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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 1, Kap. 10 [Seite 20 von 20]

Der melismatische Stil

§. 115. Was oben von den Madrigal=, und melismatischen Stylen angeführet worden ist, solches kan auch alhier, gewisser maassen, gelten, zumahl was den ersten betrifft, der allenthalben einerley bleibt. Der andre aber mögte einen kleinen Unterschied hier erfordern: denn ob er sich schon von ie her zu geistund weltlichen Oden hat bequemen müssen, bis ihn die madrigalische Arien und Recitative in die Enge getrieben haben; so kan man doch eins Theils auch wol traurige Melismata machen, wovon Kircher [FN: ...] selbst ein Exempel gibt, wiewol sie immer was niedriges an sich behalten; andern Theils gibt es noch heutiges Tages gewisse artige Jäger= Hochzeit= Straff= und Schertz=Oden dieses melismatischen Styls, welche sich zur Lust sehr wol hören lassen, und nicht allemahl auf blosse Gassenhauer hinauslauffen, auch bisweilen auf Schaubühnen gebraucht werden. Man sucht aber das erhabene vergeblich darin.

<93> §. 116. Johann Sebastiani, ehmaliger Churfürstl. Brandenb. und Preußischer Capellmeister, kan hievon einige Proben [FN: ...] geben, darin zwar nichts unbescheidenes, doch viel kriechendes vorkömmt, das der Noten kaum werth wäre, wenn sich nicht gleich und gleich geselleten. Ein kleines Fleckgen davon herzusetzen, kan nicht schaden, um denjenigen einen Begriff von der melismatischen Schreib=Art zu geben, welche ihren Unterschied von den Arien und Madrigal=Styl, nicht recht zu machen wissen. Sonst hat die melismatische Arbeit noch dieses Abzeichen, daß sie auf dem Theatro nicht so viel Strophen, und mehr Verwandtschafft mit dem madrigalischen Wesen, zuläßt, als in Kirchen und Zimmern.

[Notenbeispiel S. 93]

§. 117. Damit wäre also die Materie, betreffend die musicalischen Schreib=Arten, für diesesmahl zu Ende gebracht. Die Ausübung beruhet nun auf die Untersuchung guter Vorschrifften und Muster, daran kein Mangel ist, wer sie nur wehlen und sich anschaffen will. Man muß sich von iedem Haupt=Styl, nach angeführten Grund=Sätzen, einen festen, deutlichen und reinen Begriff machen, gute Ordnung darin halten, die Ein= und Ausdrücke nicht ungebührlich mit einander vermischen, noch seine Mannschafft unter ein fremdes Fähnlein stellen.

§. 118. Vorhin dachte ich, es mögten die Gattungen dieser Schreib=Arten wol dereinst vermehret werden: denn, wer auch nur anitzo Lust hätte, könnte nicht allein die Neben=Zweige sehr weit ausbreiten; sondern es würden sich schon andre Aeste angeben, und vornehmlich der Feld= oder Krieges=Styl dabey in nicht geringe Betrachtung kommen. Denn obgleich die Marsche und dergleichen mannhaffte Melodien zum hyporchematischen Styl gehören; so hat doch die eigentliche martialische Music in vielen Stücken was besonders an sich, welches zu untersuchen nicht undienlich seyn dürffte.

§. 119. So dachte ich vorhin; nun aber, da alles wol erwogen worden, mögte schier eine ganz wiedrige Beisorge bey mir aufstossen, daß nehmlich von diesen Stylen und ihren Gattungen mit der Zeit vieleicht nur wenige, oder auch wol gar kein eintziger, in seiner Reinigkeit und mit den ihm gehörigen Ab= oder Kennzeichen übrig bleiben dürffte. Denn es ist bereits bey vielen selbstgewachsenen Componisten ein solcher Mischmasch in der Schreib=Art anzutreffen, als ob alles in einen ungestalten Klumpen verfallen wollte. Und ich glaube, daß man ihrer eine Menge fünde, die, auf Befragen, in welchem Styl sie dieses oder jenes setzten, mit der Antwort sehr verlegen sein würden.

§. 120. Solchem Unwesen, wo möglich, vorzubeugen, habe ich mir die Mühe gegeben, diese Lehre aufs neue und vermehrter vorzutragen. Ich weiß gar zu wol, wie viel daran gelegen ist, und hoffe, niemand, der GOtt und seinen Dienst liebet, werde übel nehmen, daß ich in diesem Haupt=Stück von den Schreib=Arten, weil doch alles darauf ankömmt, etwas weitläuffig gewesen bin: indem meine wahre Absicht auf die Verherrlichung und Ehre des allerhöhesten Wesens in seinem Tempel, auf die Sittsamkeit der Schaubühne und auf die Vergnügung des Gemüths in Zimmern und Sälen gerichtet ist; von welchen Dingen man schwerlich zu viel sagen kan, wenn man sie zu befördern vermögend ist. Nun bedaure ich, daß mir bisher fast niemand in diesen Bestrebungen die Hand hat bieten wollen, und man mich allein vor dem Riß stehen läßt.

Ende des Ersten Theils des vollkommenen Capellmeisters.