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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 16

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Wiederholt sich ein Gedanke mehrere Male, so wird er oft mit wechselndem Tempo vorgetragen, das eine Mal accelerando, das andere Mal rallentando. Es kommt auch hier bei der Wahl dieser Nüancirungen auf den Gesammtcharakter an. - Die zweite Bagatelle von Beethoven Op. 33 wiederholt in dem letzten Theile das Grundmotiv des ersten Themas

[Notenbeispiel S. 344, Nr. 2: Beethoven, Bagatelle op. 33,2 (1)]

14-mal in verschiedenen Höhen- und Intervalldimensionen mit dazwischen fallenden Takten anderer Art. Die Monotonie dieser Stelle wird durch einen accelerirenden Vortrag gänzlich beseitigt und schlägt in schelmische Laune um. - Das Beschleunigen darf sich aber nicht in ununterbrochener Progression fortsetzen; dies wäre wieder monoton; wo sich eine Phrase von 8 Takten abgrenzt, wird gegen Ende ein Rallentando eben derselben Figuren angebracht. Die Stelle wird also so vorgetragen: <345>

[Notenbeispiel S. 344, Nr. 3: Beethoven, Bagatelle op. 33,2 (2)]

In ähnlicher Weise setzt sich der hier angeknüpfte Rhythmus fort, bis die beiden letzten Figuren in bedeutenderer Beschleunigung, fast kopfüber, abschließen; nach ihnen spinnen sich auch die als Zwischengedanken vorher eingeführten Accorde in ähnlicher Eile ab; nur werden sie gegen Ende ruhig und löschen aus wie Fünkchen.

Schon das erste Thema jener Bagatelle verträgt in der Mitte aus gleichem Grunde ein Accelerando. Ueberhaupt wo ein Stück über eine Figur gearbeitet ist, wird sich schwerlich Accelerando und Rallentando entbehren lassen; dies gilt schon von manchen Bach'schen Präludien, hat in Mendelssohn'schen Liedern (z.B. 5. Heft 1. Lied) seinen sehr in die Augen springenden Beleg, und erstreckt sich selbst auf einen großen Theil moderner Kompositionen, die geistloser irgend eine Figur meist abrollen lassen. In jenen verlangt der Ausdruck des Gefühles, in diesen die blos sinnliche Abwechselung des Reizes den in Rede stehenden Vortrag. In guten Kompositionen ist es wieder die Mitte besonders, in der sich das Leben steigert und thätigeres Wogen der Tonbewegungen erfordert.