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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III

16tes Kapitel. Vom Transponieren.

<73> § 1. Unter dem Transponieren versteht man die Kunst, ein Tonstück in einer andern Tonart, (selbst auch nöthigenfalls à vista,) spielen zu können, als in welcher es componirt ist.

Sehr oft kommt der Clavierspieler in die Lage, ein Gesangstück accompagniren zu müssen welches dem Sänger zu hoch oder zu tief für dessen Stimmumfang gesetzt worden ist, und da wird dem armen Clavieristen ganz unbefangen zugemuthet, dasselbe um einen halben oder ganzen Ton höher oder tiefer zu begleiten. Also Z.B: in H, oder in Cis, wenn das Tonstück in C gesetzt ist.

§ 2. Dass die Erlangung dieser Fertigkeit eben so schwer als nothwendig ist, wird man einsehen, und es kann auch nur der sehr geübte Spieler und Notenleser darauf Anspruch machen.

Aber auf jeden Fall ist es nöthig, sich darauf eigends einzuüben, indem man täglich durch einige Zeit, anfangs jedoch sehr leichte Stückchen, auf diese Art in mehrere Tonarten transponiert.

§ 3. Wenn die Transposition nur um einen halben Ton höher geschieht, so ist sie meistens ziemlich leicht; denn wenn man Z.B: aus C in Cis transponirt, so braucht man sich nur 7 vorgezeichnete # einzubilden, und jedes im Stück vorkommende b als ein [Auflösungszeichen], so wie jedes # als ein x anzusehen.

§ 4. Wenn aber die Transposition um mehrere Töne aufwärts oder abwärts geschehen soll, (z:B: aus D in Fis, oder aus Es in A,) so wird die Sache schon bedeutend schwerer, und der Spieler hat dabei folgendes zu beobachten:

  1. Seine Finger müssen, (besonders durch fleissiges Üben der Scalen) so sehr mit allen Tonarten vertraut sein, dass auch die Seltenste und Schwierigste ihnen nicht fremder erscheint, als die leichteste.
  2. Der Spieler muss bereits ein fertiger A-vista-Leser sein, und folglich wenigstens auf einige Takte voraus das Nachkommende überblicken, und dessen Effekt sich bereits in Gedanken vorstellen können.
  3. Er muss vorzüglich auf die oberste, die Melodie führende Stimme, und auf die untersten Bassnoten Acht geben, weil sodann die Mittelstimmen leichter errathen oder gefunden werden können.
  4. Besonders ist darauf zu sehen, in welchen Intervallen der Gesang und unterste Bass fortschreitet. Sobald der Spieler weiss, dass z: B: der Gesang um eine Quart oder Sext aufwärts oder abwärts steigt, so ist die Transposition desselben leicht und unfehlbar.

Man nehme z.B. folgende Stelle:

[Notenbeispiel 74]

<74> Wenn man diesen Satz z.B: nach D dur transponieren sollte, so verfährt man folgendermassen:

1ter Takt. Der erste Accord ist der vollkommene in beiden Händen, also zwischen 4 D liegend.
Die rechte Hand steigt im 2ten Accord um eine grosse Terz, folglich auf das Fis. Die linke Hand nimmt denselben frühern Accord um eine Octave höher.

2ter Takt. Die rechte Hand steigt in demselben Accord um eine kleine Terz, folglich auf das A. Die Linke steigt wieder um eine Octave höher auf die 2 zum vorigen Accord gehörigen Töne D/Fis. Hierauf folgt der leichte diatonische Lauf von D zu D.

3ter Takt. Während diesem Laufe hat der Spieler schon zu bedenken, dass die nächste obere Note um eine grosse Terz abwärts steigt, nämlich auf das B. Die Linke unterste Stimme steigt um 5 Stufen herab, nämlich von D auf das G. Der ganze Accord (in G mol) ist sodann leicht zu errathen. Im nächsten Accord geht die oberste Stimme um eine ganze Stufe abwärts, (also auf As) und die Linke nimmt mit dem kleinen Finger B, und auf demselben den B dur Accord. Dieses B ist leichter zu finden, wenn der Spieler bedenkt, dass es um eine ganze Stufe höher liegen muss, als das As im Original. Denn wo es schwer scheint, nach der Entfernung der Intervallen weiter zu suchen, muss man von der geschriebenen Grundtonart transponieren. Die 3 übrigen Noten in der rechten Hand sind dieselben wie im Bass.

