Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Übersicht Mattheson, Vollkommener Capellmeister Startseite  

Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Vorrede, Kap. 6

Vorrede zum Vollkommenen Capellmeister.

Die Kapitel 1-5 der Vorrede sind noch nicht erfaßt.

VI. Von der musikalischen Mathematik.

<*16> Der Satz: Daß die Mathematik bey der Musik nichts helffe, ist unrichtig, und bedarff einer guten Erläuterung. [...] Sie ist eine weit um sich greiffende [FN: ...] Instrumental=Disziplin, und thut in der Harmonik, als einem Theil der Musik, auch in der Semiographie, bey der Geltung der Zeitmaasse, ingleichen bey Verfertigung allerhand Instrumente, zu Verstärckung des Schalls und Wiederschalles [...] so viel die äusserliche Form betrifft, fast solche Dienste, als etwa die Buchdruckerey in der allgemeinen Gelehrsamkeit. Das ist kein geringes; obwol in Betracht des gantzen, nur ein kleines.

Allein, zu glauben, und andere lehren wollen: daß die Mathematik der Musik Herz und Seele sey; daß alle Gemüths=Veränderungen, so durch Singen und Klingen hervorgebracht werden, bloß in den verschiedenen äusserlichen Verhältnissen der Tone ihren Grund haben, solches ist noch viel ärger und irriger, als obiger Ausspruch. [...]

[...]

Die Verhältnisse der Klänge und Tone, welche die Mathematik gar nicht, sondern die Natur selbst hervorbringt und ordnet, geben, mit ihrer Abbildung durch Zahlen und Linien, nur blosse Werckzeuge ab, die ihren Nutzen so haben, als etwa Wörter in Schrifften und Reden. [...]

[...]

<*17> Des Hertzens Bewegung hat demnach ihren Grund, d.i. ihre Ursache, ihren Ursprung nimmermehr in den blossen Klängen und Wörtern, [...] sondern in den sehr verschiedenen Begriffen, die das Gemüth den vielfältigen Umständen nach, mit ihnen verbindet. Wer wird aber wol sagen, daß solche geistige Begriffe mathematisch sind?

Denn die Seele, als ein Geist, wird empfindlich gerühret. Wodurch? wahrlich nicht durch die Klänge an und für sich, noch durch ihre Grösse, Gestalt und Figur allein; sondern hauptsächlich durch deren geschickte, immer neuersonnene, und unerschöpfliche Zusammenfügung, Abwechselung, Anwendung, Mischung, Eigenschafft, Ab= und Einführung, Erhöhung, Tiefe, Schritte, Sprünge, Verweilung, Beschleunigung, Aufschub, Stille und tausend andre Dinge mehr, die kein Cirkel, kein Lineal, kein Maasstab, sondern nur der edlere, innerliche Theil des Menschen begreiffen und beurtheilen kann, wenn ihn Natur und Erfahrung unterrichtet und belehret hat.

Diese Sachen haben zwar auch ihren ordentlichen Verhalt, und brauchen eine gewisse Maas; aber sie entspringen nicht aus ihrer Abmessung; sie bestehen nicht darin; sie gründen nur das Bild ihrer Grösse und Figur, nicht ihr Wesen darauf. Die unausgemachte, wenige Verhältnisse hergegen, die der arithmetische Klangmesser abstechen will, verschwinden hiebey, und machen nicht den tausenden Teil der Klänge in der Natur, ja kaum eine Handvoll Haar am Leib der Musik aus. [...]

[...]

Alles, was in der Musik vorgehet, gründet sich ungefehr auf die mathematischen Verhältnisse der Intervalle so, wie etwa die Schiffahrts=Kunst auf Ancker und Tauen. Aber der Compas ist doch ein <*18> gantz andrer, und edler Wegweiser im Seegeln, als Masten und Wand. Des Steuermanns sogenanntes Gissen thut ihm viel wichtigere Dienste, als seine Astrolabia und was ihnen anhängig ist, die bey der Meeres=Länge noch immer zu kurtz kommen.

Wer nun eher keine Reise antreten wolte, als bis er die vermeinten Häcklein und Handhaben am Magnet und Eisen mathematisch bewiesen haben würde, der dürffte in seinem Leben schwerlich die Linie paßiren. So bald man aber anfangen wird, den Uiberschlag des Weges zur See in feste Regeln zu verwandeln, und gültige Ursachen anzugeben, warum es so, und nicht anders, mit Wind und Wetter zugehe, alsdenn möchte man auf Anstalt gedencken, aus den puren Grössen oder klingenden Intervalle sittliche Wahrheiten, und unfehlbare Lehren von Gemüthsbewegungen und deren Erregung herauzuziehen: welche gewislich nicht unnützlich seyn könnten; dafern sie nur unumstöslich wären. Lange Erfahrung, genaue Anmerckungen und natürliche Gründe geben, mittlerweile, in beiden Wissenschafften weit wichtigere, physicalische Regeln an die Hand, als alle Quadranten und Cirkel.

