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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 4

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<123> Wir verfolgen jetzt diese sinnliche Wirklichkeit von ihren Anfängen an bis zu ihrem Uebertritte in das Uebersinnliche.

Der Stoff, der sich dem Willen fügen soll, die Hand, muß zunächst in seinen Eigenschaften untersucht werden, und nach genauer Prüfung derselben wird sich ergeben, in welcher Weise ein vernünftiger Anfang mit seiner Umbildung gemacht werden kann.

Die Form und Individualität der Finger stehen mit dem Prinzip der Egalität, das oben bei Betrachtung des Hämmermechanismus im Vordergrunde stand, im Widerspruch. Der dritte Finger ist länger als alle übrigen, der vierte kommt ihm am nächsten, sodann der zweite. Der fünfte ist wesentlich kürzer als die genannten, und der Daumen liegt ganz zurück. Ein so verschiedenes Längenverhältniß fordert eine Umformung der in natürlichem Zustande gestreckt liegenden Hand, der Art, daß ein Anschluß an die in horizontaler Ebene hinlaufende Tastatur ermöglicht wird. Alle Töne haben gleiche Existenzberechtigung; die Klaviatur symbolisirt diesen Gedanken durch eine gewisse mathematisch reguläre Zuertheilung des denselben angewiesenen Flächenmaaßes, und die Hand muß sich so dazu stellen, daß mit gleicher Leichtigkeit und unter Umständen, die eine gleiche Kraftbethätigung garantiren, jedes Einzelglied der Tastenfläche erreicht werden kann.

Die Theorie der Handstellung ist ein schwieriger, noch heut zu Tage nicht ganz ins Klare gebrachter Punkt, indem darüber widerstreitende Ansichten herrschen. Hinge das Prinzip der zu erreichenden Gleichheit in der Schwingungs- und Druckkraft der Finger lediglich von ihrer Stellung ab, so müßte die Bach'sche Fingerhaltung, die wir im zweiten Kapitel kennen gelernt haben, maßgebend sein. Die gleiche Krümmung aller Finger und das lineare Verhältniß ihrer Spitzen sind Bedingungen, welche den von der Klaviatur gestellten am meisten entgegenkommen. Es sind aber so manche andere Punkte dabei noch mit in Rechnung zu bringen, und will man aus den <124> verschiedenen hierüber herrschenden Theorien etwas Allgemeingültiges entnehmen, so läßt sich ungefähr Folgendes als das allein Festzuhaltende bestimmen.

Nicht die Handhaltung, sondern die Anschlagsbeschaffenheit und Tonbildung muß vor Allem im Auge behalten werden. Diese ist der Inhalt, jene nur die Form. Die Ton- oder Anschlagsbildung muß eine ganz bestimmte Qualität haben, und je nach der verschiedenen Individualität der Hände werden sich Abweichungen in der Stellung ergeben. Eine ganz bestimmte Form der Hand und der Finger als Regel festzustellen, ist entweder als Einseitigkeit, oder als Vorliebe zur Theorie bei nicht gründlicher Berücksichtigung des praktischen Sachverhaltes zu bezeichnen.

