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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 14

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2. Den diametralen Gegensatz gegen die Passage macht die Cantilene, und ihre Accentuation bestimmt sich nach ähnlichen Gesetzen. Der Spieler muß die Melodie als eine zusammenhängende, geordnete, die logische Form und Bedeutung der sprachlichen Phrase symbolisch nachbildende Tonreihe auffassen und sich an diesen ursprünglich ersten wie letzten Eindruck halten. Demgemäß sind in diesem Gebilde vorzüglich die Hauptbegriffe kennen zu lernen und die Zielpunkte der Bewegungen in's Auge zu fassen, welche von den mehr nebensächlichen Tonelementen ausgehen. - Daneben ist aber der Grad der Stimmungswärme überhaupt auch zu beachten, in dem sich eine Melodie entweder an sich, oder besonders im Zusammenhange eines Werkes bewegt. Der singende Anschlag, wie er in den früheren Theorien gelehrt wurde, ist erste Voraussetzung und ist aus seinen zahlreichen Stärke- und Ausdrucksgraden die entsprechende Form zu wählen. In vielen Fällen wird somit die ganze Klangfarbe der Melodie schon eine Art Betonung in Anspruch nehmen, die sich der leichteren Tongebung der Passage gegenüber als Accent geltend macht. Dies bezieht sich hauptsächlich auf die moderne Darstellung gesangartiger Sachen; in anderen Fällen wird die Melodie sich der zarteren, ja zartesten Anschlagsfarben für einen Theil ihrer Töne, zuweilen für ihre ganze Ausdehnung bedienen. Dies sind Unterschiede, die an anderer Stelle ihre Andeutung erfahren haben und noch genauer erfahren werden; hier kommt es nur darauf an, im Laufe der Melodie die Hauptbegriffe klar zu machen und ihre Hervorhebung als höchstes Gesetz der Declamation zu bezeichnen.

Formell betrachtet, ist die Melodie eine metrisch geordnete Folge von Tönen, die in sich eine gewisse Zahl von Unterschieden darbieten. Die letzteren beruhen auf Länge und Kürze, Höhe und Tiefe, Consonanz <303> und Dissonanz. Naturgemäß hat die längere Note das Uebergewicht über die kürzere, die höhere über die tiefere, die dissonirende über die consonirende. In erster Linie wird die schärfere Betonung den in der oben bezeichneten Weise hervortretenden Noten zu Theil werden müssen, die geringere sich in einem gewissen Verhältnisse auf die anderen Noten erstrecken, und zwar so, daß, je mehr der bezügliche Ton seiner Stellung nach auf den Charakter eines Hervortretens verzichtet, er die leisere Betonung erhält. Ferner ist der Verlauf der ganzen Bewegung zu beachten. Die Mitte derselben repräsentirt gewöhnlich den Gedankenstrom in voller Thätigkeit und wird ebenfalls größere Accentuation beanspruchen dürfen, als Anfang und Ende. Vorausgesetzt wird hierbei jedoch die Abtheilung einer Melodie nach ihren vollkommenen Perioden, deren eine mindestens erforderlich ist, um überhaupt ein Ganzes darzustellen. Bekanntlich können sich mehrere Phrasen zusammensetzen und eine Melodie bilden; für diese in ihrer Vereinzelung würde die genannte Regel nicht immer zutreffen.

Keine Melodie, sei sie als Ganzes in dem oben bezeichneten Sinne gefaßt, oder als ein Theil dieses Ganzen, der etwa durch ein Komma oder eine geringe Interpunktion sich in demselben abgränzt, entbehrt der Hauptnoten, oder wenigstens eines Hauptbegriffes, welcher als Ziel für die Bewegung zu betrachten und demgemäß zu accentuiren ist.

Setzen sich mehrere durch solch ein Komma geschiedene Phrasen zu einer Melodie zusammen, so ist zu überlegen, in welchem Theile der Hauptinhalt liegtund ist in diesem Punkte unter allen der stärkste Accent zu geben. Die anderen Phrasen sind im Verhältniß zu ihrer Bedeutung und Stellung mit stärkeren oder schwächeren Accenten zu versehen. - Besteht eine Melodie aber aus mehreren kleinen Perioden, bildet sich eine Liedform in zweifacher oder dreifacher Theilung, so liegt der Culminationspunkt der Bewegung in <304> der Mitte, und werden sich hier nach einer ebenfalls genau zu ermittelnden Steigerung die, im Vergleich gegen die anderen Theile, stärker zu gebenden Accente bestimmen. Die Wiederkehr des ersten Gedankens im dritten Theile der Liedform wird eine im ganzen dem ersten sich anschließende Accentuation beibehalten; bei mehrfacher Wiederholung jedoch wird nach dem bekannten Prinzip der Abwechslung auch hierin variirt werden müssen.

