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Türk: Klavierschule

Kap. 6, Abs. 3 (e)

(e) Vom schweren und leichten Vortrage. [§. 43-51]

<358> §. 43. Die §.36.-42. angezeigten Mittel sind es vorzüglich, durch welche der schwere oder leichte Vortrag bewirket wird. Bey einem schweren Vortrage muß nämlich jeder fest (nachdrücklich) angegeben und bis zur völlig verflossenen Dauer der Noten ausgehalten werden. Leicht heißt also der Vortrag, wenn <359> man jeden Ton mit weniger Festigkeit (Nachdruck) angiebt, und den Finger etwas früher, als es die Dauer der Noten bestimmt, von den Tasten abhebt. Zur Vermeidung eines Mißverständnisses muß ich hierbey noch anmerken, daß sich die Ausdrücke schwer und leicht überhaupt mehr auf das Aushalten und Absetzen der Töne, als auf die Stärke und Schwäche derselben beziehen. Denn in gewissen Fällen z.B. in einem ALLEGRO VIVO, SCHERZANDO, Vivace con allegrezza &c. muß zwar der Vortrag ziemlich leicht, (kurz) aber dabey doch mehr oder weniger stark seyn; da hingegen ein Tonstück von traurigem Charakter z.B. ein ADAGIO mesto, con afflizzione &c. zwar geschleift und folglich gewissermaßen schwer, dessen ungeachtet aber nicht eben stark vorgetragen werden darf. Indeß ist allerdings in den meisten Fällen beydes, schwer und stark &c. mit einander verbunden.

Ob der Vortrag schwer oder leicht seyn muß, das läßt sich

  1. aus dem Charakter und der Bestimmung eines Tonstückes (§ 45.)
  2. aus der angezeigten Bewegung,
  3. aus der Taktart,
  4. aus den Notengattungen,
  5. aus der Fortschreitung derselben u.s.w.

beurtheilen. Außerdem kommt sogar der Nationalgeschmack, die Manier des Komponisten und das Instrument, für welches ein Stück bestimmt ist, hierbey mit in Betrachtung.

§. 44. Tonstücke von einem erhabenen, ernsthaften, feyerlichen, pathetischen &c. Charakter müssen schwer, voll und kräftig, stark accentuirt u.s.w. vorgetragen werden. Zu diesen Tonstücken gehören unter andern die, welche GRAVE, POMPOSO, PATETICO, MAESTOSO, SOSTENUTO &c. überschrieben sind. Einen etwas leichtern, und merklich schwächern, Vortrag erfordern die Stücke von einem angenehmen, sanften, gefälligen &c. Charakter, folglich die, welche man durch COMPIACEVOLE, CON DOLCEZZA, GLISSICATO, LUSINGANDO, PASTORALE, PIACEVOLE u. dgl. zu bezeichnen pflegt. Tonstücke, worin muntere, scherzhafte, freudige Empfindungen herrschen z.B. ALLEGRO SCHERZANDO, BURLESCO, GIOCOSO, CON ALLEGREZZA, RISVEGLIATO &c. müssen ganz leicht vorgetragen werden; da hingegen traurige und ähnliche Affekten vorzüglich das Schleifen und Tragen der Töne erfordern. Die Tonstücke von der letztern Art bezeichnet man durch die Worte: CON AFFLIZZIONE, CON AMAREZZA, DOLOROSO, LAGRIMOSO, LANGUIDO, MESTO u.a.m.

Es versteht sich, daß in allen den genannten Fällen verschiedene Grade des schweren oder leichten Vortrages angewandt werden müssen.

<360> §. 45. Tonstücke, welche zu einem ernsten Zwecke geschrieben sind z.B. Fugen, gut gearbeitete Sonaten, religiöse Oden und Lieder &c. [FN: Schriebe ich nicht zunächst für Klavierspieler, so würde ich alles, was für die Kirche bestimmt ist, mit darunter begreifen.] erfordern einen weit schwerern Vortrag, als etwa gewisse tändelnde Divertimente, scherzhafte Gesänge, muntere Tänze u.dgl.m.

