja gewiß solange es eine Welt und Musik gibt. –

Elftes Abonnementconcert den 7. Januar 1841.

[Auszug]

[Historische Symphonie von Spohr]

Die interessanteste Nummer des Concertes war ohnstreitig die letzte und das ganze Publicum darauf gespannt. Der Zettel nannte sie: "Historische Symphonie im Styl und Geschmack vier verschiedener Zeitabschnitte. Erster Satz: Bach-Händel'sche- Periode, 1720. Adagio: Haydn-Mozart'sche, 1780. Scherzo: Beethoven'sche, 1810. Finale: allerneueste Periode, 1840." Diese neue Symphonie Spohr's ist, irren wir nicht, für das <IV,89> Londoner philharmonische Concert geschrieben, dort auch zum erstenmal vor etwa Jahresfrist gegeben, und, müssen wir hinzusetzen, auch in England schon stark angegriffen worden. Wir fürchten, auch in Deutschland werden harte Urtheile darüber fallen. Eine merkwürdige Erscheinung bleibt es gewiß, daß in neuerer Zeit schon mehre Versuche gemacht worden, uns die alte vorzuführen. So gab vor 3 Jahren O. Nicolai in Wien ein Concert, in dem er gleichfalls eine Reihe "im Styl und Geschmacke anderer Jahrhunderte" geschriebener Compositionen aufführte. Moscheles schrieb ein Stück zu Händel's Ehren und in seiner Weise. Taubert gab neuerdings eine "Suite" heraus, ebenfalls auf alte Formen hinzuweisen u. dgl. mehr. Selbst Spohr hatte seiner Symphonie schon ein Violinconcert "Sonst und Jetzt" vorausgehen lassen, in dem er etwas Aehnliches beabsichtigt wie in jener. Man kann nichts dagegen haben; die Versuche mögen als Studien gelten, wie ja die Zeit neuerdings ein Wohlgefallen am Rokoko-Geschmack gezeigt. Aber daß gerade Spohr auf die Idee fällt, Spohr, der fertige abgeschlossene Meister, Spohr, der nie etwas über die Lippen gebracht, was nicht seinem eigensten Herzen entsprungen, und der immer beim ersten Klange schon zu erkennen – dies muß wohl allen interessant erscheinen. So hat er denn auch seine Aufgabe gelöst, wie wir es beinahe erwarteten; er hat sich in das Aeußere, die Form verschiedener Style zu fügen angeschickt; im übrigen bleibt er der Meister, wie wir <IV,90> ihn lange kennen und lieben; ja es hebt gerade die ungewohnte Form seine Eigenthümlichkeit noch schreiender hervor, wie denn etwa ein irgend von der Natur ausgezeichneter sich nirgends leichter verräth, als wenn er sich maskirt. So ging Napoleon einstmals auf einen Maskenball, und kaum war er einige Augenblicke da, als er schon – die Arme ineinanderschlug. Wie ein Lauffeuer ging es durch den Saal: "der Kaiser!" Aehnlich konnte man bei der Symphonie in jedem Winkel des Saales den Laut "Spohr" und wieder "Spohr" hören. Am besten, schien es mir, verstellte er sich noch in der Mozart-Haydn'schen Maske; der Bach-Händel'schen fehlte dagegen viel von der nervigen Gedrungenheit der Originalgesichter; der Beethoven'schen aber wohl alles. Als völligen Mißgriff möchte ich aber gar den letzten Satz bezeichnen. Dies mag Lärm sein, wie wir, ihn wohl oft von Auber, Meyerbeer und ähnlichen hören; aber es gibt auch Besseres, Würdigeres, jene Einflüsse Paralysirendes genug, daß wir die bittere Absicht jenes letzten Satzes nicht einzusehen vermögen. Ja Spohr selbst darf sich nicht über Nicht-Anerkennung beklagen. Wo gute Namen klingen, klingt auch seiner mit und dies geschieht noch an tausend Stellen täglich. Im Uebrigen, versteht sich, ist der Bau der einzelnen Sätze, den letzten etwa ausgenommen, ausgezeichnet, und namentlich die Instrumentation, deren Kunst zu entwickeln die Idee des Ganzen gewiß auch sehr günstig, des Meisters würdig. Auf das Ganze des Publicums <IV,91> machte, wie es schien, die Symphonie keinen, wenn nicht einen ungefälligen Eindruck. Da sie übrigens ehestens im Drucke erscheint, wird bald jeder sein Urtheil über das Kuriosum, das es ist und bleibt, feststellen können. – [ ... ]

13tes bis 16tes Abonnementconcert.

