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Türk: Klavierschule

Kap. 6, Abs. 4

4. Abschnitt. Von der zweckmäßigen Anwendung der Manieren, und von gewissen andern Mitteln, welche zum guten Vortrage erfordert werden, oder doch einigermaßen mitwirken. [§. 52-59]

<365> §. 52. Die wesentlichen Manieren und willkührlichen Verzierungen nenne ich hier blos deswegen, weil sie ein nicht unwichtiger Theil des guten Vortrages sind. Da aber von ihrer zweckmäßigen Anwendung in eigenen dazu bestimmten Kapiteln, wie ich hoffe, hinlänglich gehandelt worden ist, so verweise ich die Leser dahin.

Unter den übrigen Mitteln, welche zum guten Vortrage erfordert werden oder doch mitwirken, verstehe ich vorzüglich:

  1. einen schönen Ton,
  2. ein freyes, ungezwungenes Wesen bey dem Spielen,
  3. anständige Mienen, und
  4. gewisse Vortheile, wodurch der gute Vortrag beym Klavierspielen befördert werden kann.

§. 53. [...]

<366> §. 54. Ein schöner Ton muß deutlich, voll, geschmeidig, hell, vorzüglich aber angenehm seyn, und darf folglich, auch bey dem möglichsten Grade der Stärke, nicht rauh, noch beym pianissimo undeutlich werden. Da aber die Musik Empfindungen verschiedener Art hervor bringen soll, so muß zu den genannten Eigenschaften eines schönen Tones noch das Charakteristische hinzu kommen. "Der schönste Ton, schreibt Sulzer, ist der, der jeden Ton des Ausdrucks annimmt, und in allen Schattirungen des Forte und Piano gleich klar und helle bleibt."

§. 55. [...]

§. 56. Ein freyes, ungezwungenes Wesen beym Spielen, trägt zur guten Wirkung ebenfalls ungemein viel bey. Kunstwerke verlieren überhaupt sehr viel, wenn man das Natürliche dabey vermißt; kommt in der Musik eine gezwungene, ängstliche Ausführung hinzu, so wird der Zweck des Komponisten und Spielers sicher nur halb erreicht. Eine sehr schöne Passage, wobey der Spieler merken läßt, daß er mit Schwierigkeiten zu kämpfen habe, und daß die Ausführung derselben verunglücken könne, macht dem theilnehmenden und besorgten Zuhörer gewiß nicht so viel Vergnügen, als eine etwas schlechtere Stelle, die mit einer gewissen Ruhe und scheinbaren Leichtigkeit vorgetragen wird. Die Erfahrung bestätigt dies hinlänglich; ich habe daher nicht nöthig, mich hierüber auf psychologische Untersuchungen einzulassen.

§. 57. Schon in der Einleitung wurde vor allen Grimassen &c. beym Spielen gewarnt; kann man es aber dahin bringen, daß die Miene dem Charakter des Tonstückes auf eine anständige Art entspricht, oder daß man von dem jedesmaligen Affekte durchdrungen zu seyn scheint; so ist dieses dem guten Vortrage wenigstens nicht nachtheilig; ob ich gleich nicht dafür halte, daß ein solches pantomimisches <367> Spiel in der Musik so viel zum Ausdrucke beytrage, als man ehedem behauptete. [FN] Indeß wüßte ich auch nicht, was man Erhebliches dagegen einwenden wollte, wenn der Spieler bey muntern Affekten eine heitere Miene, bey zärtlichen eine gefällige, bey ernsthaften eine gesetzte - kurz, eine theilnehmende Miene annähme.

Aber freylich nicht bey einer einzelnen schweren Stelle eine verdrüßliche Miene, oder bey jeder Note eine besondere Bewegung mit dem Munde u.s.w. Dem Sänger, vorzüglich aber dem auf der Bühne, würde ich in dieser Rücksicht Engels Ideen zu einer Mimik empfehlen.

§. 58. Um ruhig und mit Ausdruck, folglich gut spielen zu können, darf man (öffentlich) nie solche Stücke wählen, denen man nicht vollkommen gewachsen ist. Das Vorurtheil, man müsse sich mit schweren Stücken hören lassen, scheint zwar bey einer gewissen Gattung von Musikern ziemlich allgemein zu werden; allein der besser unterrichtete Zuhörer beurtheilt den Spieler nicht nach der Größe der vorgetragenen Schwierigkeiten, sondern wie sie ausgeführt wurden. Was man zu Hause, oder für sich allein, ziemlich gut heraus bringt, das darf man deswegen noch nicht öffentlich zu spielen wagen; denn vieles mißlingt gewöhnlich vor einer zahlreichen Versammlung und bey einem stark besetzten (zum Nachgeben nicht immer geneigten) Orchester, was man für sich allein ohne Anstoß heraus brachte. Hiervon machen gewiß nur Wenige eine Ausnahme.

[...]