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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels- Kap. 17

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Es ist nun allerdings zu bemerken, daß die ganze Bildung der Technik in einem freilich elementaren Sinne Einheit in der Tonbildung vorbereitet hat. Elasticität, Lockerheit, Entschiedenheit in der Kraftbethätigung des speciellen Spielmuskels, und demzufolge eine gewisse Brillanz der Tonbildung waren Eigenschaften, die dem leisesten wie dem stärksten Lebenszeichen der gesammten Technik zu Grunde lagen; und wer hier seine Schule gut durchgearbeitet hat, wird in jenem erwähnten Sinne immer eine Art Einheit aufrechterhalten. Nur ist die in diesem Kapitel gemeinte Harmonie des Grundtones geistiger, künstlicherer Art; sie ordnet nach dem Prinzipe <378> des gedankenvollen, überlegten Ausdruckes das, was bei der Mechanik beziehungslos neben einander lag.

Hat sich nun somit die Einheit richtig geltend gemacht, und von ihr bestimmt die Summe des Mannigfaltigen in geschmackvoller, vernünftiger Weise entfaltet, so ist der Vortrag zu Stande gekommen. - Mit ihm sind wir naturgemäß zum Schlusse des Systems gelangt, welches von den ersten Keimen an, durch alle Zwischenglieder, denselben als bestimmendes, einziges Ziel im Auge behalten mußte. Keins seiner Elemente ist entbehrlich - so sehr aber auch gerade die Lehre von der Mechanik ihren Antheil betonen mußte, so ist es nunmehr geboten, auf Grund des Vorangegangenen der Redensart, der Vortrag, nicht die Technik sei die Hauptsache, ihr Recht zu sichern.

Um endlich noch einmal auf die bereits im 2. Kapitel angeregte Frage nach der Berechtigung, eventuell der Nothwendigkeit subjectiver Zuthaten in der musikalischen Reproduction zurückzukommen, machen wir auf folgende Hauptmomente aufmerksam, daß 1. die Musik ihren Inhalt überhaupt nicht in so präcise Umrisse faßt, sondern der Phantasie eine größere Produktivität zumuthet, als andere Künste; 2. daß die Wahrheit des Schönen eine mannigfaltige Mischung der in ihm enthaltenen Bestandtheile, selbst bei sonst festen Umrissen eines Werkes, zuläßt; und 3. daß eben die Kunst des Vortrags darin besteht, dasjenige Einheitliche unter den verschiedenen Möglichkeiten herauszufinden, welches entweder der Neigung oder der Ueberzeugung der darstellenden Subjectivität entspricht.

Ist der Gedanke, daß, unbeschadet aller Anerkennung der geistigen Ueberlegenheit der Klassiker und einiger Nachklassiker im Punkte der Production, die Kunstbildung und der Geschmack für Reproduction selbst einem Beethoven gegenüber heut zu Tage auf einem fortgeschritteneren Standpunkte stehen, keineswegs als ein zu verwegener <379> zu bezeichnen, - so muß für die große Zahl der geringeren Kompositionen es geradezu als Aufgabe betrachtet werden, im Vortrage mehr aus ihnen zu machen, als sie enthalten.