4ter Takt. Die rechte Hand geht um einen halben Ton in der Oberstimme abwärts, und der Daumen bleibt auf der vorigen Taste liegen. Die nächstfolgende erste Sechzehntel bleibt die vorige Taste, (also G) worauf wieder ein Theil der Scala in D dur nachfolgt, wobei der Octavensprung von E zu E leicht zu finden ist. Die linke Hand steigt um eine Quart aufwärts, auf den Es-dur-Accord. Die nachfolgenden Auflösungen zeigen deutlich, dass man wieder in die Grund-Tonart, (also nach D dur) zurückkehrt; die unterste Note ist die 7te grosse Stufe der Tonleiter, also Cis.

5ter Takt. Die ersten Noten gehören dem D-dur-Accord, die 2 letzten Vierteln gehen diatonisch auf die Octave Cis hinab. In der linken Hand geht der 2te Accord um eine grosse Terz aufwärts; das # erhöht die neue Terz desselben, so dass dieser Accord zu Fis-dur gehört.

6ter Takt. Der 2te Finger der rechten Hand schlägt den Grundton, (also D) an, welches im nächsten Accord bleibt, in welchem der kleine Finger wieder eine Sext aufwärts greift. Im nachfolgenden Accorde bleiben die 2 untern Noten, und oben geht die Stimme eine Quint abwärts, welche im letzten Accord nur um einen halben Ton erhöht wird.
NB. Der Spieler hat auf diejenigen Noten wohl zu achten, welche sich wiederhohlen, weil sie am Bessten zum Leitfaden für das Übrige dienen.
In der linken Hand geht die Octave mit beigefügter Terz um einen halben Ton höher (auf G), welches sich nach der Pause tiefer wiederhohlt, und zuletzt durch das # um einen halben Ton erhöht wird.

7ter Takt. Der erste Accord löst sich in Nebenstufen auf, indem die oberste Stimme um eine halbe Stufe aufwärts geht. Im 2ten Accord bleibt die obere Taste, und die untern bilden den enharmonischen Accord, der jedem Spieler aus Erfahrung wohl im Gehör und in den Fingern liegt. Der 3te und 4te Accord ist der wohlbekannte Septimenaccord in 2 verschiedenen Lagen.
In der linken Hand bleibt die unterste Note stets das A. Der 2te und 3te Accord ist genau wie in der rechten Hand, und ein solcher Fall für den Spieler eine grosse Erleichterung, weil er da nur eine Zeile genau anzusehen braucht.

§ 5. Dieses ist die Art, wie man beim Transponieren-Lernen das Auge und die Gedanken beschäftigen und angewöhnen muss. Zur Übung muss der Schüler das vorstehende Beispiel in allen 12 Dur-Tonarten auf diese Weise transponieren, und zwar so oft, bis er es in jeder beliebigen Tonart mit gleicher Gewandtheit vortragen kann. Hierauf wähle er täglich einen kurzen (anfangs leichten) Satz, den er in mehrere Tonarten transponieren muss. In einigen Monathen wird es ihm nicht an der nöthigen Übung fehlen, selbst vor Zuhörern, und à-vista, leichtere Stücke ohne Stottern zu übersetzen.

<75> § 6. Wer den Generalbass und die übrigen Schlüsseln vollkommen inne hat, findet darin allerdings ein weiteres Hilfsmittel zum transponieren, jedoch nicht in dem Maasse, als man vielleicht glaubt. Denn im raschen Tempo hat man nicht Zeit, an diese theoretischen Mittel zu denken, und jene oben angezeigte Art bleibt für jeden Pianisten stets die sicherste und schnellste, weil sie zugleich auf eine grosse praktische Übung der Finger gegründet ist.