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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 2

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Die Romantik - Franz Liszt

<35> Dieser Zustand war im allgemeinen längere Zeit vorhanden. Indeß die gesunde Natur des Geistes erhält sich selbst im Verfalle doch in einigen Elementen, und waren die besseren Keime in dieser Zeit auch sparsamer und zerstreuter vorhanden, so gestattet doch ein übersichtliches Zusammenfassen derselben die Aufzeichnung eines erfreulicheren Bildes. Gerade einige der größeren Meister <36> der Technik, wie Dreyschock und Döhler, zeigen in Einzelleistungen, daß das Gute erhalten blieb, wenn auch zeitweise zurückgestellt. Nur ist der Erstere in seiner eminenten Bravour, die in sinnlichen Einzelheiten Liszt überbietet, noch zu spielselig, um dauernd seinem besseren Genius zu folgen. In Henselt [Adolf Henselt, 1814-1885] und Litolff [Heinrich Litolff, 1818-1891] zeigen sich gleichfalls neben der Außenseite werthvolle Keime. - Der leidende Zustand des geistvollen Chopin, Henselt's unüberwindliche Scheu vor dem Oeffentlichspielen, das gleichfalls zu seltene Hervortreten des von unnachahmlicher Poesie angehauchten Spieles von Th. Kullak [Theodor Kullak, 1818-1882], waren nicht imstande, ein rechtes Gegengewicht gegen die allgemeine Richtung zu bilden. Liszt [Franz Liszt, 1811-1886] endlich, der bedeutendste der modernen Virtuosen, hielt sich viel zu abhängig von den Ansprüchen des Momentes, als daß in ihm die Kunst rein zur Darstellung kommen konnte. Da er noch reicher als Alle mit technischem Glanze ausgestattet ist, so schwankt seine Erscheinung beständig in der Schwebe zwischen sinnlichen Effekten und geistvollem Aufleuchten aus einer im Hintergrunde gehaltenen Sphäre. Die Macht der letzteren sollte ihn erst ganz fesseln, nachdem er vom Schauplatze abgetreten war. Dennoch aber ist Liszt derjenige Pianist geblieben, der den Begriff seiner Kunst im ehrenvollsten Umfange und in der nachaltigsten Bedeutung erhalten hat. Während der größere Theil der anderen nichts als die Modernität, und diese im Gewande der eigenen Leistungen zur Darstellung bringt, umfaßt Liszt's Repertoire die ganze klassische und romantische Literatur von Scarlatti, Bach, Händel an, Beethoven mit Vorzug, Hummel, Schubert, Weber bis herauf zu Chopin, Mendelssohn u.A. In allen Leistungen zeigt sich neben vollendetster Technik der Effekt in einer sehr feinen Rhythmik der Declamation und Accentuation, sowie in einer eigenen Nüancirung der Tonreize, so daß die Trennung von Technik und Inhalt weniger empfunden <37> wird, als man bei der Fülle äußerer Mittel hätte vermuthen müssen. In seinen eigenen Sachen waltet ein gewisser Humor, eine rhythmische Ungebundenheit, die einen Schein von Genialität in Anspruch nimmt, eine spielende Ueberlegenheit über alle Arten der Schwierigkeit. Ein dämonischer Zug, ein Ausdruck von unheimlicher Erhabenheit, der aber jeden Augenblick in das heiterste Flimmern hellen Glanzes umschlägt, geben seinem Spiele den Reiz einer schönen poetischen Wildniß, in der grauenvolle Tiefen mit frühlingsheiteren Höhen wechseln. In seiner Darstellung wird jedes Objekt Ausdruck seiner eigenen großartigen Lyrik, und dieser Umstand ist die Ursache, weshalb auch in Liszt die Virtuosität nicht zu ihrem reinsten Ausdrucke gelangt. Es ist immer der willkührliche Zug eines titanischen Geistes, der Alles, selbst das Erhabenste und Einfachste, seiner Macht verfallen läßt, und jedes Objekt mit dem Vorurtheile eigener virtuoser Ueberlegenheit interpretirt. Zwar hat er das Verdienst, das Klavier um die Wirkungen des Orchesters bereichert zu haben, aber selbst in den Uebertragungen der herrlichsten Meisterwerke herrscht nicht die unangetastete Objektivität, sondern der Zug gigantischer Spieleslust. Dazu kommt die verführerische Gabe des Effekts, den Niemand dem Moment besser abzulauschen verstanden hat, als Liszt.

Was die literarischen Erzeugnisse der besseren Richtung betrifft, so finden sich zunächst in Liszt's eigenen Werken aus jener Zeit nur Einzelheiten von Originalität, meist technischer Natur, das Klavier hat ihnen eine Erweiterung seiner Fähigkeiten zu danken. Die Salonmusik verdankt Th. Kullak einen idealen poetischen Aufschwung, der eine Zeitlang epochemachend auf die Zeitgenossen wirkt und Nachahmung findet. Henselts Muse erweckt nur im Anfang die Hoffnung auf Neues und Schönes, bewährt sich aber nicht so in der Folge. Stephen Heller [1813-1888] hat viele Züge einer lieblichen und feinen Naivität aufzuweisen.