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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III

14tes Kapitel. Über das A-vista-Spielen. (Vom Blatte lesen.)

<70> § 1. Es gehört nicht nur zu den ehrenvollsten, sondern auch nothwendigen Eigenschaften eines guten Spielers, dass er jedes, nicht übertrieben schwieriges Tonstück gleich zum erstenmale so richtig, ununterbrochen, und auch möglichst nach dem vorgeschriebenen Tempo vorzutragen im Stande sei, dass die Zuhörer den Sinn und Charakter dieses Stückes völlig aufzufassen vermögen.

Zu diesem Talent des A-vista-Spielens gehören mehrere, theils angeborne, theils zu erlernende Eigenschaften.

<71> § 2. Zu den Erstern gehört: Ein scharfes, schnell übersehendes Auge, ein gefasstes, keinen Zerstreuungen unterworfenes Gemüth, und ein Grad des Tonsinns, welcher schon, während man eine Stelle spielt, die nächstkommende beiläufig errathen lässt.

Zu den Zweiten gehört: Eine grosse Geläufigkeit und Herrschaft über die Tasten durch häufiges Üben der Scalen in allen 24 Tonarten, und der gewöhnlichen, überall vorkommenden Passagen und Figuren. Ferner in häufiges Üben im A-vista-Spielen selber, indem man täglich durch wenigstens eine Stunde immer neue Stücke liest, dabei mit den Leichteren anfängt, und bei diesem Durchspielen den festen Vorsatz hat, nirgends stecken zu bleiben, und sich durch kleinere Fehler nicht unterbrechen zu lassen, sondern immer rasch bis ans Ende fortzuspielen. Und so fährt man mit immer schwereren Stücken fort, bis man nach und nach selbst vor Zuhörern es wagen kann, ohne Störung auch die bedeutendsten Werke à prima vista vorzutragen.

§ 3. Denn wie oft kommt der Spieler in den Fall, z.B: ein Lied à vista zu accompagniren, dessen Begleitung auch wohl recht schwierig sein kann; - oder mit Begleitung anderer Instrumente ein unbekanntes Tonstück zu versuchen; - und wie übel kleidet es, wenn er dabei weder richtig zu greifen, noch die Taktfestigkeit zu beobachten im Stande ist und alle Augenblicke stolpert.

§ 4. Eine gründliche Kenntniss der Harmonielehre, die man auch schon praktisch durch die Finger auszuüben vermag, trägt sehr zum A-vista-Spielen bei; wogegen aber eine bloss oberflächliche, nur erst im Kopfe wohnende Kenntniss derselben nur noch mehr irre macht, wenn man sie dazu anwenden wollte.

§ 5. Es gibt Viele, die sich so sehr auf das A-vista-Spielen verlegen, dass sie darüber das schöne, genaue und studierte Spiel gänzlich versäumen. Das ist ein grosser Fehler; denn ein solcher Notenverschlinger entbehrt das schönste Vergnügen, das die Kunst gewährt: Die Vollkommenheit der Ausführung.

Das A-vista-Spielen ist nur eine Pflicht des Spielers, ohne sein Ziel sein zu dürfen. Der Zuhörer ergötzt sich doch weit mehr an einem vollkommen ausgeführten, wenn auch vielleicht ein Jahr lang einstudierten Stücke, als an dem Schwierigsten, das man a-vista, allenfalls recht brav, aber natürlicherweise doch immer in vieler Hinsicht mangelhaft vorträgt.