Diese Anschlags- oder Tonbildung, als das Höhere, allein Maßgebende, muß folgende Eigenschaften haben. Entsprechend dem Hämmermechanismus muß der Fingerschlag eine vollkommene Lockerheit besitzen, die dem Auge die Vorstellung nahe legt, als sei der Finger im Knöchelgelenk durch den geschmeidigsten, weichsten und nachgiebigsten Verband nur an die Hand angesetzt. Er muß sich scheinbar in einer dem leichtesten Kraftaufwand nachgiebigen Schraube bewegen, und sein Aufheben ebenso locker und schnell geschehen, als sein Herunterfallen. Die Bewegung des Fingers gegen die Taste muß vollständig einem Fallen gleichen; so lange dieselbe einem Herunterlangen oder Herunterfassen, d.h. einer durch größere Langsamkeit sich vom Fallen unterscheidenden Bewegung ähnlich sieht, ist sie falsch, und muß durch fleißiges Ueben das genannte Ziel zu erreichen suchen. Dieser Fall des Fingers ist die eine Haupteigenschaft. Die zweite besteht im Anfassen oder Herabdrücken der Taste. - Nach dem Falle nämlich muß die Fingerspitze ihren Punkt auf der Taste so anschmiegend, fest, und doch bei aller Festigkeit weich andrücken, daß sie wie angesaugt, ohne vor- oder rückwärts zu gleiten, auf der Taste zu haften scheint. Das Anschmiegen muß <125> mit einem so innigen Anschluß geschehen, daß es aussieht, als ob die Fingerspitze eine weiche, halbflüssige, leicht zu knetende Masse sei, die da, wo sie hinfällt, ganz sicher zu ruhen scheint. Der Anschlag besteht also aus zwei diametral entgegengesetzten Bethätigungen: 1. aus blitzschnell erregter Lebhaftigkeit des Aufhebens und Herabfallens; 2. aus der vollkommensten Ruhe und Abspannung im Momente des Niederdrückens. Die im rohen Zustande des Fingers ungeschiedene Kraft geht also in zwei so weit als irgend möglich contrastirende Faktoren auseinander; in eine erhöhte Aktivität und eine ebenso erhöhte Passivität, in Beweglichkeit und Ruhe, in die empfindsamste Erregung und vollkommenste Abspannung. - Dies sind die mechanischen Eigenschaften des Anschlags oder seine Erscheinung für das Auge. Die andere Seite, die sich damit zu dem vollen Begriffe ergänzen muß, betrifft die Klangbeschaffenheit. Der Ton, der auf dem eben bezeichneten Wege erzeugt wird, muß deutlich sein und in genauem Verhältniß zu der dynamischen Bethätigung des Fingers stehen. Von einer normalen Mitte ist für beide Seiten auszugehen. Weder angestrengt noch zu schlaff soll die Bewegung des Fingers sein, sie soll so natürlich erscheinen, als ob sie angeboren sei. Der Finger soll in seiner Bewegung nur freie, abgelöste Individualität sein, und der Klang soll dementsprechend eine proportionale Stärke haben. Das Gehör muß sich für die Erkennung dieser Proportionalität so schärfen, wie das Augenmaaß in der Sphäre sichtbarer Erscheinungen. Der Ton muß ein Volumen haben, das mit den Längen- und Stärkeverhältnissen des Fingers im Einklange steht - weder an die Einwirkung des Armes, noch an eine Abschwächung in der Fingerspitze erinnern; er muß voll, klar, weder zu stark noch zu schwach sein. Vor allen Dingen muß er perlend sein. Der Fall des Fingers muß einem in der Nähe befindlichen Ohre durch ein leises Aufschlagen der Fingerspitzen auf die Taste vernehmlich sein.

