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Übersicht Riemann: Klavierschule op.39
 
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Riemann: Klavierschule op. 39,1

1. Mechanisches.

§ 1. Sitz vor'm Klavier.

<1> Der normale Sitz des Spielers ist mitten vor dem Klavier, [FN] genauer etwa so, dass er die Töne c'-g' gerade vor sich hat und, wenn er die Hände gerade aus auf die Tasten bringt, mit der linken c-g, mit der rechten c"-g" trifft. Es ist das, ganz unabhängig von der Ausdehnung des jedesmaligen Instruments nach der Höhe und Tiefe, der rechte Sitz; denn nicht das kann massgebend sein, ob der Instrumentenmacher in der Höhe oder Tiefe ein paar selten oder nie vorkommende Töne zugegeben hat, sondern: welche Tonregion die <2> wahrhaft mittlere, am meisten gebrauchte ist. Ich meine aber, das ist ohne allen Zweifel die Region der menschlichen Singstimme (F-a") und speziell die Region der allen Stimmen gemeinsamen Töne c'-f'; um diese bewegt sich alle Musik als um ihren eigentlichen Angelpunkt. Sitzt also nur ein einziger Spieler vor dem Klavier, und gilt es, dass dieser sich Ortssinn für den ganzen Umfang der Klaviatur erwerbe, was ja natürlich eine der ersten und wichtigsten Aufgaben des Studiums ist, so kann über die Wahl des Sitzes kaum ein Zweifel möglich sein. Natürlich ändert sich die Sachlage beim vierhändigen Spiel, wo der gleiche Anspruch zweier Spieler den Sitz von der Mitte der Klaviatur für beide zur Unmöglichkeit macht. Die Mitte (c'-g') muss dann zwischen beiden Spielern liegen, d.h. der Spieler des Diskantsätze setzt sich etwa vor c"-g", der des Bassparts vor c-g.

Man hat bis jetzt der Überlegung keinen Raum gegeben, dass das vierhändige Spiel in den ersten Stadien der technischen Ausbildung der Entwickelung eines sicheren Ortsgefühls entschieden hemmend entgegentreten muss. Aus dem gleichen Grunde ist es nicht zu billigen, dass der Schüler längere Zeit nur im Violinschlüssel notirte Übungen zu spielen bekomme (ganz abgesehen davon, dass auch aus andern Gründen die Verschiebung des Erlernens der Bassnoten verwerflich ist; vgl. Methode, Kap. Elementarunterricht); denn natürlich wird man den Schüler nicht mitten vor die Klaviatur setzen, so lange er nur auf deren rechter Hälfte beschäftigt wird. [Fußnote: Ludwig Klee (Elementar-Klavierschule, S. 3), weist ganz konsequent dem Schüler den Sitz vor der Mitte dieser Tasten c' und g" an.]

Persönliche Erfahrung hat mich belehrt, dass es sehr wohl möglich ist, den Schüler gleichzeitig mit den Bassnoten und Violinnoten vertraut zu machen; solange seine Kenntnisse noch zu beschränkt sind, um das Studium entsprechender zweihändiger Stücke zu ermöglichen, muss er sich auf das Spiel einhändiger Melodien beschränken, die abwechselnd im Violinschlüssel und Bassschlüssel innerhalb der ihm bekannten Noten gehalten sind. Solche der Mehrstimmigkeit entbehrende Sätzchen genügen für das Auffassungsvermögen des Anfängers vollständig, und es ist <3> ein eigentümlicher Fehlschuss, dass man glaubt, die Aufgaben der Elementarschüler dadurch interessanter machen zu müssen, dass man eine komplizirte Secondoparthie für den Lehrer oder einen vorgerücktern Schüler zu denselben setzt. Es ist unpädagogisch, dass der Schüler gleich anfangs Töne höre, die er nicht spielt, ehe er gelernt hat, das Lesen, Spielen und Hören in den nöthigen Konnex zu setzen. Das Stadium des Parallelspiels beider Hände in Oktaven habe ich stets überspringen lassen, weil es gar nicht oder doch nur äusserst wenig fördert.