Man bestimme die mathematischen Verhältnissen der Klänge mit ihrer Quantität wie man wolle, es wird sich doch in Ewigkeit kein rechter Zusammenhang mit den Leidenschafften der Seele daraus allein abnehmen lassen. Denn hiezu gehören, nebst der Natur=Lehre und geläuterten Welt=Weisheit, noch gantz andre Künste, moralische und rhetorische Verhältnisse.

Künste nenne ich sie, zum Unterscheid der Wissenschafft, Lehre und Weisheit; ich meyne aber die practischen Ubungen, und was bey denselben vortrefliches zu finden ist. Last uns hierüber einen sonst übelgesinnten Zeugen rufen und hören, dem doch auch zu seiner Zeit ein wahres Wort entfahren ist.

[...]

<*19>Eine vollkommene Erkenntniß der menschlichen Gemüthsneigungen, die gewiß nicht mit der mathematischen Elle auszumessen sind, ist bey der Melodie und ihrer Verfertigung von viel grösserm Gewicht, als die deswegen doch unverachtete Erkenntnis der Tone: zumahl, da man zu behaupten trachtet, daß kein Ton in Ausbildung der Leidenschafften vor dem andern was voraus habe; welches aber bald hernach widerruffen wird. [FN] Inzwischen stehet dieses fest: Nicht so sehr auf einen guten Verhalt, als vielmehr auf einen geschickten Gebrauch der Intervalle und Tonarten, kömmt in der Melodie und Harmonie das schöne, rührende und natürliche Wesen an. Die Klänge, an sich, sind weder gut noch böse; sie werden aber gut und böse, nachdem man sie gebraucht. Diesen Gebrauch lehret keine Meß= oder Zahl=Kunst. Wenn auch der Verhalt dem Gehör recht seyn soll, muß die mathematische Richtigkeit allemahl nachgeben. [...]

Ich bin also im Grunde noch eben der Meynung, als ich vor 18. Jahren war, daß nehmlich in der Rechenkunst [FN: ...] kein Schein des musikalischen Fundaments stecket. Die Zeit hat nur so viel bey mir geändert, daß meine damahlige Gedancken, dem Wesen nach, mit sehr reiffen Erfahrungs=Lehren, die länger ie mehr, bekräfftiget worden sind. Was ich demnach im Kern melodischer Wissenschafft, und nunmehro in diesem gegenwärtigen Buche davon sage, hebt meinen Satz im forschenden Orchester gar nicht auf. er bleibt, so viel insonderheit die Arithmetik betrifft, (die Plato und Lycurgus in keiner Republick leiden wollten) in aller seiner Krafft, und gilt immerdar. Ich werde auch niernahls so albern seyn, die Form oder das Bild eines Dinges, zumahl bey dessen bekannter Unförmlichkeit, für das selbständige Wesen, oder den Knochen für das Fleisch zu halten.

Im Reiche der Wissenschafften trägt die Theologie Scepter und Kron als Monarch; die NaturLehre ist Königin; die Musik Erbprintzeßin; [FN: ...] die Jurisprudentz verwaltet das Reichs=KantzlerAmt; die Medicin, und was dazu gehört, macht den Geheimen und andern Rath aus; die Weltweisheit ist Ober=Kammerherr; die Mathematik Schatzmeister, der die Reichs=Kleinodien zwar verwahret, aber sich selbst nicht damit schmückt. In der Kammer giebt es viele Beamte, die unter dem Schatzmeister stehen, bey denen es billig richtig zugehen sollte. Unter andern ist die Arithmetik [FN: ...] Ober=Rentmeister, dem sein Lob gebühret, so lange ihm nichts anklebet, oder die Kronsucht plaget, wie Jothams Dornbusch. Die Historie führet das Archiv u.s.w.

Die Natur [FN: ...] bringt den Klang, und alle seine, auch die grössesten Theils noch unbekannte Verhältnisse hervor. Das ist eine unstreitige Wahrheit. Der Mathematicus hat sich von ie her viele Mühe gegeben, diesen Klang und dessen Verhältnisse in Ordnung und Rechnung zu bringen, welches aber bis dato noch gar nicht völlig geschehen ist, auch vermuthlich in dieser Welt nimmer geschehen wird, weil es mit den Klängen ins Unendliche fortgehet. [FN: ...] Der Musikus hergegen beurtheilet und verbessert diese mangelhaffte, und gewisser maassen ohne Wirth gemachte Rechnung, und weiß sich so wohl damit zu behelffen, daß er seine Klänge zu einer wunderbaren Wirckung bringet. Wo steckt nun das Principium, [FN: ...] der Ursprung, das Fundament und der Grundsatz aller Musik?

