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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 4

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Endlich aber ist noch auf die Beschaffenheit der Hand Rücksicht zu nehmen. Eine starke männliche Hand kann mit gekrümmten Fingern schon eine enorme Tonfülle erreichen, wo eine schwache höher anschlagen und stärker drücken, also sich der Vortheile der zweiten Handstellung bedienen muß. Ebenso kann man nicht leugnen, daß die Feinheit des Tastsinns bei krummen Fingern stets angeregter bleibt als bei gestreckten, und daher auch das leise Spiel, obwohl es des perlenden Reizes nicht in gleichem Grade theilhaftig werden kann, dennoch in einer vollendeten, obzwar eigenen Weise erreichbar bleibt. - Was die erste Form giebt, ist äußerlich schöner, schon die Linienumrisse und die Höhe deuten auf Grazie und angeregtes Lebensgefühl, auf die Negation der Schwerkraft, die bei der niederen Handhaltung unschön vor die Anschauung tritt. - Auch begünstigt die hohe Haltung die Bildung des Daumens besser. - Er spielt <135> zierlicher mit der Spitze, er setzt besser unter, weil er freieren Spielraum vorfindet. Bei der niedrigen Stellung schlägt er zwar in freierem Bogenschwunge an, aber da er mit der ganzen Schneide in die Tasten fällt und nicht mit der Schneide seines Vordergliedes allein, so theilt er das täppische Aussehen, das bei der benannten Stellung auch allen übrigen Fingern ein wenig anhaftet.

Steife Hände, die aber von Natur stark sind und spät sich dem Unterrichte anvertrauen, erreichen oft nur durch die zweite Stellung, und namentlich durch ein Spiel mit ausgestreckten Fingern einige Lockerheit; mit krummen Fingern quälen sie sich jahrelang erfolglos umher. - Kleine Hände sind auf eine ausgestreckte Fingerhaltung mehr hingewiesen als große, weil für sie selbst bei geringeren Tondimensionen das Verhältniß der Spannung eintritt. - Am meisten aber wirken die niedrige Handhaltung und die gestreckten Finger auf den Anschlag, der lange Zeit einseitig in der ersten Form gebildet ist, und das Ziel der Lockerheit nicht recht erreichen konnte. Eine bloße Reform der Handstellung wirkt hier oft Wunder; man traut dem Ohr kaum, dieselbe Passage, die vorher steif klang, plötzlich so ganz verändert zu vernehmen.

Dies sind die wichtigsten Grundzüge der Handstellungen. Es giebt außer den beiden genannten Hauptformen nun noch zwei Nebenmodificationen. - Wenn das erste Prinzip der Form der Hand Zwang auferlegte, dem Anschlag aber, der sich fast einzig aus dieser Form von selbst bildete, denselben ersparte, wenn das zweite Prinzip der Form alle Freiheit ließ, dafür aber den Anschlag zu einer Anstrengung nöthigte, so vermischen die Nebenarten die genannten beiden Faktoren in folgender Weise. Es ergiebt sich

  1. Eine Handstellung, welche der Fingerform Freiheit läßt, aber dem Handgelenk eine Regel auferlegt; und

  2. eine Handstellung, welche die Fingerform regelt, aber dem Handgelenk Freiheit läßt.

<136> Die zuerst genannte entsteht, wenn das Handgelenk und der Vorderarm ein wenig hoch gehalten werden, die Hand ein wenig schräg gegen die Tasten fällt und die Finger gestreckt bleiben. Diese Form sieht äußerlich graziös aus, das Fingerspiel gewinnt den Anschein einer großen Leichtigkeit. Der Anschlag gelangt aber im Legato, und dies ist überall der gültigste Maaßstab, zu keiner besonderen Fülle. Besonders eignet sich diese, von einigen modernen Spielern festgehaltene Form zu fliegenden über- und untersetzenden Passagen, wobei der Daumen mit äußerster Spitze nur die Tasten berührt, und die ganze Bewegung oft in eine sanfte Wellenlinie übergeht. Zum Gesange ist die fast stehende Form der Finger aber sehr geeignet und giebt hier doppelt die Kraft her, die beim Legato fehlte. - Auch gewinnen alle Bravouranschläge mit dem Arme eine eigenthümliche Kraft des Tones, die aus der stoßweisen Berührung der Taste erklärt wird. Das Markiren der Singnoten mit stehendem Finger wird von jedem andern Formprinzip an geeigneter Stelle aus dieser Theorie der Handhaltung entlehnt.

Die unter Nr. IV angeführte Stellung endlich läßt das Handgelenk hängen, verlangt aber gekrümmte Fingerform. Ohne Frage wird hier das allerstärkste Legato erreicht, und wird sich auch bei hoher Handhaltung mit krummen Fingern, sobald eine besonders starke Tongebung verlangt wird, eine Neigung bemerklich machen, das Handgelenk tiefer zu stellen.

Hiermit sei das Allgemeine der Handstellungstheorie beschlossen. Die vor derselben angeführten Eigenschaften des Anschlags bleiben für alle gleichmäßig strenge Forderung, und ebenso wird noch einmal wiederholt, daß eine vollkommene Handbildung in allen Formen gleich gewandt sein muß. Jede Hand muß ihre Natur, ihre Fähigkeiten und die Art und Weise äußerlicher Hilfsmittel studiren, mit denen sie an geeigneter Stelle die gewollte Tonfarbe wiederzugeben im Stande ist, und danach unter den Stellungen wählen.

<137> Für die Bildung der Hand aber auf methodischem Wege ist es jedoch nothwendig, mit einer einzigen festen Form zu beginnen, und sie so lange durchzuführen, bis sie zur andern Natur geworden ist. Hierauf erst sind die in den andern Formen enthaltenen Hilfsmittel als Erweiterungen nach und nach hinzu zu nehmen. Eine Vermischung der verschiedenen Prinzipien im Anfange würde nur Verwirrung hervorbringen. Die Ruhe der Hand während der Fingerbewegung ist ein Haupterforderniß bei allen Stellungen. - Sie kann aber unmöglich erreicht werden, wenn für die Handstellung nicht ein festes Gesetz angeordnet wird. Ueberdem ist wahre Freiheit erst möglich, wenn die Regeln überwunden sind, und mit einer Regel muß allemal der Anfang gemacht werden. Ist die Ruhe der Hand auf Grund dieser Regel erreicht, dann können die andern Formen mit in den Unterricht hereingezogen werden.

Diesem Grundsatz getreu hat sich das nachfolgende System für die unter Nr. I angegebene Handstellung entschieden, und wird in consequenter Voraussetzung dieser wohl zu beachtenden Bemerkung nach und nach erst die Erweiterungen der übrigen Theorien an geeigneter Stelle aufnehmen.