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Übersicht Riemann: Klavierschule op.39
 
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Riemann: Klavierschule op. 39,1

§ 9. Parallelgehen verschiedener Anschlagsarten.

Eine erhebliche Schwierigkeit bietet die Ausführung von Stellen, welche verschiedene Anschlagsarten gleichzeitig verlangen. Wenn es an und für sich schon nicht leicht ist, zweierlei zugleich zu wollen, so ist es um so schwerer, wenn sich die Ausführungsbedingungen scheinbar durchaus widersprechen, wie z.B., wenn eine und dieselbe Hand eine Stimme legato und die andere staccato spielen soll. Reiner Staccato-Anschlag kann mit strengem Legato in derselben Hand nicht kombinirt werden; denn da das Legato die Finger auf der Taste festhält, so kann die Hand nicht in ihrer Totalität aufgehoben und geschnellt werden. Sofern also das wirkliche Legato conservirt werden soll, muss das Staccato innerhalb der Grenzen der Bewegungen aufgeführt werden, welche bei einem oder zwei festliegenden Fingern möglich sind, d.h. als reines Finger-Staccato oder dem Legato näher stehend als Mezzostaccato (leggiero), Non legato, oder gar Mezzolegato. Die besondere Situation der auf den Legato spielenden Fingern ruhenden Hand dispensirt aber für das Finger-Staccato von der sonst nothwendigen Feststellung des Handgelenks und wir erhalten so eine neue Art des Finger-Staccato, das mit losem Handgelenk. [FN] Seine Ausführung ist bequemer als die des Finger-Staccato <32> und Leggiero ohne Stützfinger. Es versteht sich, dass die Ausführung des Non legato in Kombination mit dem Legato keinerlei Schwierigkeiten bietet, da die Handlage für beide dieselbe ist.

Eine sehr wichtige Anschlagskombination ist ferner die verschiedene Tonstärke für zwei von derselben Hand auszuführende Stimmen, z.B. wenn der vierte und fünfte Finger Melodie zu spielen haben, die andern Finger dagegen eine leiser gehaltene Begleitungsfigur. [FN] Die Schulen legen im allgemeinen wenig Werth auf diese häufigste aller Kombinationen; es scheint fast, als scheuten sie sich, es auszusprechen, dass wirklich die Melodiestimme stärker gespielt werden muss.

Unsere besten Virtuosen unterscheiden jedoch die Tonstärke für Hauptstimmen und Nebenstimmen stets, und es erscheint als Ausnahme, wenn einmal durch eine längere Stelle keine Stimme dominirt. Ist es recht, abzuwarten, dass der Schüler dem Virtuosen diese so einfachen Künste, die aber so gut Übung erfordern als alle anderen, ablauscht? ich denke, nein! es ist Sache der Schule, alles, was zu geschmackvoller und ausdrucksvoller Reproduktion gehört, in ihr Bereich zu ziehen und systematisch <33> zu üben. Vielleicht ist es nicht unangebracht, schon hier vorbereitend darauf hinzuweisen, dass für den Melodievortrag das strenge Legato (mit Druck auf die ausgehaltenen Tasten) die Regel sein wird, während für wirkliche Begleitungsfiguren (Arpeggien, tonleiterartige Figuration etc., das Mezzolegato häufig ausreicht. Tauchen in der Begleitung Imitationen auf, so wird der Übergang in das ausdrucksvolle strenge Legato geboten sein.