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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III

13tes Kapitel. Über das Auswendig-Spielen.

<70> § 1. Es gibt Schüler, die ein so gutes musikalisches Gedächtnis besitzen, dass sie den Lehrer dadurch verlegen machen, indem sie jedes einigemal durchgepielte Stück schon auswendig spielen, und daher nicht mehr in die Noten sehen wollen. Die üble Folge dieser Eigenschaft ist allerdings, dass der Schüler sich ein ungenaues Spiel angewöhnt, und das fertige Notenlesen versäumt. Aber nichts ist leichter, als das Mittel zu finden, welches diese Eigenschaft, - (die übrigens meistens grosses Talent verräth, -) nicht sowohl abgewöhnen, als zum Guten leiten kann. Man lasse nämlich, sobald der Schüler ein Stück einigemal durchgespielt hat, denselben sogleich wieder ein Neues anfangen, wo er schon genöthigt sein wird, beim ersten Lesen die Noten wieder anzusehen. Und dieses setze man so lange fort, bis sein Auge sich an das Festhalten der Noten, und an richtiges Lesen gewöhnt. Dann erst beginne man, ihn die früher durchgegangenen Stücke wieder aufs Reine einzustudieren.

§ 2. Schwieriger ist es im Gegentheil, solchen Schülern das Auswendigspielen anzueignen, welche kein Musik-Gedächtniss besitzen; aber meistens ist es doch auch nicht unmöglich. Man wählt unter den bereits einstudierten Stücken ein sehr leichtes und kurzes, (etwa einen Walzer oder ein Opern-Motif) und lässt es den Schüler Takt für Takt auswendig lernen, indem er darauf Acht geben muss, in welcher Octave jede Stelle vorkommt, ob die Noten auf- oder abwärts steigen, ob die Töne kurz oder lang sind, u. s. w: und nöthigenfalls kann er zuerst die Begleitung der linken Hand allein lernen.

§ 3. Das Gedächtniss-Vermögen hat bekanntlich viele Fächer. Der Eine merkt sich leichter die Gestalt der Noten, und muss demnach das Gedächtniss des Auges benützen. Ein Anderer behält leichter die Nacheinanderfolge der Töne, indem er das Gedächtniss des Gehörs anwendet. Auch die Bewegungen der Finger können bei Manchen vorzüglich leicht sich in das Gedächtniss einprägen, und in diesem Fall wird das Gedächtnis durch das Betastungsgefühl in Anspruch genommen.

Ein Tonstück, einmal auswendig gelernt, muss täglich wiederhohlt werden, damit es nicht wieder verloren gehe.

So lerne man fortschreitend ein Stück nach dem andern, bis endlich das Gedächtniss so geschärft worden ist, dass man auch längere und schwerere Stücke sicher behält.

§ 4. Es ist eine angenehme und ehrende Eigenschaft, wenn man viele Tonstücke auswendig gut vorzutragen weiss, und also nicht genöthigt ist, seine Musikalien stets mitzuschleppen. Wie oft trifft man zufällig irgendwo ein Fortepiano an, und wie unangenehm ist es dann, wenn man nach einigen stotternden Anfängen sich damit entschuldigen muss: "Man wisse nichts auswendig!"

Endlich können die gut auswendig einstudierten Tonstücke mit einer gewissen Freiheit und Leichtigkeit ausgeführt werden, die denselben einen neuen Reiz verleiht, und gleichsam schon einer freien Improvisation nahe kommt. Wir rathe jedem bessern Spieler, stets wenigstens ein Dutzend Stücke verschiedener Gattung auswendig in seiner Gewalt zu haben.