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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 13

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Die Kunst, den Rhythmus eines musikalischen Werkes richtig darzustellen, faßt sich im populären Sprachgebrauche in der Aufgabe zusammen: Der Spieler soll Takt halten. Zwar ist Rhythmus im Großen und Ganzen mehr als das bloße Takthalten - die Kunst der Accentuation gehört wesentlich zu seinem Begriffe und im weitesten Sinne drückt er sich in der Disposition des Ganzen, in der Proportionalität der Gliederungen aus. Das letztere bezieht sich für den Spieler auf sein theoretisches Erkennen; Taktiren und Accentuiren aber gehören der praktischen Ausführung.

Die beiden letzteren Seiten, besonders das richtige Taktiren, ist <268> die allerelementarste Grundlage, das Accentuiren reicht schon in eine tiefere Geistigkeit des Rhythmus hinein. Mit der Kenntniß beider wird der höchste Ausdruck desselben, der sich auf das Ganze des Werkes bezieht, praktisch von selbst gewonnen.

Wie das körperliche Volumen raumausfüllend, so ist der Ton zeitausfüllend. Er unterscheidet sich von der Dimension sichtbarer Körper dadurch, daß er in einer Richtung, nämlich in der Längenausdehnung in die Sinne fällt, während jene in drei Dimensionen, in Länge, Höhe, Tiefe vom Auge erfaßt werden.

Die erste rhythmische That ist die Theilung einer beliebig auszudehnenden Zeit- und Tonlänge in gleiche Abschnitte. Die darauf bezügliche Uebung gestaltet sich am zweckmäßigsten so, daß der Schüler den Anfang jeder Zeitlänge durch Taktiren mit der Hand bezeichnet, die Darstellung des Tons dagegen durch Singen übernimmt. Sodann gehe man weiter zu einer regelmäßigen Wiederkehr gleicher Tonlänge nach ebenso regelmäßigen Unterbrechungen, und bringe dem Schüler hierdurch den Begriff der Pause zum Bewußtsein.

Die Bildung gleicher Zeit- oder Tonlängen ist die erste zu erwerbende Kenntniß. Die spätere Taktschwierigkeit und Unsicherheit im Zählen beruhen oft lediglich auf dem ungenügenden Verständniß dieses Elementes. Es kann nicht genug darauf gedrungen werden, dem Schüler die in Rede stehende Fähigkeit in allen möglichen Formen tief einzuprägen. Er kann z.B. bloß durch Klopfen die Eintritte von sonst lautlosen Zeitlängen bezeichnen, oder eine Zahlenreihe in gemessener Entfernung ihrer Glieder hersagen. Der Lehrer mag ihm sodann die Aufgabe stellen, nur die erste und letzte Zahl laut auszusprechen, die rhythmische Thätigkeit mag die übrigen in lautlosem Denken vertheilen. Der Lehrer corrigirt den Ausspruch der letzten Zahl durch ein "Richtig" oder "Zufrüh" oder "Zuspät". Solche Lehrstunde kann mehrere Mitglieder vereinigen; die gegenseitige <269> Spannung wird die Aufmerksamkeit auf rhythmische Präcision erhöhen. Die rhythmische Gleichmessung kann aber noch in anderen Formen geübt werden, z.B. im Marschiren, Exerciren und gymnastischen Bewegungen aller Art.

Der Uebergang zum piano wäre durch wiederholten Anschlag desselben Tones zu vermitteln und würde längere Zeit hindurch in dieser Beschränkung durchzuführen sein, damit die Gehörschärfe auf ein Element concentrirt bliebe und nicht durch Hinzutritt verschiedener sich theilte.