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Übersicht Riemann: Klavierschule op.39
 
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Riemann: Klavierschule op. 39,1

§ 8. Spannlagen.

<30> Immer wieder muss auf die Nothwendigkeit eines sicheren Ortsgefühls auf dem Klaviere hingewiesen werden; die Klaviatur soll vor dem Tastsinn und Auge des Spielers bei fortschreitendem Studium immer mehr zusammenschrumpfen. So endlos weit ihm anfangs die Entfernung von einem Ende derselben zum andern erscheint, es muss dahin kommen, dass er diese Entfernung genau kennt und im Dunkeln Sprünge von mehreren Oktaven mit Leichtigkeit und Sicherheit auszuführen vermag. [FN] Es wäre aber der falsche Weg, wollte man die Treffsicherheit speciell durch Sprungübungen zu erwerben suchen; vielmehr gilt es zunächst, bei stillstehender Hand in engem Umkreise sicher Bescheid zu lernen und allmählich die Entfernungen zu vergrössern. Da Treffsicherheit ohne Geläufigkeit keinen Werth hat, so ist auf die letztere besonders fördernden Übungen der 5 Finger mit Quintenspannung (Materialien, 2. Heft, Abth. 8, No. 261-271), viel Gewicht zu legen. Die Trefffähigkeit dagegen wird in diesem Stadium am sichersten gefördert durch Staccato-Übungen, bei denen im Anfang darauf zu sehen ist, dass die Finger sich recht weit von den Tasten entfernen. Erst für ein vorgerückteres Stadium (3. Stufe) bestimmt, dann aber eminent fördernd sind die Ubungen im doppelgriffigem Staccato mit Wechselfingern.

Allmählich wird die Spannweite vergrössert, d.h. von der Quintenspannung wird zur Sextenspannung weiter zur Septimen- und Oktavenspannung übergegangen; erst wenn letztere hinreichend geübt ist, kommen die Sprünge an die Reihe. Noch weitere Spannungen sind nicht für die ganze Hand sondern nur für einzelne Finger zu üben, z.B. die Dezime nicht als Spannung für 1-5 sondern nur in Gängen wie

1 2 5 usw.
c g e

wobei darauf zu achten ist, sodass die nicht mehr beschäftigte Handhälfte <31> sich sogleich wieder zusammenzieht und nicht in Spannung bleibt. Anderenfalls können die Spannübungen nur nachtheilig wirken und müssen eine Verminderung der Elasticität der Hand zur Folge haben. Aus demselben Grunde ist auch das Studium der doppelgriffigen Übungen nur ja nicht zu übertreiben, obgleich dieselben andrerseits besonders geeignet sind, die Spannfähigkeit der Hand zu erweitern. Die von Bülow eingeführten doppelgriffigen Staccato-Übungen mit Wechselfingern, welche in meine Technischen Vorstudien (Mat., 2. Heft, Abth. 24, No. 498-500) aufgenommen sind, haben die grosse Bedeutung, dass sie alle Spannung vermeiden, daher vor Ermüdung schützen. Überhaupt aber mache man sich nur ja ganz klar, dass beim Staccato durch den Wegfall der Bindung meist auch alle Spannung beseitigt wird und dass das einstimmige Staccato Spannung überhaupt nicht kennt.