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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 3

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Wichtiger ist jedoch das

Achte Kapitel. Vom Vortrage überhaupt und von den allgemeinen Erfordernissen desselben. Hier wird zunächst Ausführung und Vortrag unterschieden. Jene ist wie das gewöhnliche Ablesen einer Rede, diese wie die Declamation. Zum guten Vortrage gehören:

  1. Die richtige Ausführung, eine gewisse Fertigkeit im Spielen, Sicherheit im Takte, Kenntniß des Generalbasses.
  2. Deutlichkeit in der Ausführung.
  3. Der Ausdruck des herrschenden Charakters.
  4. Zweckmäßige Anwendung der Manieren und gewisser anderer Mittel.
  5. Eigenes Gefühl für alle in der Musik auszudrückenden Empfindungen und Leidenschaften.

<67> Zusammenhängendes Spiel und Beachtung aller Vortragszeichen werden vorausgesetzt.

Die Deutlichkeit hängt ab:

  1. Von der mechanischen Ausführung.
  2. Von dem Nachdrucke gewisser Töne.
  3. Von der richtigen Interpunktion.

Den Nachdruck erhalten:

  1. Die auf den guten Takttheil oder auf wichtigere Taktglieder fallenden Töne.
  2. Die Anfangstöne der Ab- und Einschnitte.
  3. Vorschläge, Dissonanzen und solche, welche durch Bindung die Dissonanz vorbereiten, Syncopen, Töne, welche durch ihre Höhe und Tiefe besonders hervortreten. z.B.

    [Notenbeispiel S. 67, Nr. 1]

Der Nachdruck kann auch durch eine unmerkliche Verlängerung auf gewisse Töne übertragen werden. Dies kann natürlich nur Töne von besonderer Bedeutung treffen. Eine geringe Verlängerung fällt z.B. auf einen mit einem zufälligen Versetzungszeichen versehenen Ton, auf Noten von besonderer Höhe; zuweilen kann die Verlängerung um die Hälfte des Werthes dabei geschehen.

Diese Freiheit, sowie die bei sämmtlichen Manieren zu Grunde liegende Abweichung von dem Vorgeschriebenen wird unterbleiben müssen, wenn die Harmonie dadurch fehlerhafte Fortschreitungen machte, z.B. wenn Oktaven- und Quintenparallelen entstünden.

Von großer Wichtigkeit ist die richtige Interpunktion, behufs der Darstellung dessen, was zusammengehört. Die Ruhepunkte müssen also ähnlich wie in der rhetorischen Declamation angedeutet werden. Man darf einen noch nicht geendigten Sinn nicht durch unzeitiges Abheben der Finger trennen. Das Ende einer Periode [Phrase] muß sanft abgezogen werden, und der nächste Ton tritt stark ein. Hat der Komponist das Ende durch eine Pause angezeigt, so wird der letzte Ton noch kürzer gespielt, als es dasteht. Bei einem vollkommenen <68> Tonschlusse hebt man den Finger früher ab als bei einem halben. Folgt auf eine feurige Stelle eine entgegengesetzte, so müssen beide merklicher getrennt werden, als wenn sie einerlei Chrakter haben. Für die kleinen, weniger fühlbaren Einschnitte wollte Türk zwei kleine Striche als Zeichen einführen, und wünschte überhaupt von Seiten der Komponisten eine klarere Angabe der Interpunktion. In der Musik entspricht eine Periode ganz dem Satze der Rede, ein halber Tonschluß dem Kolon oder Semikolon, ein Einschnitt einem Komma, Cäsuren giebt es wie im Versbaue. - Das Erkennen der Interpunktion ist eine der schwierigsten Aufgaben.-