<IV,93> Das dreizehnte und die drei folgenden Concerte brachten nur Werke deutscher Componisten, und zwar unserer größten: Bach, Händel, Haydn, Mozart und Beethoven. Bach und Händel füllten einen Abend, die anderen jeder einen. Daß die Auswahl sinnig, daß jeder der Meister durch bezeichnende Compositionen vertreten war, kann man glauben, wo ein Meister gewählt hatte, der, wie Mendelssohn, ihre Werke so durch und durch kennt wie vielleicht Niemand der Zeitgenossen weiter, der wohl imstande wäre, alles an jenen schönen Abenden Vorgeführte aus dem Gedächtnisse in Partitur zu schreiben.

<IV,94> Von einer Kritik, von Lob und Tadel der Compositionen kann im übrigen wohl keine Rede sein; doch mag, wie die Auswahl getroffen war, manchem auswärtigen Kunstfreunde von Interesse sein und vom Geschmacke, mit dem jene Concerte geordnet waren, ein Zeugniß geben.

Das Bach-Händel'sche Concert brachte im ersten Theile:

Die chromatische Phantasie, von F. Mendelssohn gespielt,
die doppelchörige. Motette: "Ich lasse dich nicht",
Chaconne für Violine allein, v. F. David gespielt, und
das Crucifixus, Resurrexit und Sanctus aus der großen Messe in H moll,

alles von Bach, und fast zu viel des Herrlichen. Den tiefsten Eindruck machte vielleicht das Crucifixus, aber auch ein Stück, das nur mit andern Bach'schen zu vergleichen ist, eines, vor dem sich alle Meister aller Zeiten in Ehrfurcht verneigen müssen. Die Motette "Ich lasse dich nicht" ist mehr bekannt; in so vollendeter Aufführung war sie indeß hier noch nicht gehört worden, daß sie in dieser Frische und Klarheit eine ganz andere schien. Die Solostücke brachten den Spielern feurigen Beifall, was wir zum Beweise anführen, daß man mit Bach'schen Compositionen auch im Concertsaale noch enthusiasmiren könne. Wie freilich Mendelssohn Bach'sche Compositionen spielt, muß man hören. David spielte die Chaconne nicht minder meisterlich und mit der feinen Begleitung <IV,95> Mendelssohn's, von der wir schon früher einmal berichteten. Den zweiten Theil des Concerts füllte Händel. Wär' es kein Verstoß gewesen, so hätten wir ihn vor Bach zu hören gewünscht. Nach ihm wirkt er minder tief. Die gewählten Stücke waren:

Ouverture zum Messias,
Rez. und Arie mit Chor ebendaher, von Frl. Schloß gesungen,
Thema mit Variationen für Clavier, von Mendelssohn gespielt, und
Vier Doppelchöre aus Israel in Aegypten.

Neu davon war die dritte Nummer, unter Mendelssohn's Händen von reizend naiver Wirkung. In diesen wie in den Bach'schen Chören, so wie in den späteren drei Concerten wirkte übrigens eine bedeutende Anzahl Dilettanten mit, was einer dankbaren Erwähnung bedarf.

Das Concert des 28sten Januar war Haydn gewidmet. So Mannichfaltiges das Programm enthielt, so mag doch Manchen der Abend ermüdet haben, und natürlich: denn Haydn'sche Musik ist hier immer viel gespielt worden, und man kann nichts Neues mehr von ihm erfahren; er ist wie ein gewohnter Hausfreund, der immer gern und achtungsvoll empfangen wird; tieferes Interesse aber hat er für die Jetztzeit nicht mehr. Die aufgeführten Stücke waren:

Einleitung, Rezitativ, Arie und Chor aus der "Schöpfung", die Solopartie von Frl. Schloß gesungen,
<IV,96> Quartett (Gott erhalte Franz den Kaiser) für Streichinstrumente, von den HH. David, Klengel, Schulz und Wittmann vorgetragen,
Motette "du bist's, dem Ruhm und Ehre gebühret",
Symphonie in B-Dur, und die
Jagd- und Weinlese aus den Jahreszeiten.