Intervalle müssen wir haben. Wer tantzen will, muß Schritte und Springe thun können. Aber wer die Intervalle nach ihrer Circkel=Grösse, und die Schritte nach ihrem Fußmaas am allerbesten kennet, <*20> weiß darum noch lange nicht, wie er geschicklich mit den ersten umgehen, und etwa durch Hülffe der andern, ein Frauenzimmer, auf angenehme Art, führen soll. Das ist die Haupt=Sache! Da ist die rechte Insel Rhodus! Es tantze nun, wer tantzen kann!

Alle Mahler brauchen Pinsel und Farben: diese sind zwar an sich unterschieden, und es kömmt schon etwas darauf an; aber gebt einem Klecker die allerbesten, deren sich Apelles bedienen möchte, und sehet zu, was herauskommen wird. Wir rühmen nicht den Pinsel; sondern den Mahler. Auf solche Farben= und Pinsel=Art würde denn die Meß=Kunst auch so gar in der Liebe ihre Dienste anbieten können; aber wenn eine Person gleich alle richtige Verhältnisse in den Gesichtszügen und Leibestheilen hat, so daß man sie mathematisch=schön nennen möchte, kann sie doch dabey ohne Reitz und Rührung seyn. [FN: ...]

Man dencke der Sache nach. Doch, das wills auch allein nicht thun. Man setze sich dabey in der Welt um, und frage sein eigen Hertz. So viel thun die geschäfftigten Meß=Künste, sie entdecken und verbessern, nach Vermögen, einige handgreifliche Ordnungen und Unordnungen. Ich spreche ihnen diesen Dienst gar nicht ab: wol aber die Herrschafft über die Liebe, über die Musik, und über die Natur. Menschliche Gemüther sind gleichsam das Papier. Mathesis ist die Feder. Klänge sind die Dinte; aber die Natur muß der Schreiber seyn. Was nutzet eine silberne Trompete, wenns am tüchtigen Trompeter fehlet? der Diamant ist besser als seine Einfassung. Der Stab Elisä gielt in seiner Abwesenheit nichts: noch Scanderbegs berühmtes Schwerd etwas, ohne seinen Arm: Wenn kein Wind wehet, was helffen die aufgezogenen Seegel? die schönste Orgel, ohne Organisten, dient nur zum hinderlichen Zierrath.

Geschickte Bildhauer wusten vorlängst die äuserlichen Verhältnisse menschlicher Gliedmassen ziemlich wohl anzugeben. Das hatten sie, durch ihre Augen und Hände, aus dem grossen Buche der Natur abgenommen, denn es sind sicht= und fühlbare Dinge. Hernach hat man das bereits bekannte mit Circkeln und Linien etwas genauer abgemessen; allein der Ursprung, das Hertz und die Seele menschlicher Geschöpffe und Schönheit, steckt deswegen nimmermehr in dergleichen mathematischen Abmessungen; sondern in derjenigen Krafft, die GOtt in die Natur geleget hat.

Ich habe viele Portraits machen, aber niemahls einen Maasstab dabey brauchen gesehen. Es giebt unzehlbare innerliche Verhältnisse, die sich von grossen Künstlern mahlen, aber von niemand messen lassen. Ich meyne, des Menschen Gemüthsbewegungen, welche sich in den allerfeinsten Gesichtszügen und geringsten Wendungen der Augen, Muskeln, Linien etc. unbegreifflicher Weise verrathen und verändern.` Da hört die Mathematik gantz auf, und da fängt die wahre Schönheit erst recht an. Die Anwendung aller dieser Gleichnisse ist leicht zu machen. Mit einigen derselben ist der Zahl= und Meß=Kunst noch zu viel zugestanden. Doch wir wollen großmüthig seyn.

Einem ieden lassen wir indessen seine Meynung: wem unsere nicht anstehet, der folge immer einer andern, die er für besser hält. Ich will darüber mit niemand streiten; sondern nur dieses bewähren: daß ein Componist, ohne sonderliche mathematische Künste, gar wohl fortkommen kann. Ihrer viele, die fast den Gipfel der Tonkunst erstiegen haben, wissen wol schwerlich alle Theile der Mathematik zu nennen, oder zu verdolmetschen; geschweige ein mehrers. Davon liegen die Beispiele am hellen Tage. Aber der allerbeste Mathematicus, als solcher, könnte, wenn er was setzen wolte, dasselbe mit der blossen Logistik unmöglich gut bewerckstelligen.