§. 46. Aus der Bewegung läßt sich ebenfalls bestimmen, ob man einen schweren oder leichten Vortrag zu wählen hat. Ein PRESTO muß leichter vorgetragen werden, als ein ALLEGRO; dieses leichter als ein ANDANTE u.s.w. Den schwersten Vortrag erfordern also, im Ganzen genommen, die Tonstücke von langsamer Bewegung.

§. 47. Daß auch die Taktart auf den schweren oder leichten Vortrag einen sehr merklichen Einfluß hat, oder doch haben sollte, ist bereits S. 91. in der Note vorläufig erinnert worden. Man merke hierbey noch Folgendes. Je größer die Takttheile oder Hauptzeiten einer Taktart sind, je schwerer muß der Vortrag seyn. So wird z.B. ein Tonstück im 3/2 (a) weit schwerer vorgetragen, als wenn es im 3/4 (b) oder wohl gar im 3/8 (c) stände. Graun wollte also durch die Taktart in dem Beyspiele d), außer der geschwindern Bewegung &c. zugleich einen schweren Vortrag bestimmen.

<361> In den Beyspielen (a) und (d) müssen daher alle Töne mit Nachdruck angegeben und völlig ausgehalten werden. Bey (b) und (e) müßte der Vortrag schon leichter, bey (c) und (f) aber sehr leicht seyn. Auch sogar alsdann, wenn man über die Beyspiele (c) und (f) ADAGIO schriebe, würde ein guter Spieler dieselben Töne nicht so schwer vortragen, als im Allabreve, bey (a) und (d). Uebrigens folgt aus dem obigen, daß die Taktarten 2/8, 4/8, 3/16, 6/16 u. dgl. den leichtesten Vortrag erfordern.

Beyläufig merke ich mit an, daß Tonstücke in kurzen Tripeltaktarten, wie bey c), einen gewissen komischhüpfenden Gang bekommen können, wenn man die erste Note zu stark accentuirt.

[...]

<363> §. 49. Selbst in Rücksicht der Harmonie und Fortschreitung einzelner Intervalle wird ein schwererer oder leichterer Vortrag erfordert. Ein Tonstück mit vielen Dissonanzen muß nämlich schwerer vorgetragen werden, als ein andres, in welchem größtentheils nur leichte konsonirende Harmonien gebraucht worden sind. Tonstücke mit vielen Passagen erfordern, überhaupt genommen, einen leichtern Vortrag, als solche, worin viele singbare Stellen vorkommen. Ins besondere werden springende Passagen noch leichter ausgeführt, als stufenweise fortschreitende u.s.w.

§. 50. [...] <364> Ein Tonstück, welches im italiänischen Nationalgeschmacke geschrieben ist, erfordert, im Ganzen genommen, [Fußnote: ...] einen mittlern (halb schweren) Vortrag. Leichter muß die Ausführung eines französischen Tonstückes seyn. Da hingegen die Arbeiten deutscher Tonsetzer größtentheils einen schwerern, kräftigern Vortrag erfordern.

Eben so setzt auch die Manier des Komponisten eine eigene Behandlungsart voraus. Ein Tonstück von Händel, Sebastian Bach &c. muß nachdrücklicher vorgetragen werden, als etwa ein modernes Konzert von Mozart, Kozeluch u.a.m.

Sonaten für den Flügel erfordern nicht den schweren Vortrag, welchen von C.P.E. Bach komponirte Klaviersonaten voraussetzen.

Der schwere oder leichte Vortrag muß aber nicht nur dem Ganzen, sondern jeder einzelnen Stelle eines Stückes entsprechen. In einem leicht vorzutragenden Tonstücke von munterm Charakter können dessen ungeachtet erhabene Stellen enthalten seyn, welche einen schwerern Vortrag erfordern. Wenn ich mich in der Kunstsprache der Maler ausdrucken dürfte, so würde ich sagen, gewisse Stellen müssen Licht, andere aber Schatten enthalten. So muß man z.B. in Fugen oder gearbeiteten Tonstücken vorzüglich das Thema (Subjekt) und die nachahmenden Stellen mit Nachdruck vortragen, damit sie desto hervorstechender werden. Ein majestätisches all'unisono erfordert ebenfalls einen schweren und kräftigen Vortrag, wenn nicht der Komponist aus gewissen Ursachen das Gegentheil bestimmt hat.

[...]