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Koch: Musikalisches Lexikon

Recitativ.

<1230> Der Gesang ist nichts anders, oder sollte genau genommen wenigstens nichts anders seyn, als Ausguß des Herzens, welches von einer gewissen Empfindung gleichsam überfließt, und wobey die artikulirten Töne der Sprache, wodurch es sich zu erleichtern, oder mitzutheilen sucht, in eine solche leidenschaftliche Modifikation übergehen, [FN: Siehe Musik] die man den Sington nennet, und den unser Gefühl sehr deutlich von dem gewöhnlichen Sprachtone unterscheidet, wobey <1231> sich aber der Unterschied selbst besser empfinden als beschreiben läßt.

Wenn daher in einem Kunstwerke, wobey sich die Tonkunst mit der Poesie vereinigt, mehr als eine Art oder Gattung der Empfindungen ausgedrückt werden soll, so werden in dem Gedichte diese Empfindungen vorbereitet, das heißt, es wird Veranlassung gegeben, daß diese Empfindungen erwachen und sich unseres Herzens bemeistern können. In diesen die Empfindungen vorbereitenden oder aus ihrem Schlummer lockenden Stellen der Poesie ist aber noch kein eigentlicher Ausdruck der Empfindungen vorhanden; sie können daher auch nicht in Gesang, nemlich nach dem vorhin angezeigten Begriffe des Wortes, eingekleidet werden. Man bedient sich daher zu solchen Stellen der Poesie einer besondern Art des Gesanges, die zwischen der gemeinen Deklamation und zwischen dem eigentlichen Gesange das Mittel hält, und die man das Recitativ nennet.

Das Recitativ, als eine ganz besondere Art der Tonstücke, unterscheidet sich von der gemeinen Deklamation dadurch, daß

  1. die artikulirten Töne der Sprache in einem gewissen Grade in den Sington übergehen, und daß ihre Höhe und Tiefe so genau bestimmt ist, daß dabey immer eine Tonart zum Grunde liegt, und
  2. daß diese Töne so geordnet sind, daß sie einer harmonischen Unterstützung fähig werden, oder von einer Folge abwechselnder Akkorde begleitet werden können.

Von dem eigentlichen Gesange hingegen unterscheidet sich das Recitativ durch folgende Kennzeichen:

  1. ist es an keine bestimmte und gleichartige Taktbewegung gebunden. <1232> Nur bey denjenigen Sylben pflegt sich der Sänger bey dem Vortrage des Recitatives etwas länger zu verweilen, die auch in der Deklamation hervorstechend vorgetragen werden müssen; die übrigen werden gleich kurz abgefertigt, es mögen zu denselben Viertel-, Achtel- oder Sechzehntheilnoten gesetzt seyn. Kurz, das Recitativ wird in Rücksicht auf die Zeitdauer der einzelnen Sylben eben so vorgetragen, wie eine Rede.1 Die Einkleidung desselben in den Takt geschieht hauptsächlich nur deswegen, damit theils die größern und kleinern Ruhepunkte des Geistes, durch welche der Text verständlich wird, theils diejenigen Sylben, die mehr Nachdruck im Vortrage als die übrigen erhalten sollen, dem richtigen Ausdruck gemäß vorgestellet werden können.2
     
    Das Recitativ unterscheidet sich von dem Gesange
  2. dadurch, daß es keinen gleichförmigen melodischen Rhythmus hat; man beobachtet dabey bloß die Einschnitte des Textes, ohne auf ein Ebenmaaß der melodischen Theile zu sehen; und
  3. dadurch, daß es keine melismatischen Verzierungen enthält, sondern daß die Worte bloß syllabisch eingekleidet sind; es hat auch
  4. keine Haupttonart, auf welche sich die Modulation in andere Tonarten beziehet. Es schließt daher nicht allein in einer andern Tonart, als in welcher es angefangen hatte, sondern es erlaubt auch überhaupt, daß man sich mancher Freyheiten der Modulation dabey bedienen kann, die <1233> bey dem ordentlichen Gesange nicht statt finden.

