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Türk: Klavierschule

Kap. 4, Abs. 1 (b)

(b) Von den wesentlichen Manieren überhaupt. [§. 6-11]

<238> §. 6. [...] Einie allgemeine Bemerkungen über den willkührlichen Gebrauch der wesentlichen Manieren folgen sogleich

§. 7.

  1. Man sey überhaupt nicht verschwendrisch mit den Manieren, am wenigsten aber in Tonstücken deren Charakter Traurigkeit, Schmerz, Schwermuth, Ernst, Unschuld, Naivität u. dgl. ist; denn oft wird in solchen Fällen durch eine einzige zur Unzeit angebrachte Manier die abgezielte Wirkung merklich geschwächt. Weit weniger hat man dies in Tonstücken von einem zärtlichen, lebhaften, freudigen, tändelnden &c. Charakter zu besorgen.
  2. Man wähle Manieren, welche dem Charakter des Stückes angemessen sind. In einem LARGO MESTO z.B. würden viele Triller, Mordenten, Schneller u. dgl. nicht die beste Wirkung thun; da hingegen ein punktirter Anschlag, Schleifer, Vorschlag &c. hierbey dem Affekte weit angemessener ist.
  3. Man richte sich in Absicht auf die geschwindere oder langsamere Ausführung der Manieren, so viel als möglich, nach dem Charakter und der mehr oder weniger lebhaften Bewegung eines Tonstückes. Im ALLEGRO z.B. muß der Triller geschwinder geschlagen werden, als im ADAGIO. Eben so erfordern die punktirten Schleifer, die Anschläge &c. eine dem Charakter gemäße geschwindere oder langsamere Ausführung.
  4. Man wechsele, um die allzu große Einförmigkeit zu vermeiden, mit verschiedenen Manieren ab. Doch versteht es sich, daß man auch in dieser Rücksicht eine dem herrschenden Charakter entsprechende Auswahl treffen muß. Oft wird an so gar durch die längere oder kürzere Dauer der Note bestimmt, eine größere oder kleinere Manier anzubringen.

[...]

<240> §. 11. Verschiedene Lehrer lassen ihre Schüler eine geraume Zeit hindurch, oft wohl Jahre lang, die aufgegebenen Stücke ohne die vorgeschriebenen Manieren spielen. Diese Methode ist, dünkt mich, nicht zu empfehlen; denn man weiß, wie viele Uebung verschiedene Manieren erfordern. Wenn soll nun der Schüler diese Uebung anfangen? Etwa alsdann, wenn er schon eine ziemliche Fertigkeit im Notenlesen hat? Das möchte ungefähr im dritten, und bey vielem Fleiße &c. höchstens im zweyten Jahre der Fall seyn. Soll denn der Lernende alsdann erst seinen Geschmack zu bilden suchen, wenn er ihn durch steifes Spielen schon halb verdorben hat?

<241> Ich sollte meinen, es wäre besser, wenn man ihn wenigstens die leichtern Manieren bald üben ließe. Daß dies aber nicht gleich in den ersten Stunden geschehen darf, versteht sich von selbst. Gesetzt der Schüler brächte die etwas schwerern Manieren in dem ersten Jahre nicht mit der gehörigen Geschwindigkeit und Schärfe heraus, so hat er doch den Vortheil von dieser Uebung, daß er sich allmählich an den zweckmäßigen Gebrauch der Manieren gewöhnt, und gelegentlich die Stellen kennen lernt, wobey eine oder die andere Manier statt finden kann. Außerdem hat die erwähnte Uebung auch einen merklichen Einfluß auf verschiedene Passagen, auf die Fingersetzung, auf den Vortrag u.d.m. [und dergleichen mehr]. Aus diesen und andern Gründen rathe ich nochmahls die Manieren fleißig üben zu lassen.