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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 13

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Ist die Bildung gleicher Längen gesichert, so geht die zweite Aufgabe dahin, ungleiche Verhältnisse zu treffen. Die einfachsten bestehen in der Proportionalität von 1 : 2, 1 : 3, 1 : 4; der Weg, welcher zur sicheren Bildung derselben führt, spaltet sich abermals in zwei Richtungen, von denen jeder besonders al Aufgabe erfaßt werden kann, die sich aber später zu einer einzigen verbinden und ergänzen müssen. Die genannten Verhältnisse sind nämlich entweder durch Multiplikation oder Division der ursprünglichen Zeitlänge zu erreichen.

Der Lehrer befasse sich zuvörderst mit dem ersten Falle. Der Schüler soll durch bloßes Klopfen, oder durch Anschlag auf der Taste Zeitlängen markiren, die das Doppelte, Dreifache, Vierfache der ursprünglich festgesetzten Länge ausdrücken. Ist er im Stande, dies zu leisten, so werde er mit den Notengattungen bekannt gemacht, die dies Verhältniß, am einfachsten ausdrücken. Setzt man die Viertelnote als Einheit, so werden die längeren Werthe, durch die halbe, dreiviertel und ganze Note gegeben. Der Begriff des Taktes als Summe mehrerer Maaßeinheiten gehört ebenfalls hierher. Die Kenntniß der Pausen muß zu gleicher Zeit entwickelt werden. Dann lerne sich der Schüler in rhythmischen Bildungen folgender Art orientiren: <270>

[Notenbeispiel S. 270, Nr. 1]

Umgekehrt ist nun die Ergänzung dieser Aufgabe durch Theilung vorzunehmen. Die ursprünglich angenommene Maaßeinheit soll halbiert werden; es soll also das Urtheil in der Vergleichung einer doppelten Geschwindigkeit mit der einfachen hier ebenso geschärft werden, wie vorher in dem Vergleich einer halben Geschwindigkeit mit der ursprünglichen ganzen. Hierauf wird zu der dreifachen, vierfachen usw. übergegangen. Nehmen wir die Viertelnote als Maaßeinheit, so würde sich die Kenntniß der Schriftzeichen nunmehr auf Achtel, Triolenachtel und Sechzehntel auszudehnen haben. Die Maaßeinheiten sind bei allen hierauf bezüglichen rhythmischen Uebungen selbstverständlich durch lautes Zählen zu markiren. Die Tabelle der Beispiele schließt sich etwa der obigen an, nur ist sie um so vielseitiger durchzuführen, als die Division der ursprünglichen Zeitlänge überhaupt schwieriger ist, als die Multiplication. Man mische namentlich die verschiedenen Geschwindigkeiten in der Art, wie etwa im folgenden Beispiel:

[Notenbeispiel S. 270, Nr. 2]

Die Erfahrung hat oft genug gelehrt, daß, wenn z.B. eine Hand Triolen spielt, zu denen die andere einfache Noten von derselben Werthbenennung hat, die Schwierigkeit nicht allein in der Gleichzeitigkeit dieser Rhythmen liegt. Vielmehr macht der Uebergang des Achtelrhythmus in die Achteltriolen und umgekehrt manchen Schülern noch mehr zu schaffen. Es geschieht oft, daß Jemand, der sich in Mendelssohn's Lied ohne Worte Nr. 20 vortrefflich orientirt, mit dem 7. Takt von Chopin's Cis-moll-Polonaise nicht zu Stande kommt. Uebungen, wie die eben notierten, würden somit manchem <271> späteren Hemmniß vorbeugen. Unter allen Umständen muß der Schüler laut zählen.

Jetzt kommt ein neuer Punkt zur Betrachtung. Es wurde bisher vorausgesetzt, daß das Taktiren auf einem und demselben Tone geschah. Dieser Fall mußte sich natürlich da am folgereichsten erweisen, wo die Taktunsicherheit bedeutend war, oder der Schüler von vorn angefangen hatte. Für die große Zahl der übrigen Fälle läßt sich annehmen, daß der Lehrer Verbindungen unter mehreren Tönen hie und da schon wird zugelassen haben. - Für den methodischen Gang in strengster Bedeutung ist aber hier der eigentliche Ort, wo sich das Hinzuziehen mehrerer Töne an das Bisherige anknüpft. Ein genaues System gestattet keinen Sprung, und so ist denn darauf aufmerksam zu machen, daß nunmehr ein neues Kapitel in das Element der Melodie und des wirklich musikalischen Satzes einführt. Dieser Schritt ist natürlich wesentlich.

Seine Anknüpfung an den vorigen Theil mag so geschehen, daß die daselbst theils vom Lehrer, theils vom Schüler entworfenen metrischen Beispiele nunmehr mit melodiösen Gedanken anstatt mit einem und demselben Klange erfüllt werden müssen.