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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 14

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<295> Die regulären metrischen Accente theilten das musikalische Gebäude in seine kleinsten Maaße; sie legten die letzteren an die sich lang hin erstreckenden Conturen desselben, um seine Dimensionen übersichtlich zu machen. - Die Wiederkehr dieser unablässigen Kraftäußerung wird, so sehr auch das Prinzip der Abwechselung befolgt werden mag, ermüdend. Der empfangende Geist hat zwar in dem Tonchaos schon eine Reihe aufhellender Thätigkeiten erkannt; aber so sehr auch jede neue die Einförmigkeit der vorhergehenden für den Augenblick mit reizvollerem Gehalte erfüllen mochte, so stellt sich doch auf die Dauer noch kein Genüge heraus. Das Material vermag noch mehr aufzunehmen, und der denkende Geist verlangt nach noch reicherem Inhalt.

Die reguläre Wiederkehr der metrischen Accente hat immer noch zu viel von dem abstracten Charakter, den geometrische oder arithmetische Ideale haben. Diese Betonungen sind nur wenig von der Einförmigkeit der Taktmessung verschieden, die zu den elementaren Eigenschaften gehört. -

Wie oben bemerkt, gehört zu Zeiten der Eindruck solcher Elementarkräfte mit zu den gewaltigsten Mitteln des Vortrags, und ihre Unentbehrlichkeit steht außer Zweifel. Aber bevor diese Wirkung eintritt, muß die bunte Wechselform des Besonderen, die üppige Vielheit der individuellen Lebensentäußerungen sich entfaltet haben. In solchem Gegensatze wirkt die schlichte Regularität in ihrem eigentlichen Lichte. Im Allgemeinen nun, und abgesehen von diesem Zusammenhange, sind die regulären Accente nur die Fäden desjenigen Netzes, in welchem sich Gebilde von ganz anderer Individualität und von ganz verschiedenen Dimensionen ausbreiten. Sie grenzen nur durch feine Linien den Totalraum ab, in welchen nun die eigentlichen Figuren aufzunehmen sind; sie bestimmen nur die Metrik des Schrittes, der von jetzt an durch wirklich lebensvolle Persönlichkeiten ausgeführt wird.

Die abstrakten Accentformen werden erfüllt von den musikalischen <296> Gedanken, ähnlich wie die Versrhythmen von den Satzperioden. Mit der Aehnlichkeit tritt aber zugleich der Unterschied zu Tage. Ein poetisches Kunstwerk ist weder auf Versbau, noch auf Ebenmaaß der Periodenstructur in dem Grade hingewiesen, als die Musik. Je weniger eine Kunst auf unbedingte Klarheit in der Darlegung eines positiven Inhalts Anspruch machen darf, um so mehr ist sie der Form benöthigt. Wenn selbst in einem ganzen Musikstück das Gefühlsleben, dem es entsprossen ist, in den seltensten Fallen einen eindeutigen Ausdruck erhält, so darf man in einem einzelnen Motiv unmöglich einen so deutlichen Sinn suchen, als in einem Wort.

Die Entwickelung einer Gedankenfolge bestimmen logische Gesetze. Eine Gefühlsfolge entbehrt dieser inneren Nothwendigkeit. Selbst der Forderung der Stimmungseinheit kann man keine völlig unbeschränkte Berechtigung zugestehen. Daher die unendliche Freiheit, welche der Declamation des reproduzirenden Künstlers in solchen musikalischen Werken gelassen wird, welche unter Verzichtleistung auf das Gesetz der Form sich einem unbestimmten Wogen des Gefühls ergeben; ich erinnere an Bach's chromatische Phantasie. Ein Ausdrucksmoment hat jedoch die Musik vor der Sprache voraus, nämlich die Polyphonie, die nicht selten selbst da, wo es sich nur um eine Hauptstimme mit Begleitung handelt, der Stimmung ein festeres Gepräge giebt.

Unter allen Mitteln, den Inhalt, der theils in einem Klavierstück liegt, theils vom Spieler hineingelegt wird, klar zu machen, ist keins so wichtig als der Accent. In dieser seiner allgemeinen, Metrik und Rhetorik umfassenden Bedeutsamkeit ist er hier gemient und wird dem zuerst besprochenen, in engerem Kreise betrachteten, als der höhere gegenüber gestellt.