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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 16

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Hiermit sind wir zur Besprechung desjenigen Punktes gelangt, der für das Rallentando noch nachzuholen war, und welcher die in schneller Folge wechselnden Schattirungen des Zögerns und Eilens betraf. Dieselben sind nicht unwesentliche Mittel des Ausdrucks bei Allem, was in freierer, rezitirender Rhythmik oder in gesangähnlicher Inhaltlichkeit seinen Charakter hat. Eilen und Zögern entsprechen sich ganz wie Crescendo und Decrescendo; im ersten, natürlichen Verhältnisse hat der Begriff der Steigerung das Crescendo und das Accelerando zu seinen Ausdrucksmitteln, die Beruhigung <346> das Decrescendo und Rallentando, und wird sich häufig beides vereinigen. - Das Herausdrängen des Gefühls aus der Brust, die Heftigkeit seiner Bewegung spricht sich im Ersteren natürlich aus, sein ruhiges Ausathmen im zweiten. Wo irgend tieferes Ergriffensein vorliegt, ist also im Vortrage beides anzubringen, wobei - wie früher bemerkt - auch keineswegs das Prinzip der Abwechslung als Motiv dieser Vortragsart selbst im geistigsten Sinne abzuweisen ist.

Es wird sich kaum ein Adagio denken lassen, wo dieselbe nicht unerläßlich wäre. Es sei hier nur aus Beethovens Adagio (Op. 10, C-moll-Sonate) eine Stelle angeführt, die folgenden Vortrag erhält:

[Notenbeispiel S. 346, Nr. 1: Beethoven, Klaviersonate op. 10,1 - 2. Satz]

Auch die derselben vorangehenden 4 Takte erhalten ein Crescendo mit leisem Drängen. - Ihre wahre Verklärung erhält aber die genannte Vortragsart in der chromatischen Phantasie von Bach, die ohne solchen Wechsel des Tempos ihren lyrischen Ausdruck nicht erreichen könnte; eben so wenig können Sätze wie das Finale der Schumann'schen C-dur-Phantasie denselben entbehren. Wenn die Stelle:

[Notenbeispiel S. 346, Nr. 2: Schumann, Fantasie op. 17]

diesen Vortrag aus inhaltlichen Gründen verlangt, so lassen sich die <347> folgenden beiden Tacte nach dem obigen Prinzip behandeln, inhaltleere Partien etwas zu beschleunigen.

Die Literatur koketter Salontändeleien benutzt gleichfalls häufig den genannten Wechsel. Das Gefühl bewegt sich - welches Inhaltes es auch sei, unabweisbar in schnellerem und langsamerem Pulsiren.