Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Startseite

Quantz: Anweisung - Kap. 11

[Seite 3 von 3]

§. 18. Ich habe oben gesagt, daß man durch den Zusatz der Manieren die Melodie bereichern und mehr erheben müsse. Man hüte sich aber, daß man den Gesang dadurch nicht überschütte, oder unterdrücke. Das allzu bunte Spielen kann eben sowohl als das allzu einfältige, dem Gehöre endlich einen Ekel erwecken. Man muß deswegen nicht nur mit den willkührlichen Auszierungen, sondern auch mit den wesentlichen Manieren, nicht zu verschwenderisch, sondern sparsam umgehen. [...]

<110> §. 19. Ein jeder Instrumentist muß sich bemühen, das Cantabile so vorzutragen, wie es ein guter Sänger vorträgt. Der Sänger hingegen muß im Lebhaften, das Feuer guter Instrumentisten, so viel die Singstimme dessen fähig ist, zu erreichen suchen.

§. 20. [...]

§. 21. Der schlechte Vortrag ist das Gegenteil von dem, was zum guten Vortrag erfodert wird. [...] Der Vortrag also ist schlecht: wenn die Intonation unrein ist, und der Ton übertrieben wird; wenn man die Noten undeutlich, dunkel unverständlich, nicht articuliret, sondern matt, faul, schleppend, schläfrig, grob, und trocken vorträgt; wenn man alle Noten ohne Unterschied schleifet oder stößt; wenn das Zeitmaß nicht beobachtet wird; und die Noten ihre wahre Geltung nicht bekommen; wenn die Manieren im Adagio zu sehr verzogen werden, und nicht mit der Harmonie übereintreffen; wenn man die Manieren schlecht endiget, oder übereilet; die Dissonanzen aber weder gehörig vorbereitet, noch auflöset; wenn man die Passagien nicht rund und deutlich, sondern schwer, ängstlich, schleppend, oder übereilend und stolpernd machet, und mit allerhand Grimmassen begleitet; wenn man alles kaltsinnig, in einerley Farbe, ohne Abwechslung des Piano und forte singt oder spielet; wenn man den ausdrückenden Leidenschaften zuwider handelt; und überhaupt wenn man alles ohne Empfindung und ohne selbst gerühret zu werden, vorträgt; [...] wodurch aber der Zuhörer eher in eine Schläfrigkeit versetzet als auf eine angenehme <111> Art unterhalten und belustiget wird; mithin froh seyn muß, wenn das Stück zu Ende ist.