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Übersicht Mattheson, Vollkommener Capellmeister Startseite  

Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 3, Kap. 20 (Seite 3 von 3]

<371> §. 35. Es mag nun der Führer in dem herrschenden Klange einer Ton=Art, d. i. in deren Quinte, oder im End= und Haupt=Ton anheben; er mag dabey auf= oder niederwärts gehen und springen; so richtet sich doch immer der Gefährte nach ihm, und trifft einen ordentlichen, reinen Wiederschlag, so wie er mit der Ton=Art am foermlichsten übereinkommen mag. Die Beispiele werden es erläutern:

§. 36.

[Notenbeispiel, S. 371-372]

<372> §. 37. Da siehet man deutlich und in allen Fällen, daß aus der Quart die Quint, und aus der Quint die Quart, in den ordentlichen Wiederschlägen, werden muß. Das fünffte Exempel weiset noch über dies, daß aus der fallenden Secunde bey dem Gefährten der fortgesetzte Einklang entstehe. Und das siebende Thema zeiget in seinem Nachsatze nicht nur, daß die Schritte sich halbiren lassen, sondern daß ebenfalls daselbst die fallende Secunde zum Unisono werden müsse: es hebe der Führer im herrschenden oder Endigungs=Klange an.

[...]

<387> §. 94. [...] Weil ein Fugensatz sehr offt wiederholet wird, soll derselbe nicht nur feine, liebliche Gänge und Führungen der Melodie, sondern auch, so viel moeglich, unterschiedliche harmonische Figuren und Rückungen haben oder zulassen, damit er, bey so oeffterm Wiederschlage, dem Gehoer nicht verdrießlich falle. Hierzu ist nun nicht viel buntes oder tanzmäßiges noethig, sondern nur ein melodisches, natürliches Wesen, welches mit seiner edlen und singbaren Einfalt insgemein die besten Fugen abgibt; dahingegen es in den gezwungenen und gekünstelten Sätzen an nichts so sehr, als an der Melodie zu ge brechen pfleget.

[...]

<388> §. 100. Je näher sich demnach, bey der zwoten oder dritten Durchführung, die Stimmen, so zu reden, auf den Fersen folgen, oder gar ins Gehäge kommen, es sey nun durch die gewoehnlichen, vorgesetzten Intervalle, oder auf canonische Art durch den Einklang und Octave, und je unvermutheter diese Uiberraschung, bald oben, bald in der Mitte, bald unten vernommen wird, ohne sich an die Reihe zu binden, je angenehmer wird ein solcher Wechsel=Gesang zu hoeren seyn. Man moegte gleichsam in Gedancken zum Themate sagen: Siehe! bist du schon wieder da; das dachte ich nicht; an diesem Orte hätte ich dich wol nicht gesucht!

[...]

<389> §. 104. Bey dreistimmigen Fugen läßt es gar fein, wenn das Thema, nachdem es die beiden äussersten Stimmen schon gehabt haben, unvermuthet mitten eintritt, entweder im Alt oder Tenor, ohne daß sich jene deswegen im geringsten irre machen, noch ihre vorhabenden melodischen Gänge, Bindungen oder Rückungen unterbrechen lassen. Dieses muß all'improvisto, wie ein Uiberfall geschehen: nächst welchem fast die groesseste Kunst der Fugen in Vermeidung der Cadentzen, und in verkürzter Anbringung der Wechsel=Sätze bestehet;

Findet man nun diese drey Stücke in einer Fuge nicht, nehmlich den unerwarteten Eintritt bey Bindungen und Rückungen, die Entwischung foermlicher Schlüsse, und die Annäherung der Sätze zu ihrer Zeit, so darff ein jeder nur sicherlich gedencken, daß es nur eine Noten=Kleckerey, und der Fugenmacher nicht weit her sey.

§. 105. Noch ein kleiner, doch nicht auszusetzender Kunstgriff ist die woleingetheilte Abwechselung des Haupt=Satzes einer Fuge in ihren verschiedenen Stimmen, und die dazwischen einzuschaltende kurtze Schmückungen. Ich sage kurtze Zierathen: damit die Nebendinge nicht mehr Achtung gewinnen, als die Sache selbst, um deren willen sie da sind.

[...]

<393> §. 129. Wir schlagen schlißlich unsern Kunstbefliessenen die Partituren der wenigen guten Contrapunctisten zu Mustern in der Ausübung vor, deren Arbeit man fleißig nicht nur spielen (denn viele koennen eine erlernte Fuge gut spielen, und wissen doch kaum, worin sie bestehet) sondern genau durchgehen, untersuchen, und nach obiger Anleitung in eine Zergliederung bringen muß, damit man ihnen die Künste ablerne, solche nachahme und unsre gegebene Grund=Sätze wol anwende. Die mir bekannten grossen Meister in Fugen sind vor andern, Bach, Fux, Händel, J. Krieger, Kuhnau, Theile, Teleman, Walther etc. Niemand zu nahe geredet.