Es sey noch einmahl, und zwar für allemahl, gesagt: Die guten mathematischen Verhältnisse machen nicht alles aus: es ist ein alter, eigensinniger Irrthum. Aus ihnen entspringet gar nicht alle Schönheit in allen Dingen, wenn gleich die Meßkunst eine leibliche Mutter der äusserlichen Verhältnisse wäre, und sie in die Welt gebracht hätte; da sie doch nur eine Bedientin derselben und ein Werckzeug, ein blosses Werckzeug der Königlichen Natur ist: Die unendliche, unbegreiffliche, unermeßliche Mischung; die gescheute und geübte Anwendung; die ungenannte angebohrne und nie zu erlernende Anmuth; das ich weiß nicht was; die innerlichen, natürlichen und moralischen Verhältnisse, samt derselben hertzrührendem Gebrauch, enthalten die wahren Kräffte melodischer und harmonischer Wirckungen, zur Erregung des empfindlichsten Wohlgefallens.

In der Physik oder Naturkunde liegen demnach die ersten, aufrichtigen Gründe der Musik. Ein Verfechter der Mathematik gestehet selbst, daß die Tonkunst aus der Natur gewisse Grundsätze herleitet. Der sich zu diesen wahren Worten im Druck bekannt hat, wird sich ihrer leicht erinnern: und ob gleich hier, bey deren Anführung, einige Zwischenwörter, Kürtze halber, ausgelassen sind, bleibt doch der Verstand und das Geständniß ohne Abbruch so: daß die Tonkunst aus dem Brunnen der Natur ihr Wasser schöpffet; und nicht aus den Pfützen der Arithmetik. Die Musik werde nun theoretisch oder practisch betrachtet, so trifft diese Wahrheit beständig ein.

[...]

<*21> Mathesis ist eine menschliche Kunst; Natur aber eine Göttliche Krafft. Denn GOttes unsichtbares Wesen, das ist, seine ewige Krafft und Gottheit, wird ersehen, so man des wahrnimmt an den Wercken, nehmlich, an der Schöpffung der Welt. [FN: ...] Sind nachdrückliche und nachdenckliche Worte.

Das Ziel der Musik nun ist, durch Gesang und Klang, GOtt auf das schönste, thätlich und mündlich zu loben. Alle anderen Künste, ausser der Theologie und ihrer Tochter der Musik, sind nur stumme Prediger. Sie bewegen auch lange die Hertzen und Gemüther so starck nicht, noch auf so vielerley Art. Die dazu benöthigte Wissenschafft gründet sich auf die Naturlehre, sättiget sich an ihren mütterlichen Brüsten; ohne allezeit zu wissen, wie es zugehet: und ehret den König, ihren Vater.

Wer solches alles durch mathematische Hülffsmittel allein thun, oder auch nur das bisherige bewundernswürdige, entzückende Bestreben vortrefflicher Meister, durch Zahlen, Circkel und Linien, verbessern kann, dem wollen wir es alle unendlichen Danck wissen. Es stehet aber zu befürchten, daß wir lange genug warten mögen, ehe wir uns dieser Pflicht zu entledigen Gelegenheit finden. Es ist hiemit eben so beschaffen, als mit dem Worte GOttes und der Vernunfft. Die Musik ist über, aber nicht wider die Mathematik. Kann diese was, so gilt sie was. Laßt sehen!

Ich treibe ja, weltkündiger maassen, schon über ein halbes Jahrhundert, die Tonkunst mit grossem Ernst und Eifer, sowol practisch, als theoretisch: mir sind auch, in dieser nicht geringen Zeit, viele gelehrte Mathematici aufgestossen, die, aus ihren alten, logistischen Schrifften, neue musikalische Wunder zu thun vermeynten; aber sie sind, weiß GOtt! allemahl jämmerlich in den Brunnen gefallen. Hergegen habe ich gantz gewiß offt und vielmahl erlebet, daß kein eintziger berühmter Spieler, Sänger, Setzer, nicht nur zu meinen, sondern allen mir innerlichen Zeiten, davon ich gelesen oder gehört habe, auch nur eine einzelne Melodie, die was nutzen sollte, auf den schwachen Grund der Rechen= und Meß=Künste hat erbauen, vielweniger, durch solche untaugliche Mittel, obige allgemeine, löbliche Absicht im geringsten erreichen können, wenn ers gleich offt gern gewünschet hätte, und ich mit ihm: weil wir den grossen Vortheil vor jenen hatten, eine starcke Praxin mit diesen Beschaulichkeiten zu verbinden. Was ins künfftige noch geschehen wird, muß man erwarten.

[...]