Oft treffen mehrere charakteristische Zeichen für das Hervorheben einer Note zusammen; die höhere ist zuweilen auch die längere, und auch die dissonirendere Note. In solchem Falle ist die Accentuation um so eindringlicher; schwanken aber die Kennzeichen, theilen sie sich so, daß das Längere nicht weit neben dem Höheren steht, oder dies nicht dissonirend genug gegen andere benachbarte Elemente absticht, so wird der Spieler überlegen müssen, welche Stellung die wichtigere ist. Der Rhythmus wird hier oft den Ausschlag geben, im Allgemeinen aber wohl das Höhenverhältniß den Vorzug vor den übrigen Merkmalen verdienen; nur wo die höchste Note von auffallend kürzerem Werthe ist, als die andern, wird sie die Accentuation ablehnen. In vielen Fällen wird aber wohl eine geringere Accentuation, neben der eben bezeichneten stärksten, denjenigen Stellen zu Theil werden können, die durch Länge oder Dissonanz gleichfalls Anspruch darauf haben.

Liegt bei einer dreitheiligen oder zweitheiligen Liedform der Kulminationspunkt der Bewegung nicht in der Mitte, wie dies sich auch zuweilen ereignet, so schließt sich selbstverständlich der Gang der Accentuation dem des allgemeinen Ausdrucks an.

Die genannten Regeln betreffen das normale Verhältniß und werden in den meisten Fällen ausreichen. Es ist aber auch auf einige andere Punkte noch Rücksicht zu nehmen.

Zuvörderst ist hier, wie bei den Passagen, die Bemerkung zu wiederholen, daß der reguläre, metrische Accent auch in einem gewissen <305> Rechte bleibt. Abgesehen von der Nothwendigkeit, daß jüngere Spieler demselben zuvor gerecht werden müssen, ehe sie die Feinheiten der Vortragsaccente aufsuchen, muß das Bewußtsein der regulären Accentuation als erste Grundlage stets wach erhalten bleiben.

Dieselbe wird in vielen Fallen durch alle noch so complizirten Vortragsaccente durchschimmern; geschieht dies auch nicht immer durch lautes Hervorheben, so wird in der Ruhe und nachaltigen Ausdauer der guten Takttheile genug angedeutet werden können, um das Gehör auch über diese Linie des Lebensfadens der Töne klar zu erhalten.

In vielen anderen Fällen aber wird geradezu der metrische Accent allein den Vortrag ausmachen; und diese werden sich da besonders ereignen, wo die Töne in der Figuration einförmig sind, oder wo die anderen Momente so gemischt auftreten, daß sich ein entschiedenes Hervortreten eines bestimmten Haupttones nicht nachweisen läßt.

Syncopirte Noten haben auch in der Melodie meist dieselbe Schärfe der Betonung, die früher allgemein für dieselben zur Regel gemacht wurde, weichen aber trotz ihres Längenübergewichts zuweilen den höheren Noten, wie aus dem Beispiele im Andante der D-moll-Sonate ([Beethoven, op. 31,2, 2. Satz, Takte ???] vgl. oben) hervorging.

Die dramatische Bedeutung der musikalischen Redeweise macht hingegen Ausnahmen von allen bis hierher aufgestellten Regeln möglich; die Sinnfolge des Textes kann sich namentlich gegen obiges Gesetz, daß in der Mitte des Tonstromes die Hauptkraft liege, auflehnen und kann das Gewicht ebensogut in den Anfang wie auf das Ende der Phrase verlegen. - Das Klavier hat zwar keinen Text, aber wo es Melodien aus Opern, Oratorien usw. in seine Sphäre überträgt, wird es auch die Declamation entsprechend beibehalten müssen. In Folge dieser Vielseitigkeit des Tonlebens wird denn auch die Komposition der Melodie von vorn herein, <306> ohne vom bestimmten Texte auszugehen, die Mannigfaltigkeit des Sprachausdrucks symbolisirend in ihrer ganzen Freiheit nachbilden können, mit Fragen beginnen, mit einem Ausrufe endigen, von Zweifeln hin- und hergeworfen werden und dergl. und von dem normalen Gange der oben bezeichneten rhetorischen Satzformen und ihres Ausdruckes abweichen. Auch tiefe, ja tiefste Noten können den Hauptaccent auf sich ziehen, und man könnte die Regel in Bezug hierauf auch so aufstellen, daß die aus dem gleichartigeren Elemente der melodiösen Glieder auffallend heraustretenden Noten, gleichviel, ob dies durch Tiefe oder Höhe geschieht, den schwersten Accent erhalten.