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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 16

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Das Accelerando wird wie das Rallentando durch innerliche und äußerliche Gründe geboten. Jene bestehen in lebendigem Aufschwunge der im Tonwerke ausgedrückten psychischen Bewegung, in einer Steigerung der Gefühlsthätigkeit oder desjenigen Lebensbildes, das in den Tönen vorgeführt wird. Die äußerlichen Gründe betreffen den Reiz der Abwechselung oder die Brillanz in der sinnlichen <342> Wirkung. Der eine formelle Grund, welcher das Rallentando als Mittel der Gliedscheidung einer Komposition wünschenswerth machte, fällt für das Accelerando weg. Das Ausgehen eines Gedankens wird passender durch Anhalten als durch Beschleunigen bezeichnet. Die metrische Regularität tritt hierbei mit bestimmend ein; dem Gefühle ist es willkommener, die zugrunde liegende Maaßeinheit sich allmälig auflösen, als sich zusammendrängen zu sehen. Das Letztere paßt für Abschlüsse ganzer Sätze wohl, aber nicht für das Uebergehen eines Gedankens in den andern. Die empfangende Subjektivität würde in solchem Falle leicht die Neigung zum Accelerando für Taktunsicherheit halten, da sie im ersten Ruhe und Besonnenheit in der Darlegung der einzelnen Theile beansprucht. Zudem wird der vom Rallentando symbolisch angedeutete Inhalt, nämlich Ausdruck, Innigkeit, Wehmuth, Sehnsucht bereitwilliger und leichter vom Gefühle verstanden, als die Unruhe des Accelerando, die ein Element heraufbeschwört, welches der Musik nicht so nahe liegt als jenes. -

Gleichwohl hat das Accelerando hie und da als psychischer Ausdruck in guten Kompositionen selbst eine vollkommene Berechtigung; es ist nur an Chopin's Scherzo in H-moll (gegen Ende) zu erinnern. Auch Beethoven's F-moll-Sonate Op. 57 verträgt es am Ende. Beethoven zieht es aber meistens vor, die letzte Steigerung in einem selbstständigen Satze zu geben, der più presto geht. Z.B. am Ende des ersten Satzes desSonate Op. 13. Dies ist ein Unterschied, und muß mit dem hier in Rede stehenden Beschleunigen nicht verwechselt werden.

Sehr nahe liegt ein leichtes Accelerando in diesem Sinne [um des Ausdrucks willen], z.B. in der Cantilene von Schumann's F-dur-Novellette [op. 21,1],

[Notenbeispiel S. 342, Nr. 1: Schumann, Novelette op. 21,1]

<343> eine Stelle, deren Eindringlichkeit dadurch viel intensiver wird. Man denke ferner an den zweiten Satz von Schumann's G-moll-Sonate:

[Notenbeispiel S. 343, Nr. 1: Schumann, Klaviersonate op. 22 - 2. Satz]