Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Startseite

Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 3

[Seite 27 von 30]

S. Thalberg: Die Kunst des Gesanges auf dem Pianoforte

Anhangsweise ist noch einiger kürzerer Aufsätze zu gedenken, mit welchen wir die Reihe der älteren methodischen Schriften beschließen. Auch sie fügen Einzelnes zu dem allgemeinen Material in besonderer Ausführung hinzu. Zuvörderst ist von

Thalberg ein Aufsatz über die Kunst des Gesanges auf dem Pianoforte [L'art du Chant appliqué au Piano, Op. 70]

zu nennen, welcher einer Reihe von Paraphrasen aus seiner späteren Zeit vorangedruckt war. - Derselbe giebt einen bemerkenswerthen Beitrag zur Anschlagslehre, indem er den melodiösen Anschlag, dessen der genannte Virtuose in allen Formen so sehr Meister war, behandelt. Er stellt elf Regeln auf, welche zu einem schönen Singen nothwendig sind, und woraus wir als das Wichtigste folgende Worte mittheilen: "In breiten, edlen, dramatischen Gesängen muß mit voller Brust gesungen, dem Instrumente also viel zugemuthet und so viel Ton als möglich aus ihm gezogen werden, dies jedoch nie durch hartes Aufschlagen auf die Tasten, sondern dadurch, daß man sie kurz anfaßt und tief, mit Kraft, Entschiedenheit und Wärme niederdrückt. In einfachen, sanften und zierlichen Gesängen muß man die Tastatur gewissermaßen kneten, sie auswirken wie mit einer Hand aus bloßem Fleisch und Fingern von Sammt; die Tasten müssen in solchen Fällen mehr angefühlt als angeschlagen werden. [Textzusatz der 8. Auflage] - Wir können Denjenigen, die sich ernstlich mit dein Pianoforte beschäftigen, keinen besseren Rat geben, als <113> den, die schöne Kunst des Gesanges zu lernen, zu studiren, durchzuarbeiten. Deßhalb soll man auch nie die Gelegenheit versäumen, die großen Künstler, welches auch ihr Instrument sein mag, und namentlich die großen Sänger zu hören. Kann es für junge Künstler eine Ermuthigung sein, so wollen wir noch hinzufügen, daß wir für unsere Person fünf Jahre hindurch unter der Leitung eines der berühmtesten Lehrer der italienischen Schule den Gesang studirt haben." S. Thalberg.

Diese wenigen Worte klingen zwar bei weitem nicht so spirituell, wie die Bemerkungen Marx's über die Vortragsweise der Beethoven'schen Melodien, legen aber doch die Vermuthung nahe, daß der geistvolle Interpret des größten Tondichters die moderne Schule nicht genau genug erkannt hat. Man kann nicht behaupten, daß Jeder, der in der letzteren geübt ist, auch Beethoven'sche Cantilenen richtig darzustellen vermöge, aber umgekehrt kann gewiß Niemand dieselben ausdrucksvoll behandeln, der die Thalbergische Regel nicht praktisch sich angeeignet hat.