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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 17

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Siebzehntes Kapitel.
Klang- und Anschlagsfarben. Die Anwendung der Pedale. - Bestimmungen des Tempos. Ueber die Einheit innerhalb der Mannigfaltigkeit der Vortragsnüancen. Vortragsbegriff.

Die Anschlagsarten ergaben eine große Summe von Klangreizen. Ihre Anwendung bestimmt sich nach dem Inhalte einerseits, nach dem Prinzipe sinnlicher Abwechselung andererseits, wie Alles, was Schattirungen im Vortrage betrifft. Zu den im ersten Theile aufgezählten Tonnüancen kommt aber noch die durch die Benutzung der Pedale entstehende Klangveränderung; und die darüber aufzustellenden Regeln sind dem über die Anwendung der Anschlagsarten zu ertheilenden Fingerzeige noch hinzuzufügen.

Die gebundene Passage und mit ihr der perlende Knöchelgelenkanschlag sind der weiteste und der natürlichste Boden der ganzen Klaviermusik. Wie die ganze Mechanik ihre Bildung von diesem Keime her entnahm, so wird auch die geistige Vortragsseite in ihrer Pflege den größeren Theil ihrer Aufgabe zu suchen haben. - Die höchste Vollendung perlenden Passagenspiels bleibt in jedem Genre der Literatur eine Bedingung, ohne welche kein Inhalt darstellbar wird. Beethovens Sonate Op. 111 <349> bedarf dieses Reizes nicht minder, als eine Thalberg'sche Phantasie. - Außer dem perlenden Anschlag ist der gesangliche am wichtigsten.

Der gesangliche Anschlag muß seinen Hauch vielen Elementen ertheilen, die scheinbar nichts Liedartiges haben. Oft ist es ein Ton im bunten Durcheinander der Passagen, der einen singenden Anklang erweckt und das äußerlich nur Reizende in die Sphäre der Innerlichkeit erhebt. - Seine reinste Farbe zeigt dieser Anschlag in liedartigen, dem Vokalen nachgebildeten Kompositionen. Für wahrhafte geistige Tonfarbe reichen die im mechanischen Theile gegebenen Regeln, behufs der Darstellung hochpoetischer Gedanken, allerdings nur zum Teil aus. Das dort beschriebene Wesen des Fingerdruckes ist zwar ein charakteristisches Merkmal alles Klaviergesanges; verbunden muß es aber sein mit dem tief innerlichsten Verständniß der Cantilenen. - Marx hat recht, wenn er sagt, daß für solche Anforderungen die mechanische Schulung nicht ausreicht. Wer nicht liebevoll und warm für den Gesang, den er vorträgt, ergriffen ist, wird trotz aller Kraft und Feinheit der Fingerspitze die geistige Tonfarbe nicht erreichen, die den wahrhaft künstlerischen Vortrag charakterisiren muß. Wer z.B. das Finale der E-moll-Sonate Op. 90 von Beethoven richtig vortragen will, muß von dessen Zartheit und Innigkeit so durchdrungen sein, wie es die Seele des schaffenden Künstlers war. Wo die Innerlichkeit geistig erwärmt ist, da erst zeigt die Tüchtigkeit einer guten mechanischen Schule ihren Nutzen. Der Gesang ist das wichtigste Element nächst dem Perlenreize der Passagen. Den Anforderungen des letzteren in allen Stadien genügt aber die bloße Mechanik mehr als dem Gesange. - Der letztere ist die Seele in dem Gerüst des sinnlich schönen Tonkörpers, und aller Glanz, oder aller kühler Verstandsgeist, der aus seinem Auge hervorblicken mag, kann der Darstellung den Zauber <350> nicht verleihen, den der seelische Geist des Gesanges über die letztere haucht. -

Es ist aber, wie wir sehen, nicht immer der Druck der Fingerspitze allein, welcher singt; ein leises, unmerkliches Rallentando kann dem feinsten Ton den genannten Reiz verleihen. In der Mehrzahl der Falle freilich wird das Vorwalten des Fingerdrucks den Ausschlag geben, besonders wo aus metrischen Gründen kein Rallentando zulässig ist.