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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 3

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Hierauf folgt nun ein Abschnitt

Ueber den Ausdruck des herrschenden Charakters. Der charakteristische Ausdruck ist das höchste Ziel des Spielers. Er muß bemüht sein, sich ganz in den herrschenden Affekt des Stückes zu versetzen, und anderen sein Gefühl durch sprechende Töne mitzutheilen. Es beruht dabei so viel auf dem Gefühl, daß es keine Regel lehren kann.

Unentbehrliche Erfordernisse sind aber:

  1. Ein gewisser, dem herrschenden Charakter angemessener Grad von Stärke und Schwäche.
  2. Das Stoßen, Tragen, Schleifen und Binden der Töne.
  3. Die richtige Bewegung.

Tonstücke, die einen munteren, freudigen, lebhaften, entschlossenen, erhabenen, prächtigen, stolzen, zuversichtlichen, ernsthaften, drohenden, muthigen, kühnen, feurigen, wilden, wüthenden Charakter haben, erfordern einen gewissen, aber nicht völlig gleichen Grad von Stärke. Dieser Grad muss noch vermehrt oder vermindert werden, je nachdem der Affekt heftiger oder gemäßigter dargestellt wird. Ein forte in einem Allegro furioso ist stärker als in einem Allegro, worin nur ein gemäßigter Grad der Freude herrscht. - Tonstücke, deren Charakter sanft, zufrieden, unschuldig, naiv, bittend, zärtlich, liebreich, rührend, reuevoll, traurig, klagend, wehmüthig ist, hat <69> man schwächer vorzutragen, und der Grad der Schwäche hat ebenso zu variiren.

Jede einzelne Stelle zu bestimmen, ist unmöglich. Im Allgemeinen ist das Lebhafte stark, das Zärtliche, Singende schwächer. Kommt eine Stelle zwei Mal vor, so wird sie das zweite Mal schwach gespielt, in manchen Fällen aber umgekehrt, stärker. Bedeutsame Töne erhalten den Accent; Dissonanzen sind stärker als Consonanzen, je schärfer die Dissonanz, um so stärker. Akkorde, durch welche man in eine entfernte Tonart ausweicht, unerwartete Modulationen, Trugschlüsse sind gleichfalls stark.

Man unterscheidet schweren und leichten Vortrag. Der erstere entsteht, wenn jeder Ton mit einer gewissen Festigkeit angegeben und seinen ganzen Werth hindurch ausgehalten wird. Das Gegentheil kennzeichnet den leichteren Vortrag. Beide Arten stehen sich also gegenüber wie Binden und Stacciren und werden durch diese Mittel ausgedrückt. Hier giebt Türk bekannte Erklärungen über punktirte Noten, über solche mit einem kleinen Strich versehene und halbgebundene mit einem Bogen über Punkten. Einiges ungenau; zu verwundern ist besonders, daß er die gewöhnliche Art, die weder gebunden noch gestoßen ist, so vorgetragen wissen will, daß der Finger ein wenig Vor dem Ende der Note die Taste verläßt. Nach heutiger Theorie ist die gewöhnliche Art die Bindung.

Ob ein Vortrag schwer oder leicht ist, wird bestimmt:

  1. aus dem Charakter oder der Bestimmung eines Tonstückes überhaupt;
  2. aus der vorgeschriebenen Bewegung;
  3. aus der Taktart;
  4. aus den Notengattungen;
  5. aus der harmonischen und melodischen Behandlung.

Außerdem kommt sogar das Zeitalter, worin ein Stück komponirt ist, der Nationalgeschmack, die Manier des Komponisten in Betracht. Aeltere Tonstücke sind schwerer als die galanten neueren; die in italienischem Nationalgeschmack geschriebenen haben einen <70> mittelschweren Vortrag, leichter sind die französischen, am schwersten sind die deutschen.

Vieles hier Gesagte ist von eringer Bedeutung, theils eine Wiederholung früherer Angaben, sowie denn der ganze Unterschied von leichtem und schwerem Vortrag wenig Aufschluß giebt.