<126> Diese Bestimmungen treffen die Finger in ihrer absoluten Kraftäußerung; sie beziehen sich auf jeden im Einzelnen. Neben diesen bestehen aber noch die relativen Maaßverhältnisse. Ein Finger soll ganz ebenso anschlagen und eben denselben Ton hervorrufen wie der andere. Es muß also neben der Kräftigung im einzelnen, neben der Steigerung der besonderen, jeder Fingerindividualität eigenthümlichen Elasticität, im Hebungs- und Druckprozesse ein Gleichgewicht dieser Kräfte unter einander hergestellt werden. Diese Bedingung ertheilt den vorigen erst die eigentliche Bestimmung. Nicht auf eine isolirte Entäußerung der frei gewordenen Individualität allein kommt es an, sondern auf die Ausbildung des Gefühles der Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit. Die Kräfte müssen so gegen einander abgewogen werden, daß die stärkere Auswüchsigkeit sich Einschränkung, die schwächere Anlage sich Anstrengung auferlegt; das Letztere natürlich in der oben besprochenen Voraussetzung vollkommener Zwanglosigkeit und Natürlichkeit. Diese Zusammengehörigkeit ertheilt den Fingern, trotz aller Isolirtheit und Selbstständigkeit ein Gefühl der lebendigen Spannung. Dieselbe darf nirgends fehlen, sie allein bedingt das Moment psychischer Lebendigkeit, das die Finger von dem todten Neben einander der Hämmer unterscheiden muß. Finger, die nur hinfallen wie hölzerne unbelebte Hebel, werden trotz der größten Isolirtheit und Freiheit etwas Falsches im Anschlage haben. Im Drucke der Taste, sowie im Moment der Ablösung und Aufeinanderfolge der Finger, muß die nervöse Spannkraft sichtbar sein, die dieselben trotz aller Abtödtung derjenigen Kräfterichtung, die dem Zwecke nicht unmittelbar dient, als Individualitäten charakterisirt, die von lebendiger Empfindung beseelt sind und in wärmster Sympathie mit dem Focus der Seele verharren.

Die Individualitätsbildung der Finger bringt es endlich mit sich, daß die körperliche Aktivität des Spielers sich durchaus zweckgemäß <127> und öconomisch in dem Punkte concentriren muß, von dem die Kraft ausgeht. Dies ist die Bewegung im Knöchelgelenk und der Druck der Fingerspitze; also ein doppelter. - Jede andere Anspannung im Vorderarme, im Handgelenk, in den übrigen nicht anschlagenden Fingern, ist eine zwecklose Verschwendung von Kräften, welche dem Ziele Umwege vorlegt und seine directe Erreichung erschwert. Es muß also eine vollkommene Abspannung im ganzen Spielapparat vom Oberarme an bis zur Fingerspitze, oder wie Marpurg sich ausdrückt, ein Schlaffhalten aller Nerven das allgemeine Grundgefühl sein, das mit größtem Nachdrucke jedem Spieler zu erwecken ist.

Hinsichtlich der Verbindung der Töne muß eine solche Berechnung in den Bewegungen stattfinden, daß jede vorbereitet ist, und den ihr zugedachten Moment nicht in einer ruckweisen Hastigkeit, nicht in einem Scheine von Verspätung oder Uebereilung ausfüllt, sondern in einem gleichmäßigen, der Dauer des Moments angemessenen Grade von Ruhe und Sicherheit. Den Bewegungen muß auf diese Weise innerhalb ihrer äußersten Oeconomie ein Zug von Gleichmäßigkeit in dem Durchlaufen der ihnen zugedachten linearen Dimension innewohnen. Ein Zufrüh ist noch die Befangenheit des Schulzwanges, ein Zuspät verräth einen noch geringeren Standpunkt.

Dies sind die allgemeingültigsten Bestimmungen. Soll die Frage nach der Form der Hand und Finger erledigt werden, so ist darauf zu antworten, daß Lehrer und Spieler aus eigener Beobachtung diejenige Regel darüber aufstellen müssen, die je nach der Verschiedenheit der Individualität der Hände und nach der Beschaffenheit der vorliegenden Tonverbindungen naturgemäß von selbst in die Augen fällt. Eine einzige Handstellung paßt weder für alle Hände noch für alle Tonverbindungen, und die strengste Lehrpedanterie ist <128> nicht im Stande, eine bestimmte Regel ohne Ausnahme für alle Fälle durchzuführen.

Soll aber die sich somit in zweiter Linie ergebende Frage nach der Handstellung theoretisch dennoch auf gewisse Gesichtspunkte zurückgeführt, und namentlich für den Beginn der Studien, der allemal etwas Bestimmtes verlangt, schulgemäß erörtert werden, so stellt sich folgendes heraus. -