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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 3, Kap. 25 [Seite 1 von 3]

[Die Kapitel 21-24 des dritten Teils sind noch nicht erfaßt.]

25. Von der Spiel=Kunst. [§. 1-72]

<470> §. 1. Die Wissenschafft und Kunst auf Instrumenten wol zu spielen, [...] nennt man ORGANICAM, insgemein die Instrumental=Musik: weil sie mit äusserlichen Werckzeugen zu thun hat, und auf selbigen die menschliche Stimme so nachzuahmen suchet, daß alles gebührlich klinge und singe.

§. 2. Es folget demnach, als eine unumstoßliche und allererste Wahrheit in diesem Stücke, daß auch derjenige, der etwas rechtes auf Instrumenten setzen oder spielen will, nothwendig die Singekunst aus dem Grunde verstehen, und also fast mehr wissen müsse, als ein blosser Sänger.

[...]

<472> §. 21. Da [in der Instrumentalmusik] findet man nun [...] vornehmlich vier Stücke: das Präludiren oder Vorspiel; das Fugiren oder Fugenspiel, die Choral, oder das Liederspiel, und endlich das eigentliche Fantasiren, oder Nachspiel.

§. 22. Was das erste anlanget, so haben alle Vorspiele auf der Orgel einen dreifach Nutzen [...]. Daß die Zuhörer, zu der folgenden Haupt=Materie, oder zum angesetzten Choral=Gesange vorbereitet werden mögen, solches ist unstreitig der vornehmste Nutz des Präludirens, welches immer nachdrücklich, iedoch mehr kurtz, als lang seyn soll.

[...]

§. 25. Soll nun der ersten Absicht ein Genüge geschehen, so müssen die Präludien (worunter aber eigentlich weder Fugen, noch variirte Sachen, obwol keine Sonaten oder Sonatinen gehören) so eingerichtet werden, daß sie auf den Haupt=Inhalt der folgenden Kirchen=Stücke oder Choräle zielen. Das ist zu sagen, die aus freiem Sinn herfliessende kurtze Vorspiele müssen eben diejenige Leidenschafft durch den figürlichen Klang auszudrucken trachten, welcher in den Worten des zu musicirenden Stückes, oder von der Gemine anzustimmenden Kirchenliedes angedeutet wird.

<473> §. 26. Weil es denn solcher Kirchenstücke und Gesänge viele gibt, die gar verrschiedene Gemüths=Bewegungen in sich fassen, als da sind: erhabne Freude, stille Zufriedenheit, unverstellte Demuth, rührende Wehmuth, tiefe Reue, herbes Leid, hefftige Sehnsucht, dringendes Verlangen; festes Vertrauen, ungestörte Andacht, siegende Großmuth, billige Verachtung, heiliges Trotzen etc. [...]: So hat ein kluger Spieler dahin zu sehen, daß er den vorhabenden Affect wol kenne, sich denselben im Vorspielen fest eindrücke, und seine Einfälle so darnach regiere, daß er die Zuhörer nicht zum Weinen einlade, wenn sie freudig seyn sollen; noch jemanden zum Lachen bewege, dessen Hertz vielmehr eine Zerknirschung erfordert. [...]

[...]

<474> §. 33. Was das Fugenspiel betrifft, ist solches zweierley. Eine Art der Fugen gehört zur wircklichen Ausführung der Choräle, und da werden die Fugensätze aus der Melodie der Gesänge selbst genommen. Die andere bezieht sich auf das Vor= und Nachspiel, als ein Theil oder eine Folge desselben: und da nimmt oder macht man sich die Themata nach Gefallen; richtet sie so ein, daß sie mit dem Inhalt der Worte und des Vortrages, der vorhergegangen oder folgen soll, übereinkommen; führet sie nach den Regeln [...] richtig und künstlich aus: macht es iedoch mit ihrer Länge so, daß kein Eckel entstehe.

[...]