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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 16

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Zum Schluß ist noch die nicht unmittelbar als natürlich erscheinende Verbindung der hier besprochenen Nüancen mit dem Crescendo und Decrescendo namhaft zu machen. Auch mit dem Decrescendo kann sich das Accelerando verbinden, und mit dem Crescendo das Rallentando. Letzteres wurde oben besprochen, es bleibt mithin nur die zuerst genannte Verbindung zu erwähnen.

Dieselbe wird, wie so mancher der früher aufgezählten Klavierreize, als eine das Denken mehr herausfordernde Schattirung das erste Empfangen frappiren, indem es über das unmittelbar Natürliche hinwegsehend, in anderen, complicirteren Verhältnissen seine Begründung findet. - Eine athemlose Hast, eine unterdrückte Heftigkeit der Gefühlsbewegung, eine sich zurückhaltende Gluth der Lebensthätigkeit spricht sich darin aus. Sieht man von diesen psychischen und dramatischen Motiven des Inhaltes ab, so liegt aber auch eine sinnliche Klangfarbe darin, die vor dem Gewöhnlichen den Reiz des Pikanten hat, und namentlich in der brillanten Modernität vielfache Anwendung finden kann.

Was die edlere Literatur betrifft, so wird allerdings weniger Beethoven, welcher die Kraft der unmittlebaren Natürlichkeit zu seinem Inhalte hat, der genannten Vortragsschattirung bedürfen. Es werden mehr Komponisten, welche dramatisch denken, oder welche bereits die raffinirtere Finesse der Darstellung in Anspruch nehmen, Beispiele dafür liefern können. Mendelssohn verträgt hie und da solchen Vortrag. - Brillante Passagen, die immer schneller und leiser werden, sind ein Reiz eigenthümlicher Art, der schon deßhalb <348> seinen Werth hat, weil er auf einer vollendeten Technik fußt. Nur wird er sich mehr im Flusse der Komposition als bei ihrem Ende anbringen lassen, oder es müßte eine solche schon sehr speciell einen dramatischen Vorgang schildern, was bei der nicht hinreichenden objectiven Schärfe der Inhaltlichkeit einer Instrumentalmusik kaum anzunehmen ist.