In Rücksicht auf die Begleitung wird das Recitativ auf dreyerley Art eingekleidet; die Grundstimme schlägt entweder

  1. bey dem Wechsel der Akkorde die Grundtöne derselben von einander abgesondert an, und der Generalbaßspieler greift zu diesen Grundtönen zugleich die Akkorde, die mit diesen Tönen zum Grunde gelegt worden sind, und die dabey den Zusammenhang der Harmonie darstellen. In diesem Falle, welcher der gewöhnlichste ist, wird das Recitativ von der Grundstimme allein begleitet, und die übrigen drey Hauptstimmen, nemlich die beyden Violinen und die Viole, schweigen dabey gänzlich; oder die Folge der Akkorde, aus welchen die Singstimme abgezogen ist, oder bey derselben zum Grund liegt, wird
  2. von allen vier Hauptstimmen sanft und unabgesetzt ausgehalten. Dieser Art der Begleitung, die man mit dem besondern Namen Accompagnement bezeichnet, und wovon in dem Artikel Accompagnement ein Beyspiel eingerückt worden ist, bedienet man sich gewöhnlich nur in dem Oratorium und in den Kirchencantaten, und zwar in dem Falle, wenn der Text eine feyerliche Stelle, z.E. ein Gebet, ein Gelübde u.d.gl. enthält; oder die Instrumente unterstützen
  3. den Ausdruck zwischen den Einschnitten des Gesanges mit kurzen Sätzen, die in einem bestimmten Zeitmaaße vorgetragen werden, und von dieser Art der Einrichtung ist ebenfalls schon in dem Artikel Accompagnement gehandelt worden.

Wenn im Recitative solche zärtliche, traurige, oder pathetische Stellen vorkommen, in welchen sich der Ausdruck zum Lyrischen erhebt, und zwey oder mehrere Verse hindurch in gleichem Affekte fortgehet, so verwechselt dabey der Tonsetzer den Recitativstyl mit dem förmlichen Gesange, und läßt eine solche Stelle von der Grundstimme allein, oder auch von mehrern Instrumenten, begleiten. Einen solchen in das Recitativ eingerückten förmlichen <1234> Gesang, der aber keine weitläuftige Ausführung erhält, nennet man ein Arioso. [FN: Siehe Arioso]

Die Behandlung, oder die Bearbeitung des Recitatives erfordert ganz eigenthümliche Regeln, von denen die mehresten von der Kunst, gut zu deklamiren, hergeleitet werden müssen. es hat seine ganz eigenthümlichen Cadenz- und Absatzformeln, die von denen, welche dem förmlichen Gesange eigen sind, sich gänzlich unterscheiden. Ueberdies bedient man sich dabey sehr oft der Modulation in andern Tonarten auf eine solche freye Art, die bey keinem andern Produkte der Tonkunst statt finden kann. Kurz, das Recitativ erfordert zur Kenntniß seiner Bearbeitung eine ganz besondere Anleitung, die von einer Anleitung, förmliche Melodie zu setzen, ganz verschieden ist. Selbst die Harmonie wird oft im Recitative auf eine Art behandelt, die bey den übrigen Tonstücken ungewöhnlich ist.

Der merkliche Umfang, den die nähere Zergliederung dieser Verschiedenheit der Behandlungsart des Recitatives, und die dabey zu beobachtenden Regeln und Maximen einnehmen würden, erlaubt es hier nicht, in diesen Gegenstand tiefer einzugehen.

Das Recitativ wurde, wie man gemeiniglich glaubt, und zu Folge der Vorrede, welche Giacomo Peri seiner Oper Eurydice beygefügt hat, zu glauben berechtigt ist, von Emilio del Cavaliero, einem römischen Patricier und Kapellmeister, im 16ten Jahrhunderte erfunden, und von Giacomo Carissimi im 17ten Seculo verbessert. Siehe Oper.

Unterricht in dem Recitativstyle findet man in folgenden Werken: Harmonisches Sylbenmaaß von Riepel. Regensburg 1776. Fol. - Abhandlung (von Joh. Ad. Scheibe) über das Recitativ, in dem 11ten und 12ten Bande der Bibliothek der schönen Wissenschaften und freyen Künste. - Unterricht vom Recitativ, in den kritischen Briefen über die Tonkunst, und zwar von dem 97sten bis 117ten Briefe.

Fußnoten:

Fußnote 1 (Sp. 1231/1232):

In einigen Gegenden Deutschlands haben die Cantoren und Schullehrer auf dem Lande die Gewohnheit, bey ihren aufzuführenden Kirchenmusiken das Recitativ in einem abgemessenen Zeitmaaße vorzutragen, und es auf diese Art ihre Singschüler zu lehren; dadurch bekömmt es eine seiner Natur ganz zuwiderlaufende Modifikation, und viele Stellen desselben erhalten dadurch eine außerordentliche Härte, und klingen äußerst widersinnig.

Fußnote 2 (Sp. 1231/1232):

Die Deutschen und Italiäner setzen das Recitativ gewöhnlich in den Viervierteltakt und theilen die Noten dergestalt ein, daß dem Metrum des Textes sein Recht wiederfährt; die Franzosen hingegen vermischen allerley Taktarten unter einander, dadurch wird ihr Recitativ sehr schwer zu fassen und zu begleiten.