Wie noch aller Herzen an Mozart hängen, davon gab das folgende Concert einen Beweis. Orchester und Solospieler zeigten sich aber auch im höchsten Glanze; es war ein Concert, in dem wir ganz Deutschland gegenwärtig gewünscht hätten, in den Jubel einzustimmen, den sein großer Künstler an jenem Abend erregte. Ist es nicht, als würden Mozart's Werke immer frischer, je mehr man sie hörte! Auch einige seiner Lieder hatte man hervorgesucht; wie junge Veilchen dufteten sie noch. Folge hier anstatt aller Beschreibung noch das ausgesucht schöne Programm:

Ouverture zu Titus,
Rezitativ und Arie mit obl. Violine; vorgetragen von Frl. Schloß und Hrn. David,
Concert in D moll für Pianoforte, gespielt von F. Mendelssohn,
zwei Lieder, gesungen von Frl. Schloß,
Symphonie in C dur (Jupiter).

Einer der reichsten Musikabende aber, wie er vielleicht selten in der Welt zu hören, war der des 11ten Febr., der nur Beethoven'sches brachte. Auch schien uns der Saal glänzender als je gefüllt; das Orchester, gedrängt <IV,97> voll von Sing- und Spiellustigen, gewährte einen schönen Anblick. Unter den Gästen ward bald auch die geniale Künstlerin entdeckt, die Beethoven selbst zu einer seiner größten Schöpfungen, zum Fidelio, gesessen zu haben scheint. Mad. Schröder-Devrient, die der Zufall zu günstiger Stunde gerade nach Leipzig geführt hatte. So waren denn edle Kunstnaturen genug bei einander, um Beethoven in würdigster Weise zu vertreten. Auch der junge Russe Gulomy darf nicht unerwähnt bleiben, der, noch wenig gekannt, durch das Spiel des Violinconcertes in D dur sich Achtung erwarb und sie verdiente. Das Concert brachte denn

die Ouverture zu Leonore in C dur,
Kyrie und Gloria aus der Messe in C Werk 86,
das erwähnte Violinconcert,
Adelaide, und zum Schluß
die 9te Symphonie.

Die Ouverture wurde da Capo verlangt und auch gespielt. Das letzte wunderte uns beinahe, da noch so vieles vom Orchester zu leisten war. Das Kyrie und Gloria nach diesem zweimal gehörten Riesenstücke wirkte schwächer. Den Namen des Spielers des Violinsatzes nannten wir eben. Die Composition gehört zu Beethovens schönsten und ist, was Erfindung anlangt, wohl in gleichen Rang mit seinen früheren Symphonieen zu stellen. Am Spiele des Virtuosen hätten wir Manches zarter, singender, deutscher gewünscht; in den feurigen Stellen ließ es nichts zu wünschen übrig. Die eingeflochtenen <IV,98> Kadenzen waren nicht von Beethoven, wie schnell genug zu bemerken. Zum Vortrag der Adelaide – wen hätte man sich lieber herbei wünschen mögen, als die es sang: Mad. SchröderDevrient, die sich auf Mendelssohn's Bitte schnell bereit zeigte. Das Publicum gerieth in eine Art Schwärmerei, als sie hervortrat, und wäre eine Künstlerin durch noch so große Triumphe verwöhnt, ein solcher Beifall müßte sie immer wieder erfreuen und hat es gewiß auch. Noch stand uns die 9te Symphonie bevor. Scheint es doch, als finge man an, endlich einzusehen, daß in ihr der große Mann sein Größtes niedergelegt hat. So feurig erinnere ich mich nie, daß sie früher aufgenommen worden wäre. Mit diesem Ausspruche wollen wir viel weniger dem Werke als dem Publicum ein Lob sagen, denn jenes steht über Alles; so oft ist dies schon in unsern Blättern ausgesprochen worden, daß wir nichts weiter darüber zu sagen haben. Die Ausführung war ganz vorzüglich lebendig. Im Scherzo hörten wir einen Ton, dessen Bedeutung Mendelssohn's Blick auf das schärfste gefaßt, den wir früher nie so bedeutend hervortreten gehört; das einzige d einer Baßposaune macht dort eine erstaunliche Wirkung und gibt der Stelle ein ganz neues Leben; man vergleiche die Partitur S. 66, T. 3, S. 75, T. 8. –