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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 3, Kap. 25 [Seite 2 von 3]

<477> §. 54. Das sogenannte Fantasiren bestehet demnach in verschiedenen Stücken, die wir ein wenig aus einander legen müssen: Intonazioni, Arpeggi, senza e con battuta [in festgelegtem oder freiem Rhythmus bzw. mit oder ohne Metrumbindung], Arioso, adagio, Passaggi, Fughe, Fantasie, Ciacone, Capricci &. sind die vornehmsten, welche alle mit einander, samt ihrem Final, unter dem allgemeinen Nahmen der Toccaten begriffen werden können [...].

§. 55. Die Intonatio geschiehet am besten mit einigen wenigen vollen Griffen; wiewol auch gewisse gebrochene Accorde, es sey von oben nach unten, oder von unten nach oben, Dienste hiebey thun können. Doch muß es, so viel möglich, ungezwungen und ohne Vermerckung des Tacts geschehen.

§. 56. Die Arten von Arpeggi sind unzehlich [...]

§. 57. Arpeggi senza battuta sind diejenigen, so zur Abwechslung gebraucht werden, und in 8 bis 10 gebrochene Stimmen mit vollen Griffen auf und niederfahrend bestehen. Sie werden sowol zu Anfang, in der Intonatio, oder Intrada, als hernach, hin und wieder gebraucht und eingestreuet.

§. 58. Ein Arioso und Adagio bindet sich mehr an eine bewegliche Singart und manierliche Melodie, als an eine genaue Zeitmaasse [...]. Man kan der Zeitmaasse im Fantasiren sehr wol entbehren, insofern dieselbe im engern Verstande genommen wird. Und hier kömmt es auf die Singe=Kunst an, deren Mangel sich alsobald bey dem geringsten übel angebrachten Accent, vorrschlag, Schleuffer etc. verräth.

§. 59. Durch die Passaggi verstehen wir hie geschwinde in dreigeschwänzten Noten bestehende Läuffe, wobey die Abwechslung der Hände zu thun findet. [...] <478> Die Passaggi müssen aber in diesem Stücke von den diminutionibus und melismis unterschieden werden: indem sie einen gewissen melodischen Gang zum Grunde haben, den sie nur variiren; jene aber nichts singendes in sich fassen, sondern bloß der Fertigkeit halber, und solche zu zeigen, eingeführet werden.

§. 60. [...]

§. 61. Die Ciacone werden auch offt mit in die Toccaten geflochten, und waren vor Alters von großem Ansehen, welches sich allmählich zu verlieren beginnet, weil die gar zu öfftere Wiederholung des Unterwurffs, aller Variation ungeachtet, dennoch verdrießlich fällt und einen Eckel verursacht [...].

§. 62. Die Capricci lassen sich nicht wol beschreiben. Der eine hat diese, der andere jene Einfälle. Je wunderlicher und ausserordentlicher sie sind, ie mehr verdienen sie ihren Nahmen. Nur nicht zu viel davon angebracht, so sind sie auch gut.

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